Vor 100 Jahren : Einmal Pause vom Krieg

Im Seehospiz verlebten Kinder eine unbeschwerte Zeit.
Im Seehospiz verlebten Kinder eine unbeschwerte Zeit.

Sommergäste kommen auch 1918 noch nach Wyk. Großstadtkinder dürfen sich bei einer Kur erholen.

shz.de von
25. Mai 2018, 18:49 Uhr

Im Sommer 1918 schickt der Wyker Bürgermeister Gustav Bergmann den Klingelmann los, um nach Quartieren für Gäste zu suchen. Seit 1915 ist Bergmann im Amt und führt nicht nur die Einheimischen so gut es geht durch die Kriegsjahre, er schafft es auch, die Sommergäste (1916: 3420) mit Lebensmitteln und Brennstoff zu versorgen. Ja, obwohl der erste Weltkrieg inzwischen bereits seit vier Jahren für Not und Elend in Europa sorgt, kommen immer noch Gäste nach Föhr. So schreibt ein Unbekannter seiner Schwester am 29. August 1918 von Hallig Hooge, er fahre fast jeden Tag nach Wyk und es gefalle ihm gut. Zu dieser Zeit halten sich auch der Maler Emil Nolde und seine Frau Ada auf Föhr auf. Sie logieren im Nordsee-Sanatorium von Dr. Karl Gmelin, von dem man liest: „Unser eigener Garten sowie die Insel liefern allerlei für die Küche, außerdem sind uns als Sanatorium manche besondere Nahrungsmittel zugebilligt worden“.

Im August 1918 treffen im Wyker Seehospiz (später: Hamburger Kinderheim) 250 erholungsbedürftige Großstadtkinder ein. Neben anderen Kinderheilstätten, zum Beispiel auf Norderney oder in Zoppot an der Ostsee, bleibt das Wyker Seehospiz die einzige Einrichtung dieser Art, in der während des Krieges noch Kuren durchgeführt werden. Vorausblickend und bis an die Grenzen der wirtschaftlichen Kapazität gehend kauft man 1918 die angrenzenden Häuser „Seestern“ und „Seerose“. Denn eines ist jetzt schon abzusehen, nach dem Krieg wird der Kurbedarf um ein Erhebliches steigen. Und dabei ist das Ausmaß der Spanischen Grippe noch nicht einmal zu ahnen.

Das Gerücht, Bürgermeister Bergmann verfüge dank gewisser Beziehungen über ein Hamsterlager, ist eine Legende. Ausdrücklich weist Bergmann die Badegäste auf die Folgen des Schleichhandels oder Hamsterns hin. Neben der vorgesehenen Strafe werden sie auch unverzüglich ausgewiesen. Postpakete müssen deshalb zwecks Kontrolle unverschlossen abgegeben werden, und „das Reisegepäck der Abreisenden ist eine Stunde vor Abgang des Schiffes bei der Gepäckabfertigung gleichfalls offen aufzugeben.“ Wehmut kommt auf beim „Abschied von Föhr“, wie es im gleichnamigen Gedicht eines Hamburger Gastes heißt:

„Meine Wirtin, wo ich wohnte (Ob ich’s ihr wohl recht belohnte?) Sorgte wie ein Mütterlein – Und aus Witsum, die Josine, Die so graziös bediente, Donnerwetter, die war fein!“

Überliefert ist, dass die frühere Lustjacht „Helgoland“ des Barons Wilhelm von Biela von Fritz Lorenzen von der Wyker Werft zum Fischereifahrzeug umgebaut wurde und im Frühsommer 1918 bereits mehrfach zum Fischen in See stach. Schollen, Steinbutt und Seezungen bringt Fritz Lorenzen mit, was nicht nur der einheimischen Bevölkerung zugute kommt, sondern auch auf „die Versorgung unserer Hotels und Privatkosthäuser mit frischen Seefischen während der Kurzeit“ hoffen lässt.

Am Südstrand verbringt auch der zehnjährige Sohn des Leipziger Verlagsbuchhändlers Brockhaus einige Zeit im Sommer 1918, wobei es zu einem tragischen Unfall mit Todesfolge kommt. Begeistert von einem havarierten Flugzeug, dass nach Instandsetzung wieder abheben will, kommt der junge Brockhaus trotz nachdrücklicher Warnungen der Soldaten zu nahe an die Maschine heran und wird von einem Tragflächenbalken so schwer am Kopf verletzt, dass er wenig später verstirbt.

Wirklich unbeschwerte Sommerfrische gibt es 1918 nicht mehr. Die Alltagssorgen bestimmen jede Stunde und jeden Tag. Selten, dass ein wenig Vergnügen davon ablenkt. Manchmal spielt eine auswärtige Gruppe Theater im „Colosseum“, das Sylter Kommando gibt ein Konzert und im Kino werden hin und wieder Filme gezeigt. Andreas Paulsen und seine Frau Luise Henriette, deren Sohn Andreas 1917 gefallen ist, feiern Silberhochzeit, und immerhin: Es gibt in Wyk noch eine zehnköpfige Kurkapelle, nur ein Trompeter fehlt. Sommerferien gibt es für die Inseljugend auch. Die werden allerdings verlegt, um der „Schuljugend die Möglichkeit zu geben, bei der Bergung der Kornernte behilflich zu sein.“

Und der Klingelmann? Hat er Quartiere für die Gäste des Sommers 1918 gefunden? Vielleicht in der „Villa Auguste“ (heute: Restaurant „Gode Wind“) oder in der „Villa Dora“ am Sandwall, die ihr Aussehen über die letzten 100 Jahre so gut wie gar nicht verändert hat und an die alte Bäderkultur von Wyk erinnert.

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