zur Navigation springen

Deichbau auf Föhr : Gänsebrutkasten oder Vogel-Biotop?

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Bei der Einwohnerversammlung in Oevenum wurde deutlich: An Plänen zur Kleientnahme auf einer Elmeere-Fläche scheiden sich die Geister.

Die Verstärkung des Deiches im Abschnitt Dunsum/Utersum ist notwendig und absolut gewünscht, immerhin darin waren sich alle Anwesenden in der Oevenumer Einwohnerversammlung einig. Bürgermeisterin Gisela Riemann konnte nicht nur zahlreiche Oevenumer begrüßen, sondern auch viele andere interessierte Föhrer. Mit Dr. Johannes Oelerich vom Landesamt für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN), Franz Brambrink von der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises Nordfriesland (UNB), Deichgraf Karl Julius Volkerts, Dr. Hark Ketelsen als Geschäftsführer des Deich- und Sielverbandes und Dr. Helmut Finckh als zweitem Vorsitzenden des Vereines Elmeere waren auch alle Beteiligten vertreten, die über den Ort der Kleientnahme zur Deichverstärkung diskutierten.

So erklärte Oelerich, dass ein Volumen von 300  000 Kubikmetern Abdeckboden vonnöten sei, um die Maßnahme durchführen zu können. Dabei wolle das LKN vermeiden, dass – wie im Falle des Oldsumer Deiches – vielerorts verstreut kleine Entnahmeflächen entstünden, die dann entsprechend tiefer ausgehoben werden müssten. Der Klei für den Oldsumer Deich, der aus Tiefen von vier bis fünf Metern genommen werden musste, sei praktisch tot gewesen und damit von minderer Qualität. Der lange Zeit fehlende Bewuchs dieses Deiches gebe Zeugnis davon. Außerdem seien tiefe Teiche entstanden, deren Ufer schwer zu stabilisieren seien.

Willkommen sei daher eine potentielle Kleientnahmefläche in der nördlichen Oevenumer Marsch, nahe der Alten Vogelkoje. Dieses über 40 Hektar große zusammenhängende Areal, das dem Verein „Elmeere“ gehört, sei laut Bodenproben, so Oelerich, gut geeignet

Für Helmut Finckh stellt sich das Anliegen des LKN als klassische „Win-Win-Situation“ dar. Denn auch Elmeere wolle großflächig abwechslungsreiche Feuchtgrünlandflächen mit Flachwasserzonen schaffen, die zum Erhalt der Beweidungsmöglichkeit im Sommer abtrockneten. Normalerweise werde der Bodenaushub als Wall rund um die Flächen deponiert, erläuterte Finckh und ergänzte, dass der Bisam die Wälle gerne angrabe, mit der Folge, dass das Wasser ablaufe und deswegen von Anfang an tiefer gegraben werden müsste.

Wenn der Aushub nun direkt zum Deichbau verwendet werden könnte, würden bei 40 Hektar Fläche nur Tiefen bis zu 75 Zentimetern entstehen. Allerdings hätten die Renaturierungsflächen einen anderen Bewässerungsrhythmus als die Landwirtschaft, weswegen die Unabhängigkeit von der Entwässerung durch den Deich- und Sielverband notwendig sei.

Sowohl Finckh als auch Franz Brambrink halten die Verlegung eines Vorfluters deswegen für eine notwendige Maßnahme. Weiterhin sei es unumgänglich, dass Störungen in einer naturwirtschaftlichen Fläche minimiert würden, so Brambrink. Die Integration des noch durch die Flächen laufenden Mittelfardingsweges sei unabdingbar; ein weiteres Plus bei dieser Integration wäre, dass die Abgrenzungszäune entlang des Weges abgerissen werden könnten. Allerdings sei der unbefestigte Feldweg im Besitz der Gemeinde Oevenum und müsste von Elmeere gekauft werden, sonst würde die Biotopmaßnahme nicht genehmigt werden, so Brambrink.

„Wir haben eine einmalige Naturschutzfläche da“, kritisierte Gerd Ohlsen als Hegeringsleiter und Vereinsvorsitzender von „Flora, Fauna, Wild Föhr“ die geplante Maßnahme. „Was hier betrieben wird, ist Raubbau an der Natur.“ Er fürchtet die Entstehung eines riesigen „Gänsebrutkastens“ statt eines vielfältigen Biotops für Wiesenvögel und Limikolen aller Art und berichtete, dass in dem „letzten Ruhepol“ derzeit neun bis zehn Uferschnepfenpaare lebten. Zahlreiche Zwischenrufe der Zuhörer zeigten, dass diese Ohlsens Befürchtungen teilten, was Gemeindevertreter Kai Olufs mit einem Hinweis auf den Oldsumer Deich in deutliche Worte fasste: „Viele haben Angst vor der Fachkompetenz und Angst vor Versprechungen, die nicht gehalten werden.“ Auch Gemeindevertreterin Gerda Gade versteht die Sorgen des Hegerings gut, warnte allerdings vor der schlechteren Alternative, überall verteilt kleine, und damit tiefere Kuhlen auszuheben.

„Wenn wir auf Föhr Klei entnehmen müssen, warum sollte er nicht von da kommen?“ rechtfertigten Hark Ketelsen und Karl-Julius Volkerts die fast einstimmige Entscheidung des Deich-und Sielverbandes, der Kleientnahme zuzustimmen, zumal der große Vorfluter in dem Gebiet keinen Wert mehr habe.

Mit der eindringlichen Bitte „wir sollten langsam mal zu Potte kommen“, warb der Dunsumer Landwirt Erk Hemsen, der den Treibsaum immer höher steigen sieht, um einen baldigen Beginn der Deichverstärkung. „Diese könnte, sollte ab jetzt alles klappen, 2018 beginnen“, versprach Oelerich. Die Gemeindevertretung Oevenums, so wurde deutlich, wird es sich mit der Entscheidung, den Mittelfardingsweg zu verkaufen, nicht leicht machen. „Bei manchen Entscheidungen weiß man erst später, ob sie gut oder schlecht waren“, brachte Riemann das Für und Wider auf den Punkt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen