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brisantes thema : Führung gegen das Vergessen

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Eine ganz besondere Art der Stadtführung können Gäste und Insulaner seit kurzem mit Anja Behrendsen erleben. „Darüber reden wir nicht – Wyk nach der Weimarer Republik“ lautet das Thema der jungen Frau.

shz.de von
erstellt am 06.Mai.2014 | 18:30 Uhr

Eine ganz besondere Art der Stadtführung können Gäste und Insulaner seit kurzem mit Anja Behrendsen erleben. „Darüber reden wir nicht – Wyk nach der Weimarer Republik“ lautet das Thema der jungen Frau, die mit dieser Führung, wie sie betont, alte Zeiten lebendig erhalten und den Nachkommen vermitteln möchte. „Meine Kinder können mit der damaligen Zeit nichts anfangen, ich wurde 1968 geboren und hatte auch keinen Bezug dazu und meine Eltern ebenfalls nicht“, sagt sie und hat sich deshalb intensiv mit diesem deutschen Kapitel beschäftigt.

Anja Behrendsen begann mit dem Jahr 1930, in dem im „Collosseum“ im Anschluss an einen Vortrag im September unter Führung des Apotherkers Dierks die erste Ortsgruppe der NSDAP gegründet worden war. Das „Collosseum“ war in den 1930-er Jahren der gesellschaftliche Mittelpunkt der Insel, in dem 1945 auch ein Notquartier für verwundete Soldaten errichtet wurde.

Natürlich war die Geschichte des Fliegers und Kapitäns Friedrich Christiansen ein wichtiger Meilenstein in dieser Zeit. Anja Behrendsen erinnerte daran, dass dieser deutsche Offizier, der großes Ansehen genoss und Ehrenbürger der Stadt Wyk war, vielen Insulanern auch als „Wohltäter“ in Erinnerung ist und nach dem einst die Große Straße benannt wurde, für die Verschleppung tausender Zwangsarbeiter verantwortlich und in den Niederlanden – als Wehrmachtsbefehlshaber – an der Deportation unzähliger Juden und schließlich auch an der Deportation der Männer aus dem holländischen Putten beteiligt war. Christiansen, nach dem Krieg zu zwölf Jahren Haft verurteilt, war nach drei Jahren bereits wieder ein freier Mann. Ein zehnjähriger Junge, der die Ausführungen gespannt verfolgte, fragte, warum es nur so wenige Jahre gewesen seien. Anja Behrendsen daraufhin: „Das würde mich auch mal interessieren“.

Vor der damaligen Schule berichtete die Stadtführerin über die Vertreibung der jüdischen Kinder aus dem Kinderheim in der Gmelinstraße, die nach der Pogromnacht die Insel verlassen mussten. Ein Lehrer hatte den hiesigen Kindern befohlen, zum Hafen zu gehen und die jüdischen Kinder zu schubsen und zu bespucken. Nicht alle haben diesen Befehl befolgt.

Am Rosenbeet, früher SA-Platz, formierte sich regelmäßig die SA (Sturmabteilung). Etliche Insulaner sagen noch heute aus alter Gewohnheit SA-Platz, wenn sie das Rosenbeet meinen. Vor der Kapelle in der Süderstraße berichtete Anja Behrendsen aus der Kirchenchronik. Aus der wusste sie, dass die Kirche zur Nazi-Zeit aus dem Alltagsleben der Insulaner herausgedrängt wurde, und wie der damalige Pastor Friedrich Wilhelm Höber bedauerte, die Politik der Kirche keinen Raum mehr gelassen hatte. Vor dem Feuerwehrhaus in der Mühlenstraße erinnerte Anja Behrendsen an einen jüdischen Jungen, der seinen Freund Dieter Roeloffs – der Vater war Ortsgruppenleiter – regelmäßig mit in den Luftschutzkeller des Feuerwehrhauses nahm.

Auch Obersturmführer Albrecht Wriedt spielte in der damaligen Zeit eine nicht unwesentliche Rolle. Er hatte seine Hand schützend über zwei jüdische Familien gehalten. Anja Behrendsen wusste – außer den jüdischen Kindern aus dem Kinderheim – nachweislich nur von zwei Juden, die von der Insel Föhr aus deportiert wurden. Die einheimischen Juden waren ganz eindeutig durch die Insellage und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Insulaner vor dem Schlimmsten bewahrt worden.

Am Sandwall berichtete die Stadtführerin vom Beschuss der „Kapitäne Christiansen“ am 10. Juli 1944 durch ein feindliches Flugzeug, bei dem elf Menschen an der Mittelbrücke den Tod gefunden hatten, und verlas einen Augenzeugenbericht. Seit 1938 zeigte ein Schild am Hafen, dass Juden auf Föhr nicht erwünscht seien und auch der Fremdenverkehrsanzeiger bezeichnete Juden als „nicht erwünschte Gäste“. 1940 wurde Wyk als Seebad geschlossen, nur Insulaner und Personen mit einer speziellen Erlaubnis durften noch auf die Insel. Die Angst vor möglichen Spionen saß damals tief bei den Insulanern.

Anja Behrendsen verstand es hervorragend, den Zuhörern die Zeit nach der Weimarer Republik wieder lebendig werden zu lassen. Eine jüdische Dame, die den Ausführungen interessiert gelauscht hatte, meinte: „Eine solche Berichterstattung über diese Zeit habe ich noch nirgendwo gehört oder erlebt, es ist fantastisch, wie die junge Frau das vorgetragen hat, dies sollte in dieser Form auch anderswo praktiziert werden.“

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