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Museum Kunst der Westküste : Ein Traum: den Wind einfangen

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Experimentieren und Ideen weitereintwickeln: Als Artist in Residence genoss derAmsterdamer Fotokünstler Sjoerd Knibbeler drei Wochen lang die Freiheit auf Föhr.

Sjoerd Knibbeler denkt groß. Der Amsterdamer Fotokünstler war gerade als Artist in Residence drei Wochen Gast im Museum Kunst der Westküste (MKDW) und hatte die Idee, sich auf der Insel mal nach technischen Instituten umzuschauen, wo er sich Inspiration für seine Arbeit holen könnte. Schön zu hören, was der Mann dieser kleinen Insel so zutraut. Zufall ist es nicht: Die Fotoarbeiten des 36-Jährigen sind extrem von der Wissenschaft durchdrungen. Experimente mit Wetterballons gehören zu seinem Repertoire, und im meteorologischen Institut der Niederlande ist er Stammgast.

Seinen Aufenthalt auf Föhr genoss der Künstler sehr. Vor allem die Freiheit, die ihm das Artist-in-Residence-Programm des Alkersumer Kunsthauses bot. Denn hier geht es nicht um Ergebnisse, hier geht es um Inspiration, ums Ausprobieren. Passt hervorragend zu Knibbelers neuer Richtung. Der Mann hat schon im äußersten Norden Islands mit dem Mond experimentiert – und zwar genau dort, wo in den kargen Steinwüsten von Húsavík 1967 die Apollo-Weltraummission um Neil Armstrong trainierte. Knibbeler hat versucht, Wind zu visualisieren und will sich nun in seinem neuen Vorhaben der Sonne zuwenden.

Rückblick: Im Gärtchen seiner idyllisch gelegenen Künstlerwohnung mit Reetdach, alter Werkbank und großzügigem Wohnraum, hat er sich seine Gerätschaften zurechtgestellt. Die Black-Box ist selbst gebaut. Im Inneren des pechschwarz gestrichenen Holzkastens wird er Prismen verschiedenster Formen aufstellen, die er in Amsterdam nach seinen Vorstellungen hat schneiden lassen. Wenn sie das Licht reflektieren, was gebündelt durch die oben im Kasten eingelassene Linse fällt und darunter auf einem lichtsensiblen Papier eingefangen wird, dann ergibt das .... Ja, was eigentlich? Was wird solch ein Fotogramm zeigen? Wie kann man damit weiterarbeiten?

Das war das Schöne an Knibbelers Föhrsein: Er konnte seine Idee weiterentwickeln. Noch sei es zu früh, um Schlüsse zu ziehen. „So habe ich oft angefangen, einfach aus einer Idee heraus oder aus einem Zufall. Eine ganze Windserie entstand aus dem Umstand, dass ich um eine aufgespannte Leinwand herumging, die sich dabei leicht bewegte. Das habe ich dann mit verschiedenen Varianten verstärkt. Aber die Grundidee ergab sich eben ganz zufällig.“ Die Materialien dafür kauft er oft im Baumarkt.

Knibbeler hat Kunst und Filmgeschichte in Den Haag studiert. Er war beim „Photography Festival“ in Toronto dabei, seine Arbeiten werden von der Galerie LhGWR in Den Haag vertreten und hängen unter anderem im Foam Fotografie-Museum in Amsterdam. Auf der Art Rotterdam im September ist er auch dabei. Seine konstruierten Fotografien bringen den Betrachter zum Nachdenken. Die Konstruktionszeichnungen für seine „Paper Planes“ (Papierflieger) hat er sich aus einschlägigen Foren im Netz geholt. Alles Prototypen, teilweise sehr alt, alle waren nie in der Luft. „Sie sind an der Realität gescheitert, aber ihre virtuellen Daten fliegen weiter durch die Welt“, sagte Knibbeler in einem Interview zu seiner Amsterdamer Ausstellung 2015.

Wenn er erzählen soll, was er tut, sagt er oft: „Ich baue die Natur nach". Wie er das macht, ist nicht so leicht zu verstehen. Deshalb macht es Sinn (und Spaß), einen Making-Of-Film im Internet anzuschauen, der zeigt, wie Knibbeler seinen eigenen Tornado baut (https://vimeo.com/150606804). Kamera und Glaskasten – beides Marke Eigenbau. Hinter den Scheiben ein Haufen Trockeneis, dessen Dampf, als es mit heißem Wasser übergossen wird, vom angeschlossenen Staubsauer tornadomäßig aus dem Kasten gezogen wird. Ein beeindruckendes Schauspiel.

Wenn er Wind in einem ganz normalen Baumwolltuch fängt, erkennt man auf dem fertigen Bild nichts mehr vom Ursprung. Der Ventilator ist verschwunden, das Tuch nicht mehr als Tuch zu erkennen, stattdessen ein sich biegendes Raster aus Stofffasern. „Sehr kurze Belichtungen und fotografische Tricks machen das möglich“, erklärt er. Vor seiner Arbeit liegt immer eine gründliche Recherche mit Expertengesprächen aus den verschiedensten Bereichen: Klimaforschung, Aviation oder Architektur. Das MKDW wurde durch eine Ausstellung über Wolken auf ihn aufmerksam. Natürlich passte das hervorragend zu einem Museum, das sich der Kunst der Küste verschrieben hat.

Knibbeler mag Inseln. Er hat viel Zeit auf Island verbracht und fährt privat regelmäßig nach Schiermonnikoog, eine der kleinsten unter den westfriesischen Nordseeinseln. „Föhr fühlt sich ganz ähnlich an. Auch diese Insel ist wie eine Auszeit. Gut zum Insichgehen.“ Wenn die Sonne nicht scheint, die er für seine neuen Experimente braucht, geht Knibbeler laufen, nimmt sich das Fahrrad und fährt an den Strand – den Wind fangen.

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erstellt am 22.Jul.2017 | 17:30 Uhr

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