125 Jahre Seebad Wittdün (Teil 1): : Eine neues Inseldorf – extra für Badegäste

Wittdün wurde vor 125 Jahren gegründet.
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Wittdün wurde vor 125 Jahren gegründet.

Ein Architekt aus Hannover entdeckt das Potenzial der Insel Amrum. Deren Bewohner sind zunächst wenig begeistert.

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15. Juli 2015, 15:30 Uhr

Am kommenden Wochenende, 18.und 19.Juli, feiert das Seebad Wittdün mit einem Straßenfest am Fähranleger und auf der Inselstraße sein l25-jähriges Bestehen als Nordseebad und gleichzeitig das Jahr seiner Gründung. Denn Wittdün ist in der Reihe der deutschen Nordseebäder ein Unikum. Alle anderen, 1797 Norderney, 1819 Wyk auf Föhr, 1826 Helgoland und 1855 Westerland auf Sylt, aber auch St.Peter-Ording an der Küste von Eiderstedt (1877) entstanden aus vorhandenen Dörfern oder in unmittelbarer Anlehnung daran. Aber auf der Amrumer Südspitze, Wittdün, gab es nur ein Gewoge von Dünen mit Wildkaninchen und Austernfischern. Hier stand nur ein einziges, allerdings aus Ziegelsteinen aufgemauertes Gebäude: Die 1881 eingerichtete Station Süd der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger mit dem Ruderrettungsboot „Elberfeld“. Im November 1911 wurde die Station jedoch mitsamt dem Gebäude durch eine Orkanflut zerstört, die rund 150 Meter der äußersten Südspitze wegriss.


Insulaner haben moralische Bedenken


Im Sommer des Jahres 1885 aber unternahm ein aus Hannover stammender Architekt, Kurgast in Wyk, einen Tagesausflug nach Amrum und entdeckte die landschaftliche Schönheit und die Möglichkeit, hier ein komplettes Seebad zu erbauen. Dabei lag sein Augenmerk auf der Südspitze. Er richtete am 1. September 1885 einen Antrag an die Gemeindevertretung und bat um die Badekonzession für sein geplantes Vorhaben. Dabei hob er die Vorteile hinsichtlich ärztlicher Versorgung aber auch des wirtschaftlichen Wandels hervor. Die Gemeindevertretung lehnt den Antrag aber einstimmig ab, Sie sah wohl ein, wie vom Antragsteller Ludolf Schulze begründet, „dass Handel und Wandel sich heben werden. Aber es sind vorwiegend auswärtige Kapitalisten, die einen Profit daran haben“. Aber „namentlich in moralischer Hinsicht kann die Anlage eines Seebades für die Bevölkerung kein dauernder Segen sein... Es ist hier nicht Sitte, ins Wirtshaus zu gehen... und bei einer Seelenzahl von etwa 600 auf Amrum, wird im Durchschnitt nur alle zehn Jahre ein uneheliches Kind geboren...“

Der Architekt Ludolf Schulze, der eigentliche „Entdecker“ der Insel Amrum, kaufte daraufhin auf Steenodde das dortige Gasthaus und gründete einen Fremdenverkehrsverein, hatte dann aber keinen wesentlichen Anteil am Amrumer Fremdenverkehr, weil er bereits 1893, erst 53 Jahre alt, starb.


Goldgräberstimmung im Deutschen Reich


Inzwischen hatte sich aber im Deutschen Reich eine Art „Goldgräberstimmung“ hinsichtlich Amrum verbreitet. Bei der Gemeindevertretung in Nebel verging keine Woche ohne Post mit Anträgen auf Landkauf oder -pachtung, wobei sich das Hauptaugenmerk der auswärtigen Interessenten auf die noch unbesiedelte Südspitze Wittdün richtete.


Viel Geld für Sandhaufen


Und dieselben Herren, die nur Jahre und Monate vorher die Gründung von Badeorten aus moralischen Erwägungen abgelehnt hatten, verkauften nun Hektar um Hektar Dünengelände. Dünen hatten in den Augen der Insulaner keinen Wert, weil landwirtschaftlich nicht zu nutzen. Und die biederen Herren der Gemeindevertretung werden ein ums andere Mal bei jedem Antrag den Kopf geschüttelt haben über die „Dummheit“ von Leuten, die für Sandhaufen viel Geld bezahlen wollten.Nur so ist der Stimmungsumschwung binnen Jahresfrist zu erklären

Zu den Antragstellern auf Landkauf gehörte auch der einheimische Kapitän und Strandvogt Volkert Martin Quedens.Er hatte sich als Kapitän an Dampferlinien ab Hamburg zunächst zu den Nordfriesischen Inseln, dann nach Cuxhaven und Norderney beteiligt, aber besonders als Strandvogt bei der Bergung gestrandeter Schiff einiges an Vermögen erworben. Auf der Fahrt vorbei an den Ostfriesischen Inseln, wo in den Dünendörfern Seebäder entstanden, soll ihm der Gedanke gekommen sein, gleiches auch auf Amrum zu verwirklichen.Und ohne im Besitz einer Badekonzesssion zu sein, über die noch in der Gemeindevertretung und mit der Provinzialregierung in Schleswig verhandelt wurde, kaufte er im Hamburger Hafen das Material eines Hotels, das angeblich für die Diamantenschürfer in Südwestafrika bestimmt, aber nicht bezahlt und abgeholt worden war.


Hotelfassade aus Wellblech


Mit dieser aus Wellblech-Fertigteilen bestehenden Fassade errichtete Volkert Quedens im Jahre 1889 ein erstes Badehotel mit 29 Zimmern auf der Südspitze, nannte es: „Hotel Wittdün“ und ging als Gründer des Badeortes in die Geschichte ein.

Fast gleichzeitig engagierte sich ein zweiter inselfriesischer Kapitän am Aufbau eines Badeortes – der von Helgoland stammende Paul Jansen Köhn. Derselbe hatte jahrelang eine Fähre auf dem Jangtse geführt, setzte sich dann aber zum Erstaunen seiner Nachkommen nicht auf einer sonnigen Südseeinsel zur Ruhe, sondern auf der windigen Amrumer Südspitze. Hier, am Nordufer, errichtete er ein Hotel im Villenstil der damaligen Zeit, das „Strandhotel“ mit einer Brücke für sein Ausflugsschiff. die „Windsbraut“.

Aber Volkert Quedens und Paul Jansen Köhn waren keine eigentlichen Badedirektoren. Sie verkauften deshalb ihre Gebäude und Baderechte schon 1892 an einen Hotelier und Fuhrunternehmer aus Tondern namens Heinrich Andresen. Und dieser wurde der faktische Erbauer und Betreiber des neuen Badeortes Wittdün.


Straßennamen erinnern an die Gründerväter


Volkert Quedens erbaute zwar noch ein Hotel sowie eine geräumige Villa‚ genannt „Therese“ nach seiner Frau Therese, geb.Cöster, ebenso einige kleinere Häuser und Läden, die er aber mit spekulativem Gewinn an auswärtige Interessenten verkaufte, während Paul Jansen Köhn neben seinem „Strandhotel“ eine Villa („Helgoland“) errichtete in die er sich zurückzog. Zwei Straßennamen in Wittdün, die „Volkert-Quedens-Straße“ und „Köhns Übergang“ erinnern noch an die beiden Kapitäne aus den unmittelbaren Gründerjahren des Seebades.

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