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125 Jahre Sebbad Norddorf (Teil 1) : Ein Hilferuf mit weit reichenden Folgen

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Die Insulaner fürchten den Verfall der Sitten. Pastor von Bodelschwingh soll die Amrumer vor den „drohenden Gefahren eines modernen Badelebens“ schützen.

Der umfangreiche Landverkauf auf Amrum an auswärtige Interessenten und Spekulanten durch eine Gemeindevertretung, die noch kurz vorher die Gründung eines Seebade abgelehnt hatte, „weil man den Verderb der guten hiesigen Sitten befürchtete“, beunruhigte etliche Einwohner der Insel sehr. Ging doch gerade in jenen Jahren eine „Christliche Erweckungsperiode“ durch das Land, die auch auf Amrum mehrere Anhänger fand. In dieser Situation wandte sich der Inselpastor Wilhelm Tamsen an den Landesverein für Innere Mission mit der Bitte, „der St.Clemens-Gemeinde die Segnungen des kirchlichen Lebens zu erhalten und sie gegen die drohenden Gefahren eines modernen Badelebens zu schützen“‚ verbunden mit dem Vorschlag, „hiesigen Orts ein christliches Seehospiz zu errichten, um wirklich Leidenden die ersehnte Erholung zu bieten...“

Die Bitte wurde an Pastor Friedrich von Bodelschwingh weitergeleitet. Durch seine sozialen Werke (darunter die Anlage Bethel bei Bielefeld) war Bodelschwingh im Deutschen Reich eine bekannte Gestalt. Geboren im Jahre 1831, lebte er seit 1864 mit seiner Familie in Westfalen und erlebte Weihnachten 1886 eine schwere Prüfung, als vier Kinder an Stickhusten starben. Bei Besuchen auf den Ostfriesischen Inseln hatte Bodelschwingh erlebt, welche Auswirkungen die Gründung von Seebädern auf die bis dahin biederen Inselbewohner hatte. So fiel die Bitte des Landesvereins für Innere Mission auf fruchtbaren Boden, und im Sommer 1888 reiste der hochrangige Pastor mit seiner Familie mit dem Dampfer „Freia“ des Werfteigners Blohm ab Hamburg über Helgoland und Wyk nach Amrum und nahm im Hause Joh. Jannen (heute Pauline Höfer) Quartier.


Auf der Suche nach kräftigem Wellenschlag


Pastor von Bodelschwingh erforschte über mehrere Tage die Insel und fand diese zunächst als Badeort ungeeignet. Das Hauptaugenmerk der Landkäufer und Seebadinteressenten richtete sich auf die Südspitze Wittdün. Aber hier vermisste der Pastor „den kräftigen Wellenschlag“, damals das Kriterium eines geeigneten Seebades. Vor Wittdün dehnte sich nämlich eine mächtige Sandbank, der Kniepsand, und behinderte eine kräftige Brandung am eigentlichen Wittdüner Strand. Aber schließlich entdeckte Bodelschwingh im Norden der Insel, an der Nordspitze‚ einen Strand mit freiem, ungehinderten Wellenschlag. Es folgten Verhandlungen mit dem Gemeinderat über die Pachtung einer geeigneten Landfläche auf einem flachen Dünengelände nördlich von Norddorf, das gegen Sturmfluten hoch genug war, sowie Anträge bei den Behörden der Schleswig-Holsteinischen Provinzial-Regierung in Schleswig. Nachdem dann am 10. Mai 1890 die Badekonzession erteilt war, kam wenig später ein Schiff mit dem Material eines Fertighauses der norwegischen Firma Strömmer Trävare mitsamt einer Mannschaft von Zimmerleuten, die das Gebäude unter Zuhilfenahme auch einheimischer Handwerker zusammenbauten, so dass am 4. Juli 1890 die Einweihung des Seehospizes erfolgen konnte. Für Pastor Tamsen war es eine besondere Gnade, diese Eröffnung noch zu erleben, denn inzwischen nach Flensburg versetzt, starb er dort im Oktober 1891, erst 39 Jahre alt.

