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In Wyk : Gänsehaut-Gefühl in St. Nicolai

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Pfingstkonzert stand in diesem Jahr ganz im Zeichen Martin Luthers. Beeindruckende Leistung der Akteure mit langem Applaus belohnt.

Ohne die Existenz Martin Luthers wäre es an diesem Pfingsonntag in der St.-Nicolai-Kirche in Boldixum wohl ein trauriger Abend geworden, oder zumindest ein langweiliger. Denn nicht viele Menschen wissen, dass er es war, der die Musik in die Kirchen gebracht hat. Martin Luther führte die singende Gemeinde in den Gottesdienst ein. In Wittenberg begann er, Teile der lateinischen Messe durch deutsche Lieder zu ersetzen. Sie wurden aus den neuen Gesangbüchern gesungen. Luther betonte wie keiner vor ihm den pädagogischen Wert der Musik. Er forderte, dass nicht nur jeder Pfarrer, sondern auch jeder Schullehrer singen können müsse. Ohne seine Begeisterung für die Musik wären keine Stellen für Kantoren und Organisten geschaffen worden. Doch sein Einfluss reicht über den Gottesdienst weit hinaus. Luther-Bibel und Gesangbuch boten den Komponisten der Reformationszeit den nahezu ausschließlichen, überaus reichhaltigen und vielfältigen Stoff für ihre geistlichen Werke. Dieser Einfluss Luthers war das Thema dieses Abends.

Pastor Edwin Becker-Wichmann nutzte die Gelegenheit, um die Besucher in der vollbesetzten Kirche mit einem Lutherzitat zu begrüßen: „Nichts ist wichtiger auf Erden als die Musik. Sie ist in der Lage, Gemüter zu lenken.“

Recht sollte er behalten, denn das Publikum war von dem anspruchsvollen Programm, das Martin Bruchwitz für sein diesjähriges Pfingstkonzert zusammengestellt hatte, begeistert. Nach dem Präludium, das Birgit Wildeman meisterlich auf der Orgel zelebrierte, folgten weitere Werke von Johann Sebastian Bach, Heinrich Schütz, Felix Mendelssohn Bartholdy und Georg Philipp Telemann.

Zwei Dinge beeindruckten besonders: Zum einen das nahtlos-harmonische Zusammenspiel der Kantorei St. Nicolai und des auf der Insel bereits von vielen Auftritten bekannten Rungholt-Ensembles aus Hamburg, und zum zweiten das hohe Niveau der alles überstrahlenden Sopranstimmen. Die Kombination erzeugte Gänsehautgefühle. Wohl auch bei Martin Bruchwitz, der im Vorfeld lediglich eineinhalb Stunden Zeit hatte, mit dem Akteuren gemeinsam zu proben. „Das hat mich besonders gefreut, dass das Zusammenspiel von Profis und Amateuren so gut geklappt hat“, zeigte sich der Kantor von St.-Nicolai am Ende überaus zufrieden.

Martin Luther selbst soll eine klangvolle Stimme gehabt haben und sang leidenschaftlich gern. Der Nürnberger Meistersinger Hans Sachs nannte ihn die „Wittenbergische Nachtigall“. Luther spielte Laute, sang im Chor der Eisenacher Georgenkirche und zog als Kurrendesänger von Haus zu Haus, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Später studierte er an der Erfurter Universität nicht nur Theologie, sondern auch Gesang. Auch den Einsatz von Posaunen- und Trompetenchören in der Kirchenmusik haben wir Luther zuzuschreiben.

Und so konnte auch der Föhrer Musiker Andreas Veith, sowohl mit seinem Bläserquartett als auch Solo auf der Trompete, sein Können unter Beweis stellen. Das Publikum dankte den Akteuren mit anhaltendem Applaus und als Zugabe spielte das Ensemle erneut „Eine feste Burg ist unser Gott“, allerdings diemal nicht in der Telemann-Version, sondern der von Luther selbst. Es ist eine von etwa 20 Melodien, die von ihm erhalten sind. Erst nach der zweiten Zugabe schloss Pastor Becker-Wichmann den Abend und verabschiedete die Besucher mit einem Grußwort in die Nacht.

Die Reformation legte einen Grundstein der europäischen Musikkultur. Ohne Martin Luthers Musikverständnis hätte es – zumindest in dieser Weise – keinen Heinrich Schütz, keinen Johann Sebastian Bach, keine Posaunenchöre, keine Chorbewegung, keinen professionellen Kirchenmusikerberuf und nicht einmal christliche Popmusik gegeben. Einziger Schönheitsfleck war, dass der Hörer allein gelassen wurde mit der Musik, ohne Rahmeninformationen zu erhalten. Die Thematik, unter der die Veranstaltung stand, wurde mit keinem Wort erläutert. Eine kurze Erklärung, zumindest bei einigen Werken, wäre aber sinnvoll, um auch dem Musik-Laien die Möglichkeit zu geben, ein tieferes Verständnis zu entwickeln und den inhaltlichen „Nährwert“ zu erhöhen. Diese informative „Message“ fehlte und so war es „nur“ ein toller Abend mit professionellen Musikern.

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erstellt am 06.Jun.2017 | 08:30 Uhr

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