zur Navigation springen

Weltpremiere in nOrddorf : Eine Zigarette mit Heinz Rudolf Kunze

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Der Sänger trat zum ersten Mal auf Amrum auf. Dort präsentierte ein ganz neues Soloprogramm und war vor dem Konzert ganz entspannt.

Die Nachmittagssonne fällt durch die offenen Fenster ins Norddorfer Gemeindehaus. Samtweich. Wind zieht hindurch. 400 Stühle in Reih und Glied. Fast alle leer. Ganz hinten der Manager, drei Tonleute. Vorne auf der Bühne: Heinz Rudolf Kunze, eine Gitarre und ein Klavier – sonst nichts. Wenn der Mann singt, träumt man sich weg. Und das hier ist nur der Soundcheck. „Wie lange braucht ihr noch?“, fragt jemand vom Team. „Kann man bei einem neuen Programm ganz schwer sagen“, sagt der Front-of-House-Mann, der am Mischpult die Töne dirigiert – für das Publikum und für Kunze. „Wenn nachher die Gardinen zu sind und bei Heinz das Adrenalin auf, dann kommt das alles noch mal ganz anders“, sagt der FOH-Mann.

Heinz Rudolf Kunze erstmals auf Amrum. Und erstmals solo auf der Bühne. Wir sitzen im Gemeindehausgarten. Er raucht. „Was gibts zu sagen?“ Wir haben nicht viel Zeit. Der Mann und sein Team sind mit der 13 Uhr-Fähre gekommen, gleich danach Soundcheck, 15.30 Uhr, 18 Uhr Abendessen, um Acht ist Konzert. Fähre zurück um sieben Uhr in der Früh, die spätere war ausgebucht. „Aber das landläufige Musikerklischee, dass wir nicht gern früh aufstehen, stimmt bei mir nicht, zumindest nicht im Sommer“, sagt Kunze. Er ist das erste Mal auf Amrum, als Kind kam er mal bis Föhr, gespielt hat er schon mal auf Sylt. „Was ich gesehen habe bisher, gefällt mir“, sagt er. Und da im Lauf des Nachmittags noch die Meldung von einem freien Fährplatz auf dem Mittagsschiff kommt, gewinnt er auch noch etwas mehr Zeit auf der Insel. Seine Crew denkt sich schon an den Strand.

„Was ist mit heute Abend. Aufgeregt?“ Schließlich ist der Mann nach über 36 Jahren Bandmusik erstmals alleine auf Tour. Die Antwort kommt sofort: „Ich bin etwas aufgeregt. Das wird ein sehr entscheidender Abend.“ „Eine Weltpremiere“ wird er nachher beim Konzertbeginn dem Publikum sagen. „Das wird eine Baggerfahrt durch meine gesamte Musikergeschichte. Mit Gesang und Sprechtexten. Wir ...“ Er verbessert sich. „Ich. Ich muss das ‚ich‘ lernen. Ich hoffe sehr, dass es den Leuten Spaß macht, Sachen so zu hören, wie sie in meinem Arbeitszimmer anfangen.“ Sein Arbeitszimmer steht in Bissendorf bei Hannover, seine Karriere begann 1980 als 23-Jähriger mit einem Popnachwuchs-Festival und entwickelte sich an der Seite seiner Bands „Verstärkung“ und „Räuberzivil“. Mit seinen Musikern verbindet ihn eine lange, gemeinsame Zeit. „Ich bin kein so radikaler Umbesetzer wie Bob Dylan“, sagt er und lacht. Mit „Räuberzivil“ gibts dieses Jahr ein neues Album samt Tour bis November, mit „Heil“ einen Kinofilm, Lesungen aus seinem Roman „Manteuffels Murmeln“, im Januar 2016 ein neues „Verstärkung“-Album und ab jetzt, ab Amrum(!): „Einstimmig – Heinz Rudolf Kunze solo“ auf Tour. „Ich glaube, das wird ein sehr intimes Konzert“, sagt er.

Allein das Lesen der Liedliste, die Kunzes Manager schickt, macht Gänsehaut: Balkonfrühstück, So wie du bist, Alle Herren Länder, Mildernde Umstände (Such deine Freunde gut danach aus, womit sie dich enttäuschen), Nichts als offene Fragen, Meine eigenen Wege, Stein vom Herzen (Mir fällt ein, es tut mir gut, wenn ich sing’), Brille, Elixier (Jetzt, wo die Sekunden rennen, möcht’ man langsam sein). Einmal quer durch 35 Alben. Nicht zu vergessen die Sprechtexte – kritische Gedanken, Liebeserklärungen („unzureichend, wie jede“), biografisches: „Die moderne Kinderpsychologie“, trägt Kunze abends vor, „kennt zwei Voraussetzungen für ausgeprägte Kreativität: viele Ortswechsel in jungen Jahren und .... Probleme mit der Mutter. Beides war bei mir der Fall.“

„Woher kommt die Idee, alleine zu singen?“ – „Von einer Benefizgala in Dessau diesen März“ sagt Kunze. „Da haben wir .... , da habe ich es das erste Mal ausprobiert.“ Die Gala war übrigens eine zu Gunsten vom Muko-Verein Sachsen-Anhalt, was bei dem Amrumer Mukoviszidose-Pfingstevent ja irgendwie eine schöne Zufälligkeit ist. „Alle meine Helden haben mal alleine gesungen“, erzählt Kunze. „Bob Dylan, Neil Young, Randy Newman.“ Er sei eigentlich kein Solist, sagt Kunze. „Ich begleite mich nur“– auf der Gitarre, am Flügel und auf der Mundharmonika.

Das Konzert auf Amrum ging bis viertel vor Elf. Fast drei Stunden. Non stop Heinz Rudolf Kunze. Bei „Dein ist mein ganzes Herz“ stand die Menge. Bei „Ich habs versucht“ stand sie wieder – oder immer noch. Sein Ur-Hit „Bestandsaufnahme“, ein Acht-Minuten-Stimmungsbild der 80er-Jahre-Jugend, dann der Kinks-Klassiker „Lola“ und zum Schluss „Sicherheitsdienst“. Was für eine Stimme!

Die Gasse für den abtretenden Künstler im Klatschgewitter des Norddorfer Gemeindehauses war verdammt eng. Draußen gabs Autogramme.

Während der Zigarettenpause am Nachmittag hatte er noch gesagt, wie erleichtert er sein würde, falls das Premieren-Programm den Amrumern und Gästen gefiele. „Dann muss ich nicht umbauen“.










zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen