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vortrag in alkersum : Dreisatz: Mitte mal hinten durch vorn

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Ein Referat in der Ferring-Stiftung unterstrich die Bedeutung der Rechenkunst für die ländliche Bevölkerung in früheren Jahrhunderten.

„Wenn hee nich Hochdüütsch kunn, keem hee mit Platt döör de Welt, wenn hee nich reegnen kunn, denn krech hee Kummer.“ (Wenn er nicht Hochdeutsch konnte, kam er mit Plattdeutsch durch die Welt; wenn er nicht rechnen konnte, kriegte er Kummer).

Jürgen Kühl ging in einem eindrucksvollen Referat in der Alkersumer Ferring-Stiftung auf die Bedeutung der Rechenkunst für die ländliche Bevölkerung, schwerpunktmäßig des 17. und 18. Jahrhunderts ein, denn Seefahrt und Handel erforderten einen souveränen Umgang mit Längen und Währungen. Am Beispiel der Lübschen Mark machte er deutlich, dass die Anwendung des Dreisatzes, der „Güldenen Regel“ „Mitte mal hinten durch vorn“ zu einer arbeitsintensiven Angelegenheit werden konnte. Denn die Lübsche Mark entsprach 16 Schilling zu je 48 Witten und war vom frühen 16. Jahrhundert bis ins 19. Jahrhundert die vorherrschende Währung in den Handelsstädten wie Lübeck und Hamburg. Erschwerend hinzu kamen diverse Landmaße mit ihren nicht dezimalen Untereinheiten, so dass die Rechenmeister des 18. Jahrhunderts bei intensivem Handel akribisch genau und rechnerisch sehr sicher sein mussten.

Zeugnis dieser Schulungen im Umgang mit Dreisatz und Zinseszinsrechnungen legen die sogenannten Rechenhandschriften ab, von denen Jürgen Kühl bisher 190 in Schleswig-Holstein gefunden hat, Navigationsschriften nicht einmal mitgezählt. „Rund ein Drittel dieser Handschriften haben als Grundlage das Rechenbuch von Heino Lambeck“, so der Referent. Dabei war Lambecks „Rechenbuch von allerhand Haus- und Kaufmannsrechnungen“ hauptsächlich auf Hamburger Kaufmannsleute zugeschnitten, erst „Kroymann´s gemeinnützliches Rechenbuch“ hatte Schleswig-Holsteinische Landbesitzer etwas mehr im Auge.

Die Rechenhefte seien mit sagenhafter Disziplin angefertigt worden, versicherte Kühl, der – selbst ehemaliger Mathematik- und Physiklehrer – die Aufgaben nachgerechnet hat. Er bezeichnete die Schriften als kleine Kunstwerke und mutmaßte, dass die peniblen Ausfertigungen dem Training der Ausdauer dienten. Hinzu komme eine handschriftliche Akuratesse, denn jeder Schüler beherrschte die lateinische und die deutsche Schrift sowie eine Zierschrift.

Unterforderte Rechenmeister übten sich, so Kühl, im 17. und 18 Jahrhundert an speziellen Mathematikaufgaben und schlossen sich der 1690 von Heinrich Meißner gegründeten „Kunstrechnungsliebenden Sozietät“ an, die 1877 von der „Mathematischen Gesellschaft“ abgelöst wurde. „Aufgaben aus dem „Mathematischen Sinnen Konfekt“ können noch heute Mathematiker beschäftigen“, freute sich der passionierte Mathe-Liebhaber abschließend.

 

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erstellt am 25.Feb.2015 | 19:45 Uhr

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