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Insel-Bote

20. September 2017 | 16:42 Uhr

In Nebel : Ganz schön schräg

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Die Künstlerin Suzie Bohm hat schon oft auf Föhr ausgestellt. Nun zeigt sie ihre Bilder in der Amrumer Mühle.

Ist das nicht ein kleines Haus da drinnen im Fisch? Aber hing an dessen roter Wand nicht eben noch ein großes blaues Spinnennetz? Und sitzt hier nicht das gleiche Haus auf einer Schaukel mitten in Afrika? Man muss schon genau hingucken und sich ein bisschen Zeit fürs Detail nehmen, wenn man die Bilder und Radierungen von Suzie Bohm in der neuen Mühlenausstellung anschaut und das kleine Schmunzeln entdecken will, dass hinter vielen der Exponate steckt. Oder wurde man etwa durch die schräge Hängung auf die Doppeldeutigkeit mancher Werke gestoßen?

Auf den ersten Blick mögen besonders die in den hinteren beiden Räumen der Mühle ausgestellten Werke klein und unscheinbar daher kommen, gar lauschig oder bieder wirken, doch auf den zweiten Blick haben sie es ganz schön „in“ sich – im wahrsten Sinn des Wortes.

Hinter Suzie Bohms Bildern stecken Geschichten – wie die von den ziemlich kräftigen „Mee(h)rjungfrauen“, die im flachen Wasser stehen und ausgiebig tratschen. Die leichte Ironie verbirgt sie gern in den Titeln ihrer Arbeiten – so beim „Rosenkavalier“, einer Farbradierung, auf der zwei Schafsköpfe verträumt durch ein Gestrüpp aus Hagebutten schauen.

In vielen Werken spiegeln sich Suzie Bohms Kindheitserinnerungen an die Nachkriegszeit auf dem Lande wider, sei es in der „Wrukenzeit“, den Rezepten für die Ausstellung „Omas Küche lebt“ oder dem ironischen „Wo kommen eigentlich die kleinen Friesenhäuser her?“. Eher nicht von Sylt, wo ihre Oma wohnte, sondern aus Nebel, sagt Suzie Bohm.

1942 geboren als Tochter eines Musikers in Stettin, wuchs sie als Flüchtlingskind in Schleswig-Holstein auf, lernte einen „ordentlichen“ Beruf, heiratete und bekam drei Kinder, die bildende Kunst blieb zunächst Hobby. 1979 verschrieb sie sich der Radierung, „Ich experimentierte mit Farben, ritzte, ätzte und druckte wie besessen zwischen Waschmaschine und Bügelbrett“, so Bohm. Sie fand ihren eigenen Stil, stellte 1982 ihre Bilder und Drucke zum ersten Mal aus und ist seit 1984 freischaffende Künstlerin, deren Arbeiten schon oft auf der Nachbarinsel Föhr gezeigt wurden.

Für ihre Radierungen nutzt Suzie Bohm unterschiedliche Techniken. So ist „Sarah ‚an’ Weißkohl“ eine Flächenätzung, das „nächtliche Rendezvous“ eine Farbradierung und die „Sauerscharfe Nudelsuppe“ eine Kaltnadelradierung. Ihre farbigen Drucke sind nicht koloriert, wie man meinen könnte, sondern „à la Poupée“ hergestellt, ein Verfahren, bei dem alle Farben zusammen auf eine Druckplatte aufgetragen werden und die Radierung dann in einem Durchgang gedruckt wird, nicht Farbe für Farbe nacheinander von mehreren Platten. Entsprechend klein sind die Druckauflagen, manchmal umfassen sie nur einige wenige Blätter. Nicht immer sind es Blätter im klassischen Sinn – Suzie Bohm druckt auch auf Holz und so originellen Untergründen wie Lachs-Leder.

Die Künstlerin lebt und arbeitet in einer rund 400 Jahre alten Rauchkate in Kiebitzreihe, einem Dorf nahe Elmshorn, und ihr „kleines rotes Haus“ nimmt sie fast überall mit hin – in Fischbäuche, auf Baumschaukeln, ins Wintermärchen oder zum nächtlichen Rendezvous. Suzie Bohm bezeichnet sich selbst als „Papierfreak“, schöpft ihr eigenes Papier und experimentiert mit den verschiedensten Sorten. „Das würde ich gern einmal auf Amrum vorstellen – einen Workshop, vom handgeschöpften Papier aus Altpapier oder Eierkartons über den Druck bis hin zum fertigen Büchlein“, sagt die Künstlerin.

Sie stellt aber nicht nur ihr Papier selbst her, sondern auch Papyrus – aus Pflanzen, Obst und Gemüse. Erst muss dem Papyrus die Feuchtigkeit entzogen werden, beim Druck jedoch muss er wieder nass sein und anschließend getrocknet werden, ohne dass das filigrane Material reißt, schrumpelt und sich das Bild verzieht – ein handwerklich sehr aufwändiges Verfahren.

Der „gefräßige Sonnenbarsch“ und die anderen Fische auf Gemüse-Papyrus wirken so plastisch als seien sie aufgeklebt, doch es sind gedruckte Pappgravuren, also auf Pappe gezeichnet, geschnitten, reingeritzt und mit Spezialfarbe flink gedruckt, verrät die Künstlerin.

Aus Kohl, Rote Beete, Mohrrüben oder Steckrüben entstehen im kleinen roten Haus sogar essbare Bücher (“books2eat“) und andere Objekte wie Schuhe, Schmuck oder Hüte. Den Bikini aus Radieschen-Papyrus, der gerade auf der Leine im Atelier zum Trocknen hing, habe ihr Mann allerdings versehentlich mit dem neuen Industriestaubsauger aufgesaugt, berichtet Bohm amüsiert. Am häuslichen Power-Sauger lag es jedoch nicht, dass ihre Papyrus-Objekte und Künstlerbücher in der Amrumer Mühle nur auf der Vernissage zu sehen waren. Es fehlten der Platz und eine geeignete Ausstellungsvitrine.

Suzie Bohms Werk ist vielseitig. Es umfasst neben Radierungen, Gravuren, Künstlerbüchern und Papyrusobjekten auch auf Fliesen gemalte Bilder, Mischtechniken, Öl- und Acrylbilder, die vor allem im großen Raum der Mühle zusammengefasst sind. Sie zeigen Blumen und Boote, reetgedeckte Häuser, Puppen oder Matjes, Schafe neben Kois.

In der jüngsten Zeit hat sich Suzie Bohm stärker dem Malen zugewandt. Viele der ausgestellten Acrylbilder sind jüngeren Datums und geizen nicht mit Ironie. Darauf stapfen beinfreie Urlauber in gelben Friesennerzen eisern irgendwo ins Watt hinein und bei der Radierung „Saisonbeginn“ bleibt scheinbar nichts und niemand mehr ungewaschen, bevor die Gäste kommen. Ganz schön schräg, was da inzwischen alles an der Leine hängt.



Die Arbeiten von Suzie Bohm sind noch bis zum 18. August in der Nebeler Mühle zu sehen. Geöffnet ist täglich von 10 bis 13 und 14 bis 17 Uhr, montags aber nur bis 16 Uhr und sonntags erst ab 11 Uhr.



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