Amrum : Eine Insel – eine Schule

Die Großen begrüßen die Abc-Schützen. In der Süddorfer Schule werden Kinder von der ersten bis zur zehnten Klasse unterrichtet.
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Die Großen begrüßen die Abc-Schützen. In der Süddorfer Schule werden Kinder von der ersten bis zur zehnten Klasse unterrichtet.

Vor 50 Jahren wurde die Dörfergemeinschaftsschule gegründet. Heute besuchen rund 200 Kinder die Öömrang Skuul.

shz.de von
15. April 2018, 16:05 Uhr

1968, vor 50 Jahren, wurde die heutige Öömrang Skuul als „Dörfergemeinschaftsschule“ auf Amrum gegründet. Bereits seit 1899 gab es auf Amrum drei Dorfschulen – in Nebel, Norddorf und Wittdün. Die meisten der alten Schulgebäude stehen noch. In Nebel sind es das „Cottage“ und das alte Haus rechts daneben, in Norddorf das Haus der Amrum-Touristik an der Hüttmann-Wiese. Nur das Wittdüner Schulgebäude existiert nicht mehr. Es diente nach 1968 als Kurverwaltung und stand, weiß verklinkert, bis 2014 neben der Nordseehalle, dort wo Ende 2016 das Wohnprojekt „Üüs Aran“ fertiggestellt wurde.

Der Insulaner Ralf Hoffmann berichtet aus seiner Dorfschulzeit: „Meine Schwester ist 1964 als einzige in Wittdün eingeschult worden. Glücklicherweise war ein anderes Mädchen sitzengeblieben, und so waren sie wenigstens zu zweit. In meiner ersten Klasse waren wir immerhin vier. Ich bin bis zur sechsten Klasse in Wittdün zur Schule gegangen. Am Anfang waren noch alle Schüler von Klasse eins bis neun in einem Raum untergebracht, später nur noch von der ersten bis zur sechsten. Das muss schon eine ziemliche Herausforderung für die Lehrer gewesen sein.“

Ab 1950 war an der Schule in Nebel unter Rektor Egon Brälye ein Aufbauzug eingerichtet worden, der den Inselkindern die „Mittlere Reife“ und den Besuch einer weiterführenden Schule auf dem Festland ermöglichen sollte. Brälye, der inzwischen verstorben ist, wurde später zum ersten Schulleiter der neuen Schule ernannt und blieb bis 1974 im Amt.

Mit der Eröffnung der Dörfergemeinschaftsschule wurde 1968 vollzogen, was bereits Anfang der 1960-er Jahre geplant worden war – Teil einer bildungspolitischen Offensive, um auch den Kindern und Jugendlichen im ländlichen Raum eine bessere Schulbildung zu ermöglichen und mehr Chancen für die Zukunft. „Der Schulbetrieb in der Dörfergemeinschaftsschule begann am 23. August 1968 für das siebte bis zehnte Schuljahr mit dem Möbeltransport. Drei Tage später begann in allen Klassen der volle Unterricht“, heißt es in Georg Quedens’ „Schulen und Lehrer auf Amrum“ von 1993. „Die höheren Klassen haben immer zu zweit einen Tisch getragen und wir sind dann im Gänsemarsch von der alten Schule in Nebel zur neuen Schule in Süddorf gelaufen. Danach ging es zurück und jeder hat seinen eigenen Stuhl geholt“, erinnert sich Ralf Hoffmann, der da schon Realschüler in Klasse sieben war. Und Jesse Jessen aus Steenodde ergänzt: „Ich war ja noch kleiner und hab’ nur einen Stuhl getragen, keinen Tisch.“

„In der neuen Schule wurde von Anfang an Deutsch, nicht Friesisch gesprochen. Im Unterricht sowieso, aber auch in den Pausen“, erinnert sich Jessen, der 18 Jahre später, inzwischen selbst Lehrer, den ersten offiziellen Friesisch-Unterricht an der neuen Schule gab. Den Namen Öömrang Skuul erhielt die Dörfergemeinschaftsschule 2003. „Die Gründung der Dörfergemeinschaftsschule war die erste inselweite Kooperation der Gemeinden und hat einen großen Beitrag zum Zusammenwachsen der Insel geleistet“, resümiert Jörn Tadsen, der Heiko Wehrlich (Schulleiter seit 1974) im Jahr 2001 im Amt ablöste.

Die Planer der Schule in Süddorf hatten die Rechnung ohne den Baby-Boom der Wirtschaftswunderjahre gemacht. Der Tourismus florierte, die Auswanderung nach Amerika war rückläufig, ausgewanderte Familien kehrten zurück. So war die neue Schule gleich zu klein. Ein Schulanbau musste her. 1972 war der neue Grundschultrakt fertig, ein Presspappenbau, geplant für zehn Jahre. Erst 2014 wurde das Provisorium durch einen Neubau ersetzt – nach über 40 Jahren.

Die 1970-er Jahre waren nicht nur auf Amrum von Lehrermangel, aber hier auch noch von fehlenden Dienstwohnungen geprägt. Als Jörn Tadsen 1969 eingeschult wurde, zählte seine Klasse 46 Kinder, unterrichtet von nur einer Lehrkraft. Das ging so nur zwei Wochen, dann musste ein zweiter Lehrer hinzugezogen werden.

Der Tourismus hatte sich zur dauerhaften Erwerbsquelle auf der Insel entwickelt und so blieben die Bevölkerungszahlen auf Amrum seit Ende der 1960-er Jahre relativ stabil. Von den ersten 31 „Skuuljöönkin“ (Schulküken) 1968 verließ nur jedes sechste Kind die Insel, alle anderen blieben auf Amrum oder kehrten irgendwann zurück.

Derzeit besuchen rund 170 Schüler die Öömrang Skuul, Tendenz: leicht steigend. Die Insel hat eine hohe Attraktivität für junge Familien, und daran dürfte auch die integrative Gemeinschaftsschule von heute ihren Anteil haben. Sie genießt einen guten Ruf. „Wir möchten unseren Schülerinnen und Schülern hier Wurzeln geben, die einen Menschen ein Leben lang tragen können, aber auch den Blick für die Welt öffnen“, beschreibt Schulleiter Jörn Tadsen das Credo der Öömrang Skuul. Kann man sich ein schöneres Bild vorstellen, um bei einem für den 1. Dezember geplanten Fest zusammen das 50-jährige Bestehen seiner alten Schule zu feiern?

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