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Insel-Krankenhaus : Eröffnung nach zehn Jahren Vorlauf

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Aus der Redaktion des Insel-Boten

Seit 1893 gibt es das Spital am Rebbelstieg. gegründet wurde es als Wyker Klinik, weil man sich mit Amrum und Föhr-Land nicht einig war.

shz.de von
erstellt am 24.Nov.2015 | 20:26 Uhr

Robert Koch entdeckte 1883 den Choleraerreger, zehn Jahre später wurde in Wyk das Krankenhaus eröffnet. Ein Zufall?

Koch hatte nachgewiesen, dass Kleinstlebewesen, also Bakterien, Krankheiten wie Milzbrand, Tuberkulose und eben Cholera auslösen können, deren Verbreitung durch unhygienische Zustände gefördert wird. Koch erzielte mit hygienischen Maßnahmen, die er als Ergebnis seiner Forschungen propagierte, aufsehenerregende Erfolge in der Seuchenbekämpfung. Und nachdem die Menschen nicht mehr das ungefilterte Wasser aus der Elbe tranken, in die sie zuvor sämtlichen Unrat gegossen hatten, gingen nach 1892 und einem endlich gebauten Filterwerk auch in Hamburg die Choleraerkrankungen sprunghaft zurück.

In Wyk praktizierte seit 1872 Dr. August Gerber als Badearzt. Er war nicht nur lange Vorsitzender der Badekommission, er gehörte auch zu den Gründern des Seehospizes (später: Hamburger Kinderheim), wo man seit 1883 die Erfahrungen der Meeresheilkunde nutzte, um rachitische, kranke, unterernährte Kinder aus den deutschen Städten wieder aufzupäppeln.

Dr. Gerber war ein fortschrittlicher, allgemein anerkannter und beliebter Mediziner, dem sich selbst die deutsche Kaiserin Auguste Viktoria (1858-1921) anvertraute, als sie 1888 auf Föhr zur Kur weilte. Zu den vielen prominenten Gästen der Insel gehörte 1891 auch „der weltberühmte Gelehrte und gottbegnadete Forscher Herr Geheimrath Professor Dr. Robert Koch“, wie der „Insel-Bote“ damals berichtete. Er war gekommen, um „ein Urtheil über die verschiedenen klimatischen Verhältnisse zu gewinnen“ und soll sich „sehr günstig über unser Klima ausgesprochen und eine gesteigerte Frequenz prophezeit“ haben. Es ist nicht verbürgt, aber höchst wahrscheinlich, dass Koch den Wyker Badearzt Gerber aufsuchte, um sich mit den speziellen Inselverhältnissen bekannt zu machen. Föhr: Ein Stück Land im frischen Meereswind, abseits der großstädtischen, dunkelfeuchten Brutstätten für Ansteckungskeime.

Um den Bakterien möglichst wenig Raum zur Verbreitung zu geben, entstanden Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr Krankenhäuser. Auf Föhr hegte man schon 1883 Pläne dazu, konnte sich aber nicht mit Föhr-Land und Amrum über die Finanzierung einigen. Schließlich schulterte Wyk das Projekt allein. Am 1. Oktober 1893 eröffnete das Krankenhaus „Bethanien“ seinen Betrieb mit sieben Zimmern am abgeschiedenen, einsamen Rebbelstieg. Der Wyker Zeitungsjunge Ferdinand Zacchi (1884-1966) fürchtete sich vor dem Weg dorthin: „Und dann zum Schluss noch diese Angstpartie zum Krankenhaus hinauf und die einsame Reeperbahn (Badestraße) runter.“

Die ärztliche Leitung übernahm Dr. August Gerber. Der ersten, am 7. November 1893 eingelieferten Patientin folgten im nächsten Monat drei weitere Patienten. Im ersten Jahr seines Bestehens versorgte das Wyker Krankenhaus insgesamt 41 Menschen. Die aber wurden erst nach einem schriftlichen Antrag beim Wyker Bürgermeister und einem von ihm ausgestellten Aufnahmeschein eingeliefert. Patienten der ersten Klasse zahlten täglich vier Mark, die der zweiten Klasse 1,50 Mark. Ihnen standen Beköstigung, Pflege, Heizung, Licht, Bettwäsche und Handtücher zu. Besondere Speisen und Getränke, die der Arzt verordnet hatte, mussten gesondert vergütet werden, ebenso kosteten warme Bäder 75 Pfennige. Auch Arzthonorare, Arzneien, Medikamente und Verbandsgegenstände mussten extra bezahlt werden. Seit 1883 gibt es ein Krankenversicherungsgesetz, nach dem die Krankenkassen aus den einbezahlten Beiträgen ihrer Mitglieder die Kosten übernehmen. Die 1893 eingelieferte erste Patientin des Wyker Krankenhauses war eine Dienstbotin, für die der Dienstherr die Kosten zu übernehmen hatte. Außerdem hatten Auswärtige, zu denen auch die Bevölkerung von Föhr-Land und Amrum gehörte, höhere Preise zu bezahlen als die einheimischen Wyker.

Die ersten 41 Patienten des Wyker Krankenhauses wurden dort im Schnitt 37 Tage stationär behandelt. Und trotzdem konnte das Haus zum Beispiel 1895/96 eine gute Bilanz aufweisen. Betriebskosten: 700 Mark, Personalkosten für den Verwalter: 400 Mark, Einnahmen: 650 Mark. Die nicht gedeckten 450 Mark trug die Stadt Wyk, die wiederum beim Kreis Tondern anfragte.

1902 übergab Dr. Gerber den Posten des Chefarztes an Dr. Moritz Edel, der das Wyker Krankenhaus bis 1924 leitete. Gerber eröffnete am Wyker Südstrand die „Villa Adele“. Das private Sanatorium, das im Sinne der Meeresheilkunde unter anderem Luftbäder, Gymnastik, Turngeräte, Regenbrause und „reichliche Fleischernährung“ bot, befand sich auf dem Gelände des späteren „Haus Schöneberg“ direkt am Strand und wurde im Zuge der Abrissmaßnahmen dem Erdboden gleichgemacht. Nach der ebenfalls erfolgten Schließung der Wyker Praxis von Dr. Gerber kam ein neuer Badearzt nach Föhr: Dr. Carl Häberlin.

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