Besuch in Süderende : Eintauchen in die Insel-Kultur

Der Professor erzählt über das Studium und lernt dabei selbst eine Menge.
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Der Professor erzählt über das Studium und lernt dabei selbst eine Menge.

Dr. Nils Langer, Professor für Nordfriesisch und Minderheitenforschung in Flensburg, lernt auf Föhr Sprache, Kultur und Leute kennen. In der Oberstufe informiert er über das Friesisch-Studium.

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27. Februar 2018, 20:00 Uhr

Eine Woche lang hatte sich in Süderende Besuch von der Europa-Universität Flensburg einquartiert. Nils Langer, Hauke Heyen und Anne-Paulsen-Schwarz vom Friesischen Seminar waren nach Föhr gekommen, um intensiv fering zu lernen und zu sprechen. Auch auf dem Programm stand ein Gespräch mit dem Friesischkurs der Oberstufe an der Eilun-Feer-Skuul und eine Einladung zum fering inj.

Nach Lehrtätigkeiten an den Universitäten in Bristol, Dublin und Oxford kehrte Dr. Nils Langer 2016 nach Deutschland zurück und ist seitdem Professor für Nordfriesisch und Minderheitenforschung in Flensburg. Er unterrichtet moderne sowie historische Soziolinguistik und forscht zu nordfriesischen und minderheitsrelevanten Themen. Langer hat Germanistik und Anglistik studiert und kommt zur Frisistik als Seiteneinsteiger, ist aber begeistert von der kulturellen Vielfalt in Nordfriesland und lernt nun emsig das Friesisch der Insel Föhr.

„Teil des Jobs ist es, sich mit dieser Kultur auseinanderzusetzen, und das macht man am besten vor Ort“, erklärt der Professor den Grund für den Föhr-Aufenthalt. „Außerdem wollten wir eine Woche lang intensiv sprechen, das ist in Flensburg immer schwierig, weil man dort die Sprache nur im Unterricht hört.“ Begegnete Langer bisher der friesischen Sprache vor allem in Büchern, wurde die Hoffnung, auf der Insel fering „auf der Straße“ zu hören und zu sprechen, schnell erfüllt: „Unseren ‚fering moment’ hatten wir in einem Supermarkt in Oldsum, wo an der Kasse mit uns Friesisch gesprochen wurde“, berichtet der Neu-Flensburger, „und wir wurden für unsere fehlerhaften Versuche auch nicht schief angeguckt, sondern gelobt“.

Nordfriesisch kann man weltweit nur an zwei Universitäten studieren, an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und an der Europa-Universität Flensburg (EUF). In Kiel ist das Fach „Frisistik“ seit der Einführung der Bologna-Studiengänge 2007 als eines von zwei Hauptfächern mit den Abschlüssen Bachelor of Arts und Master of Arts wählbar. Im Rahmen der sogenannten Fachergänzung können auch Studierende anderer Fachrichtungen Module der Frisistik belegen. Lehramtsstudenten können, zusätzlich zu ihren beiden Hauptfächern, Friesisch als Ergänzungsfach studieren. Auch an der EUF kann eine Qualifikation als Friesisch-Lehrkraft erlangt werden. Im Teilstudiengang Deutsch (Bachelor of Arts Bildungswissenhschaften) ist Friesisch als Schwerpunkt wählbar. Dort können bis zu fünf Module aus dem Gebiet der Frisistik belegt werden, die neben der Lehre über die Sprache, Kultur, Literatur und Geschichte auch Sprachkurse in einem nordfriesischen Dialekt beinhalten.

Über das Friesischstudium, aber auch über die Geisteswissenschaften allgemein, informierte der Professor anderthalb Stunden lang die Friesischschüler der elften und zwölften Klasse der Eilun-Feer-Skuul. Was macht die Nordfriesen überhaupt aus? Wann ist man überhaupt ein Nordfriese? Solche Fragen zur Identität und wie wichtig die Sprache dabei ist, wurden mit den Schülern diskutiert. Dabei wurde klar, dass schnell ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt werden, sobald Merkmale festgelegt werden, wie etwa Abstammung oder Sprache. Rund 50 000 Einwohner in Nordfriesland fühlen sich als Nordfriesen, Friesisch sprechen können allerdings nur deutlich weniger als 10 000. Nils Langer betonte außerdem, dass Zweisprachigkeit global gesehen eher die Regel als die Ausnahme sei und der Begriff Minderheitensprache immer relativ betrachtet werden sollte.

