Flüchtlinge auf den Inseln : Familie Habib: Das lange Warten auf Ende Mai

Kaffeetafel: Gabi Paulsen am Tisch mit Ramin und Maryam Habib und den Kindern Tayeb und Youssuf.
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Kaffeetafel: Gabi Paulsen am Tisch mit Ramin und Maryam Habib und den Kindern Tayeb und Youssuf.

Ramin Habib, seine Frau Maryam und die Kindern Tayeb und Youssuf sind eine von drei Flüchtlingsfamilien auf Amrum. Die kleine Familie ist vor den Taliban aus Kabul geflohen.

shz.de von
03. Mai 2015, 10:00 Uhr

Es wäre schön, wenn sich auf Amrum jemand befände, der Albanisch spricht. Und seien es auch nur ein paar Brocken. Der dann in Süddorf zu den beiden Flüchtlingsfamilien aus dem Kosovo Kontakt aufnimmt und ihnen von der Insel erzählt. Der Guten Tag sagt, schaut, was sie vor ihren Wohnungen so werkeln, fragt, ob sie was brauchen, ob man vielleicht helfen kann.

Vieles geht natürlich auch ohne Worte. Stimmt! Das weiß Gabi Paulsen auch, die eine Einfahrt weiter wohnt und schon für Kleidung gesorgt hat. Besten Kontakt hat sie zur dritten Familie, zu der von Ramin Habib aus Afghanistan. Ramin spricht Englisch. Sprache überwindet Grenzen, sagt der Volksmund. Stimmt, sagt Gabi Paulsen. Natürlich ist da sofort ein anderer Zugang. Gabi hat Englisch studiert, die beiden parlieren ohne Scheu. Sie hat für Ramins Familie ein Fahrrad mit Kinderanhänger besorgt. Ramin hat seinen kosovarischen Nachbarn angedeutet, dass sie es mitnutzen können.

Die Familien kamen am 17. Februar auf Amrum an. Nach einer Flucht aus ihrer Heimat, einer Erstaufnahme in Neumünster und der Gemeinschaftsunterkunft in Niebüll. Von Niebüll ging es, amtsdeutschig, „in die Verteilung“ – nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel. Jetzt wohnen sie nebeneinander in den drei Amrumer Wohnungen, die im Haus des Amtes in Süddorf zur Verfügung standen. Genau drei Wohnungen, genau drei Flüchtlingsfamilien.

Wo Worte fehlen, bleiben vorerst nur Zahlen: Eine junge, schwangere Frau und ihr Partner, beide aus dem Kosovo. Die andere Familie: Eine junge Frau mit kleinem Kind, zweieinhalb Jahre alt, ihr Mann und zwei Brüder. Die dritten: Ramin Habib (30), mit seiner sechs Jahre jüngeren Frau Maryam und den beiden Kindern Tayeb, dreieinhalb, und Youssuf, acht Monate. Die kleine Familie ist vor den Taliban aus Kabul geflohen. Er ist Ingenieur, könnte sofort loslegen mit Arbeit, sie blüht auf, seitdem Gabi ihr ein Tablet so eingerichtet hat, dass sie mit ihren Eltern skypen kann – beim Kochen zum Beispiel. Maryam holt den Fünf-Kilo-Sack Basmati-Reis aus dem Schrank und lacht. Den bringt man ihr aus Niebüll mit, da gibt es tatsächlich einen Asia-Laden. Knutschi, knutschi, großes Gelächter, es winkt aus dem mobilen Endgerät. Das Ding, erzählt Gabi Paulsen, war der Clou. Seitdem fällt Maryam hier vieles leichter.

Wir sind bei der Familie zum Kaffee eingeladen. Gabi bringt Schüsseln mit zurück, denn Maryam hatte ihr etwas gekocht. Gabi freut sich über die Hilfsbereitschaft, die zurückkommt. Gabi Paulsen, Künstler-Autodidaktin, auf Pellworm geboren, studierte neben Literaturwissenschaften und Germanistik auch Englisch. In der Sprache ist sie zuhause, das Gefühl kann sie weiter geben, sie wird schnell warm mit ihren neuen Nachbarn. Sie hat so ein bisschen die Chefrolle im Unterstützernetzwerk übernommen. „Keine Mutter-Theresa-Schublade aufziehen“, warnt sie. „Bitte nicht! “ In ihrem malerischen Werk spielen Flüchtlinge schon lange eine Rolle. Genauso wie Krankheit und Not. Das spiegelt ihre eigene Geschichte wider. Um ein Flüchtling zu sein, braucht es nicht immer ein anderes Land. Es reicht eine verlorene Heimat.

