Föhrer Original : Er weckt Wyk aus dem Winterschlaf

Unüberhörbar: Die Glocke, mit der der ehemalige Seemann auf neueste Nachrichten aufmerksam macht.
Unüberhörbar: Die Glocke, mit der der ehemalige Seemann auf neueste Nachrichten aufmerksam macht.

Seit fast zehn Jahren zieht der ehemalige Seemann Knudt Kloborg in der Saison als Klingelmann mit Handglocke und in Uniform durch die Straßen.

shz.de von
08. März 2018, 21:00 Uhr

Statt schneller News auf Facebook, Twitter und Co. Neuigkeiten per Handglocke und lauten Rufen: Der ehemalige Seemann Knudt Kloborg ist Klingelmann in Wyk. In der Saison schiebt er sein auffälliges Fahrrad drei bis vier Mal in der Woche durch die Stadt und gibt Veranstaltungstipps, Hinweise auf Märkte in den Inselorten oder verbreitet den neuesten Klatsch von der Insel. Manchmal mit echtem Neuigkeitswert, immer mit Augenzwinkern. Zwei, zweieinhalb Stunden ist er üblicherweise pro Tour unterwegs, je nach Nachrichtenlage und Stimmung. Immer mit dabei das Spendenschiffchen der DGzRS, für die Knudt mit großer Leidenschaft sammelt.

Seit 2009 ist der 69-Jährige der ehrenamtliche Ausrufer auf Föhr. Er übernahm damit ein traditionsreiches Amt, das seit 1979 nicht mehr besetzt war. Bereits im 19. Jahrhundert verkündeten Klingelmänner in Wyk amtliche Neuigkeiten; riefen aus, wo es frischen Fisch gab oder welcher Bauer Erntehelfer brauchte.

In den heutigen Zeiten, in denen sich Nachrichten mittels moderner sozialer Medien im Internet in Windeseile verbreiten, scheint Kloborg, der wie seine Vorgänger mit Handglocke und lauten Rufen auf seine Neuigkeiten aufmerksam macht, etwas aus der Zeit gefallen. Aber den Leuten gefällt er offensichtlich. Sie stecken ihm Zettel in den Briefkasten mit Neuigkeiten, die er mal ausrufen soll, oder sprechen ihn auf der Straße an. Sein größter Wunsch war lange, einmal eine Hochzeit ausrufen zu dürfen. Im vergangenen Jahr ging der Wunsch schließlich in Erfüllung.

Zu seinem Ehrenamt kam der Mann mit dem strahlend weißen Vollbart als Rentner nach einem Besuch der Rumregatta in Flensburg. Seine Augen leuchten als er die Geschichte erzählt. Damals entdeckte er einen Stand, der Glocken verkaufte. „Da hatte ich Interesse dran. Ne Glocke mit Holzgriff, das fand ich gut.“ Auch wenn er erst nicht genau wusste, was er damit anfangen sollte. Noch in Flensburg versuchte er sich dann aber spontan als Ausrufer und scharrte prompt eine Menge Leute um sich.

Zurück auf Föhr habe er dann seine Frau gefragt, was sie von der Idee halte, wenn er Klingelmann werde. Die fand das gut – nur eine weiße Kapitänsmütze sollte er sich zur Uniformjacke besorgen. „Meine Frau fand, mit Elbsegler zieht das nicht.“ Ein paar Wochen wird es noch dauern, bis das laute Schellen der Handglocke wieder zu hören ist. So gegen Ostern, wenn die Saison richtig beginnt, weckt Kloborg Wyk aus dem Winterschlaf. Testweise hat er sich an diesem Tag Anfang März aber schon einmal die Uniform übergezogen und die Glocke geläutet. Im Dezember hat er ein neues Kniegelenk bekommen. Weitermachen will er trotzdem. „Ich hab ja mein Fahrrad, da kann ich mich ja abstützen.“ Im kommenden Jahr will Kloborg dann gleich doppelt feiern: Sein zehntes Klingelmann-Jubiläum und seinen 70. Geburtstag.

In einer Kladde hat Kloborg – der unter anderem als Koch zur See gefahren ist – seine Geschichten und Döntjes gesammelt, die er hin und wieder auch in einer urigen Hafenkneipe oder auf Veranstaltungen erzählt. Einige der Geschichten sind jetzt auch als Buch erschienen, das es in den Wyker Buchläden zu kaufen gibt. Für viele Touristen ist Kloborg eine lieb gewonnene Urlaubsbekanntschaft. Einige schreiben ihm auch Postkarten aus der Heimat oder anderen Urlaubsregionen. Adresse: „Klingelmann, Wyk auf Föhr“. „Der Postbote weiß wo der wohnt.“

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