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Norddorfer Marsch : Ein Paradies für Nonnengänse

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Gäste aus dem hohem Norden haben Amrum als neues Überwinterungsgebiet entdeckt. Landwirte fürchten noch mehr Fraßschäden.

Die Marschenwiesen nördlich von Norddorf, kaum einen Quadratkilometer groß, sind mit ihren Schilffeldern, kleinen Wassertümpeln und Gräben ein Vogelparadies – dank auch der hier noch betriebenen Landwirtschaft. Denn nur weil ein Teil des Marschenlandes noch von den beiden Landwirten Thorsten Andresen und Nanning Schult bewirtschaftet wird und deren Vieh das Gras abweidet, finden Kiebitze und Austernfischer sowie seit einigen Jahren auch Säbelschnäbler und vereinzelt Uferschnepfen hier Brutplätze – und die Scharen der Wildgänse Nahrung. Die erstgenannten Vögel benötigen für ihre Brutplätze eine übersichtliche Landschaft und die Wildgänse für ihre Nahrung das kurze, von Vieh abgeweidete oder abgemähte Gras. Wo Gräser ungestört hochwachsen, wie zum Beispiel auf den Salzwiesen vor dem Norddorfer Deich und längs des Amrumer Wattufers oder auf dem Föhrer Vorland, ist weder für Brut- noch für Gastvögel ein Lebensraum.

Die Menge der Wildgänse ist aber für die genannten Landwirte nicht unproblematisch. Beispielsweise haben die Bauern ihren Viehbestand mehr als halbiert, weil vor Anfang/Mitte Juni kein Viehauftrieb mehr möglich ist. Abgefressenes Gras und Gänsekot dicht an dicht kennzeichnen die Marschenwiesen. Erst Mitte Mai ziehen die Scharen der Ringelgänse – bis zu 3000 Vögel – zu ihren Brutplätzen im sibirischen Eismeer. Aber zusätzlich bevölkern Tausende von Graugänsen die Norddorfer Marsch, brüten in den ausgedehnten Schilffeldern oder in den Dünen und wandern von dort ab Mitte April mit ihren Jungen auf die Marschenwiesen, wobei die Familien nicht selten auch belebte Dorfstraßen überqueren.

Die „Gänseproblematik“ ist landesweit bekannt und zu deren Regulierung erlauben die Naturschutzbehörden neuerdings das Absammeln der Gelege. Die beiden Norddorfer Jagdpächter Karsten Schult und Thorsten Andresen haben über 600 Grauganseier gesammelt, allerdings immer ein Ei im Nest liegen lassen, um den sehr familiär lebenden Gänsen den Bruterfolg nicht ganz zu nehmen und Nachgelege zu verhindern. Trotzdem wimmelte es dann von April bis Juli in den Marschenwiesen von Gänsefamilien und hunderten von Gösseln.

Nun wird die Problematik der Gänsemassen seit einigen Jahren noch durch eine weitere Art verstärkt, deren Brutplätze im hohen Norden liegen: auf Grönland, auf Spitzbergen und auf Nowaja Semlja sowie anderen sibirischen Eismeerinseln. Dort brüten die Nonnengänse, auch Weißwangengänse genannt, zum Schutze gegen Polarfüchse auf den Simsen steiler Felswände und nehmen in Kauf, dass ihre Jungen bald nach dem Schlüpfen 30, 50 und mehr Meter in die Tiefe springen, um ihren Eltern zum Wasser und zu Nahrungsgründen zu folgen. In der Regel kommen die Jungen dank ihres weichen Daunengefieders aber lebend am Fuße der Felswand an.

Nonnengänse erscheinen dann im Herbst in ihren Winterquartieren an der Nordseeküste vor allem auf Eiderstedt, wo sie schon seit Jahren in der Landwirtschaft für Furore sorgen. Auf Amrum war die Nonnengans früher eine seltene Erscheinung. Sie tauchte manchmal bei starkem Ostwind, in der Regel aber nur für wenige Tage auf, und war dann wieder verschwunden. Doch seit 2014 sind es keine Einzelvögel mehr, sondern Scharen von über 100 manchmal an die 500 Nonnengänsen. Sie blieben auch im Winter hier und zogen dann erst Mitte Mai zu ihren nordischen Brutplätzen. Im Herbst bevölkerten, verteilt auf mehrere Scharen‚ reichlich 200 dieser auffälligen Gänse die Norddorfer Marsch und machten sich auch durch ständiges Geschnatter hörbar.

Naturfreunde standen mit ihren Ferngläsern und Fotoapparaten fast täglich auf der Straße oder auf dem Deich und freuten sich an dieser Fülle von Natur. Die Amrumer Landwirte dürften allerdings andere Gedanken bewegen. Was, wenn zu den Scharen der Graugänse und Ringelgänse jetzt auch die Mengen der Nonnengänse dazukommen? Und was, wenn die Nonnengänse in unseren Breiten nicht nur Wintergäste bleiben, sondern sich auch als Brutvögel etablieren, wie es in Holland, aber auch schon an anderen Orten in Nordfriesland, so auch auf Föhr im Vogelparadies nördlich von Wyk, der Fall ist?

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