Die Tür fliegt auf, und Gabi stürmt los. Tayeb lacht, Polizeiauto und Müslitüte in der Hand – der Kleine geht schon in den Waldkindergarten. „Von dem werden wir demnächst Deutsch lernen“, sagt Ramin. Er selbst radelt dreimal die Woche zum Unterricht nach Nebel zu Lucie Karcic. Die ist auch Teil des Unterstützernetzwerkes. Sie ist ein Stück über 80, war ein Vierteljahrhundert Ehrenamtlerin beim Roten Kreuz und lebte zuvor Jahrzehnte in den USA. „Wie gehts?, ich bin ... , wer bist du?, guten Tag, ich komme aus ..., ich möchte bitte .... “– das alles geht schon. Auf die Frage, wo er so gut Englisch gelernt habe, guckt er etwas mitleidig. Wieder jemand, der glaubt, Kabul sei ein staubiges Dorf voller blöder Viehhirten. Wahrscheinlich ist es das, was er denkt. Sagen tut er: „In Kabul, beim Job. Schließlich ist Kabul eine Millionenstadt. Und für Ingenieure ist Englisch ja fast Pflicht“. Ja, na klar ... sorry!

Nachdem die Taliban sein Haus und Teile seiner Familie zerstörten, sind Ramin und Maryam geflohen. Das ist vorerst alles zu ihrer Geschichte, denn das Asylverfahren läuft noch. Bei allen drei Familien übrigens. Wenn alles gut geht, wissen sie Ende Mai, dass es nicht zurück geht. Nicht nach Kabul, nicht in den Kosovo. Ramin hätte für diesen Fall schon einen Job auf Amrum.

Sie kamen an einem Sonntag auf Amrum an, am Montag stand Gabi Paulsen vor der Tür mit Kuchen und Brot: „Hallo, ich bin die Nachbarin“. Am übernächsten Tag waren sie dort zum Kaffee, Pastor Georg Hildebrandt kam auch. Tayed wurde im Waldkindergarten angemeldet, zehn Tage lang musste Mami mit, dann hatte er sich eingelebt.

Der Unterstützerkreis wächst. Gabi Paulsen erinnert sich zurück, als sie sich vor 20 Jahren um die ersten Asylbewerber kümmerte, die aus Nigeria nach Amrum kamen: „Damals war nur ich das Netzwerk“, sagt sie. Helmut Bechler hatte im Vorfeld schon die renovierunsbedürftigen Wohnungen ordentlich in Schuss gebracht. Christian Klüßendorf hat den Kontakt zum Amrum-Spa und zu Sportvereinen hergestellt, die Doktoren Kerler und Derichs kümmern sich um Impfungen, die Simons (er war Ex-Rotary-Präsident) um Broschüren auf Albanisch, der Pastor ums Zwischenmenschliche, Doris Müller um Busfahrkarten und Christina Theisen vom Waldkindergarten um das Soziale von Mutter und Kind. Und (Ex-)Logistiker Carsten Albertsen um Windeln Größe 5. Erst habe er ein bisschen gebrummelt, sagt Gabi Paulsen über den alten Amrumer. Aber gefragt, was er tun könne, hätte er sofort. Keine Woche später, zurück vom Festland, rief er an: „Ich hab’ die Windeln!“.

Ramins Cousin wohnt in Hamburg. Beim ersten Wiedersehen haben sie die halbe Nacht erzählt. Er hat gesagt, bleibt bloß auf der Insel, wenn ihr könnt. Maryams Cousine, die seit 25 Jahren in Frankfurt lebt und Ostern zu Besuch kam, fuhr mit allen gemeinsam Inselbahn und war begeistert. Marco Christiansen, Ordnungsamtler des Amtes Föhr-Amrum und Sozialpfleger in diesem Fall, brauchte kürzlich Hilfe bei der Verständigung mit einer afghanischen Flüchtlingsfamilie auf Föhr. Er hat Ramin gefragt, ob er helfen könne. Da ist er mal kurz rüber nach Föhr, Flüchtlingshilfe betreiben.

Zum Kaffee gab es dann Bananenrolle und Quarkbällchen aus einer Amrumer Bäckerei. Und eine Einladung zum Abendessen. Was man dafür mitbringen könne, war die Frage. Frischen, grünen Pfeffer, sagt Ramin.

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