Föhr : „Es gibt viele unvernünftige Leute“

Behält den Strand im Blick: Simon Soder.
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Behält den Strand im Blick: Simon Soder.

Jahr für Jahr sorgen Lebensretter für Sicherheit an den Stränden. Dabei kommt es immer wieder auch zu ernsten Einsätzen.

shz.de von
18. Juli 2018, 13:00 Uhr

Es ist Westwind, die Fahnen am Sandwall und auf den Seebrücken zeigen in Richtung Meer. „Wäre jetzt gerade Ebbe, würde ich wahrscheinlich die gelbe Flagge hissen“, sagt Dietmar Siebrecht und schaut auf das Wasser hinaus. „Dann wäre die Gefahr, auf das Meer rausgetrieben zu werden, zu groß.“ Aber jetzt ist Flut und der Wind kein großes Problem.

Siebrecht sitzt in seinem roten T-Shirt in dem kleinen, weißen Häuschen auf der Mittelbrücke, mit ihm Anna Greil und Simon Soder. Die drei von der Deutschen Lebensrettungs-Gesellschaft (DLRG) sind die Strandwache, Siebrecht deren Leiter. Würde er die gelbe Flagge hissen, hieße das eingeschränktes Badeverbot. Wassersportler sollten vorsichtig sein, Nichtschwimmer nach Möglichkeit das Wasser meiden. Die rote Flagge würde bedeuten, dass es auch für erfahrene Schwimmer zu gefährlich wäre, ins Wasser zu gehen.

Im Normalfall ist der Wachposten auf der Mittelbrücke mit fünf Personen besetzt. „Zwei Wasserretter, ein Bootsführer, ein Wachleiter und ein Dispatcher“, erklärt Siebrecht. Letzterer ist gleichsam der Funker. Er hält Kontakt mit der Rettungsleitstelle auf dem Festland und protokolliert relevante Funksprüche der anderen Wachtürme, führt aber ebenso auch Buch über Einsätze der Wasserretter.

Zu Beginn der Hauptferienzeit ist die Personaldecke der Helfer aber noch dünn, erst in diesen Tagen werden alle Türme voll besetzt sein. 16 bis 18 Lebensretter sorgen dann für die Sicherheit an Wyks Stränden, erklärt Ulrich Koch, der als Werkleiter des Wyker Hafenbetriebes für die Strandwächter zuständig ist. Hinzu kommen noch Lebensretter in Nieblum, Utersum und natürlich auch auf Amrum, wo ebenfalls Helfer der DLRG ein wachsames Auge haben und für die Sicherheit der Schwimmer und Wassersportler sorgen.

Allein in Wyk fallen laut Koch pro Jahr für die Sicherheit der Badegäste Kosten in Höhe von rund 60 000 Euro an. Für Material, Anreise, Unterbringung und das Taschengeld der Helfer. Die sind zwar grundsätzlich ehrenamtlich auf der Insel, bekommen pro Tag aber fünf Euro, zum Beispiel für die Verpflegung. „Wegen des Geldes macht das hier keiner“, sagt Wachleiter Siebrecht, „man kommt meist aus ideellen Gründen.“ Ihm selbst etwa mache es Spaß, Menschen kennenzulernen und Erfahrungen auszutauschen. Auf Föhr ist er bereits zum zweiten Mal als Strandwächter im Einsatz: „Hier gibt es schöne Begleitumstände, so müssen wir zum Beispiel nicht selbst die Bojen setzen. Das macht die Arbeit einfacher für uns.“

Und noch etwas unterscheidet die Föhrer von anderen Stränden: „Sie sind tendenziell etwas kinderfreundlicher. Wetter und Gezeiten sind hier nicht so gefährlich wie an anderen Orten“, sagt Siebrecht. Dennoch: Auch auf Föhr gebe es immer wieder ernste Notfälle, bei denen die Wasserretter ihr Können unter Beweis stellen müssten: „Es gibt viele unvernünftige Leute“, so Siebrecht. Etwa, wenn Nichtschwimmer mit einem aufblasbaren Ruderboot aufs Wasser fahren und umkippen. „Die sind dann ganz schnell weg, wenn man nicht aufpasst.“

Für solche Notfälle trainieren die Lebensretter mindestens einmal pro Woche: Wie man verunglückte Schwimmer geschickt ins Boot holt oder wie man am besten mit dem Rettungsbrett umgeht, zum Beispiel. Dabei würden auch immer wieder viele Urlauber zuschauen, sagt Siebrecht. Sonst seien diese aber eher wenig interessiert. „Notfälle melden die Wenigsten, die helfen höchstens mal bei der Kindersuche.“ Und auch von den Insulanern wünscht er sich mehr Unterstützung. So sei er bereits zwei Mal zu einem Stand-Up-Paddler rausgefahren, der an der Fahrrinne unterwegs war. „Das kann er doch vorher anmelden“, ärgert sich der Wachleiter.

Der Bielefelder Dietmar Siebrecht kommt ebenso wenig von der Insel wie die beiden Rettungsschwimmer Simon Soder und Anna Greil, die aus Bruchsal anreisen. Insulaner würden sich nicht am Wachdienst beteiligen, sagt Ulrich Koch. Und widerspricht damit Brar Nissen, dem Vorsitzenden des Föhrer DLRG-Ortsverbandes. Der berichtet von immerhin einem Föhrer, der hier seit vielen Jahren für Sicherheit sorge. Ulrich Koch rekrutiert seine Helfer für den Wyker Strand über den DLRG-Ortsverband Bad Nenndorf, wo sich Interessierte auch für den Dienst auf den Wachtürmen bewerben können. Mittlerweile sei die Zahl der potenziellen Rettungsschwimmer wieder gestiegen. Nachdem es mehrere Jahre lang schwer gewesen sei, genügend Retter für den Wachdienst zu finden, habe sich die Lage inzwischen wieder entspannt, sagt Koch. „Das zeigt, dass die Leute sich hier wohl fühlen“, freut er sich.

Bis Mitte September können die Türme an den Wyker Stränden deshalb durchgehend besetzt werden, insgesamt engagieren sich in dieser Zeit mehr als 100 ehrenamtliche Helfer. Es sind Leute wie Siebrecht, Soder und Greil, die dafür sorgen, dass am Strand jeder sicher schwimmen kann.

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