„So mancher Teilnehmer wird hier einen Denkanstoß erhalten haben und vielleicht auch die Motivation, sich mehr mit dem Friesischen zu beschäftigen“, blickt Friesisch-Lehrer Erk Roeloffs auf den Besuch aus Flensburg zurück. Im Verlauf der Diskussion brachten sich die Schüler immer mehr ein. Über die verteilten Broschüren und Ansprechpartner in der Schule kann der Kontakt sehr schnell hergestellt werden. „Schließlich haben auch die Föhrer Schulen ein großes Interesse an gut ausgebildeten Friesischlehrern“, so Roeloffs.

„Wir haben auch selbst viele Fragen gestellt und viel gelernt“, berichtet Nils Langer. Sehr interessant wurde die Frage an die Schüler, ob ihr Friesisch schon einmal kritisiert worden sei. Bei vielen sei dies schon der Fall gewesen und es heiße oft, dass die Jugend von heute „schlechtes Fering“ spricht. „Jede Generation hat gegen die Kritik der Älteren zu kämpfen, die diese Kritik zu ihrer Jugendzeit aber auch erfuhr“, so Langer. Schnell kam die Sprache auf das niederdeutsche Wort „sik“ (sich), das von vielen Friesisch-Sprechern anstelle von „ham“ verwendet wird. „Dass aber auch die Verneinung „ei“ ein Fremdwort, nämlich aus der dänischen Sprache ist, wissen die Wenigsten“, erklärt der Flensburger, „aber für „sik“ kennen wir noch die eigentliche Bezeichnung, für „ei“ nicht, da der Wandel vor langer Zeit, vor der Verschriftlichung des Friesischen, passierte.“

Dass sich Sprachen verändern, sei aber nicht nur im Friesischen zu beobachten, sondern findet sich bei allen standardisierten Sprachen. Aber nur, wenn Sprachveränderung in der eigenen Lebenszeit passiert, wird es auch in der Sprechergemeinschaft bemerkt und in der Regel als Verschlechterung und nicht nur als Wandel empfunden. „Sprachverfall gibt es nicht“ stellt der Professor klar, „wenn man beispielsweise das Altenglische betrachtet, so hat sich das heutige Englisch so radikal verändert, dass man von Verfall sprechen müsste. Aber niemand würde sagen, dass die Queen schlechtes Englisch spricht, nur weil es heute im Englischen kein Genus oder Kasus mehr gibt. Ob Sprachwandel positiv oder negativ bewertet wird, hat nichts mit der Sprache, sondern mit den Sprechern zu tun.“

In Süderende wurden, neben praktischen Sprachübungen, die Sprachkurse für fering durchgepaukt, die von Heyen und Paulsen-Schwarz an der Flensburger Uni unterrichtet werden. In den Pausen erkundeten die Frisisten dann – mit Dackeldame Daphne im Korb – die Kultur und Natur der Insel. Auch beim fering inj waren Nils Langer und Hauke Heyen, der übrigens eigentlich öömrang spricht und die Verwendung des Friesischen in den elektronischen Medien erforscht, vertreten (wir berichteten).

Am Abend vor der Abreise luden die Flensburger zu „Fering Pizza“ in ihre gemietete Ferienwohnung in Süderende ein, wo der Professor die Woche noch einmal Revue passieren ließ: „Ich hatte mir fest vorgenommen, es endlich zu schaffen, fering zu sprechen“, so der 48-Jährige, „und das hat super geklappt. Zwar mit tausend Fehlern, aber die Hemmschwelle habe ich überwunden.“ Eine solche intensive Friesisch-Lernwoche wollen Nils Langer und seine Kollegen auf jeden Fall im nächsten Jahr wiederholen.

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