Das Seehospiz  I richtete sich bewusst an „wirklich erholungsbedürftige Gäste“‚ die das gesellschaftliche Brimborium in den schon bestehenden Seebädern nicht wollten. Und der Erfolg war so groß, dass schon 1892 ein zweites Hospiz erbaute werden musste, um die Anfragen zu befriedigen. Sogar Prinz Heinrich, der Bruder des letzten deutschen Kaisers, und seine Gattin Prinzessin Irene besuchten mit Gefolge das Seehospiz und machten es ganz schnell im Vaterland bekannt. Die zunächst noch bescheidenen Verhältnisse – beispielsweise wurden die Fleischwaren im kühlen, sterilen Dünensand vergraben, ehe sie zum Verbrauch kamen – störte die Hospizgäste nicht.


Von Seehospiz zu Seehospiz


Norddorf war in jenen Jahren ein Dorf mit knapp 40 Häusern, deren Bewohner mangels ausreichender Erwerbsmöglichkeiten kaum mehr als das tägliche Brot hatten. „Und nirgendwo auf der Welt habe ich ein Dorf mit so vielen Witwen und Waisen gesehen, wie in Norddorf“ berichtete Pastor Bodelschwingh an die Westfälische Diakonissenanstalt Sarepta in Bethel. Die hohe Anzahl der Witwen begründete sich auf die Todesfälle des zur See gewandten Erwerbslebens. Beispielsweise hatten noch im Dezember 1863 neun Männer ihr Leben verloren, als sie – verlockt durch die Aussicht auf Bergelohn - zu einem vor Amrum gestrandeten Schiff wollten und neben den Witwen 25 Waisen hinterließen.

Die „Manager“ des Seehospizes blickten aber auch vorausschauend in die Zukunft. Unverändert wurde auf Amrum hektarweise Land verkauft und auch auf Norddorf richteten sich die Augen einiger Interessenten. Aber als einige Einheimische, Bernhard Schmidt, Martin Martinen und Martin Cöster, Anträge auf Landkauf stellten, wurden diese zurückgewiesen, „da bekannt ist, dass das Seehospiz dort ehestens zu bauen beabsichtigt....“ In weiser Voraussicht und um Konkurrenten ein für allemal abzuwehren, kaufte das Seehospiz vom Ortsausgang Norddorf bis fast zum Strand hin einen breiten Landstreifen.

Nach dem Seehospiz  II folgten 1895 das Seehospiz  III und 1905 das vierte. Es wurde speziell für die Erholung der Diakonissen erbaut, die dann auch bis 1990 das Ortsbild prägten. Zuletzt wurde 1911 noch das große „Ambronenhaus“ am Dorfrande gebaut. Da war Pastor Bodelschwingh aber schon gestorben, im April 1910.

Für den Bau des „Ambronenhauses“ wurden an die Dorfbewohner „Anteilscheine“ ausgegeben, so dass auch Einheimische am Seehospiz beteiligt waren. Das „Ambronenhaus“ entstand in einer Zeit der Rückbesinnung auf inseltypische Bauformen. Um das Konglomerat der Fremdenverkehrs-Architektur in traditionelle Bahnen zu lenken, hatten der Landrat Rogge und Kieler Architekten 1908 den „Verein Baupflege Kreis Tondern“ gebildet. Und nach diesen Regeln wurde auch das „Ambronenhaus“ gebaut, mit friesischen Giebelfronten, mit Sprossenfenstern und Reetdach. Gerade dieses Reetdach sorgte dann für die Zerstörung im historischen Norddorfer Dorfzentrum, als es durch Unvorsichtigkeit des Küchenpersonals beim Beheizen der großen Waschkessel am 17. August 1925 in Brand geriet und in der Windrichtung nach Osten zehn alte Friesenhäuser der Feuersbrunst zum Opfer fielen. Der Wiederaufbau des „Ambronenhauses“ erfolgte dann mit Pfannendach und dem Einzug einer weiteren Etage.

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