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Vortrag in Wyk : Die Sache mit den Dänen

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Warum gehen deutsche Kinder zur dänischen Schule? Oder: Wie werde ich eine Minderheit?

Frage aus dem Zuhörerraum: Rauchen die Frauen in Dänemark eigentlich alle Havannas? Man merkt, es war echt mal an der Zeit, auf Föhr die Sache mit den Dänen zu klären. So geschehen im dänischen Versammlungshaus, vollbesetzt, mit Amtskonsulent Lars Petersen vom Sydslesvigsk Forening (SSF) und Schulleiter Uwe Nissen, der seit drei Jahren die kleine Zwei-Raum-21-Schüler-zwei-Lehrer-Schule auf der anderen Straßenseite leitet. Im Bonn-Kopenhagener-Abkommen von 1955 ist ganz einfach geregelt: Wer sagt, er ist Minderheit, ist es. Es darf sich also jeder zugehörig fühlen, wenn ihm danach ist. Man braucht nicht mal dänische Vorfahren. Aber die Seele auf dem dänischen Fleck, einen Wunsch nach kleiner Gemeinschaft und den Willen, die Sprache zu lernen. Auf Föhr hat der Kulturverein SSF mittlerweile 60 Mitglieder. Und die Schule steuert im nächsten Jahr auf einen neuen Rekord in ihrer bald 70-jährigen Geschichte zu: 25 Schüler. Die Eltern, die nachmittags Einzelunterricht bei den beiden Lehrkräften nehmen, mal nicht mitgerechnet. „Bei den Kindern sind jede Menge Neudänen dabei“, sagt Schulleiter Uwe Nissen erfreut.

Warum schickt man sein Kind zu einer Schule, deren Sprachen man nicht versteht? Unterricht, Elternsprechtage, Pausengebrabbel – alles auf Dänisch. „Mehrere Gründe“, sagt der Wyker Vereinsvorsitzende Bjørn Wenner, ein Zugezogener ohne jegliches dänische Erbe (trotz o mit Strich). „Kleinste Klassen, ganz viel Kümmerung durch die Lehrer, skandinavische Pädagogik, wo Bildung schon immer ein hoher Wert war, Zweisprachigkeit, die hohe Verbindlichkeit untereinander – und nicht zuletzt die Abwechslung, die die Kinder haben.“

Tatsächlich spielt in den Pausen Klein mit Groß, spricht Groß mit Klein, ganz selbstverständlich. Jahrgangsübergreifend von erster bis achter Klasse ist oft der Unterricht. Und wenn die Kinder Schulschluss haben, dann sehen sie in der Freizeit andere Gesichter. Das kann, im ohnehin engen Sozialraum einer Insel, ein richtig großes Plus sein. „Und uns macht das Lernen einer neuen Sprache richtig Spaß“, sagt auch Andreas Thomsen, ein Föhrer, dessen Urgroßmutter Dänin war, der aber nie ein Wort Dänisch konnte. Beide empfinden den Zugang zu einer neuen Kultur als etwas sehr Schönes. „Es ist wie Weihnachten“, sagt Wenner und grinst. „Sprache lernen ist Pflicht“ sagt Schulleiter Nissen, „sonst können die Eltern ihrem Kind nicht beistehen.“ Er hat auch schon Einschulungswünsche abgelehnt. „Manche tun ihrem Kind echt keinen Gefallen damit.“

Ist man in der Schule, ist man auch gleich im Verein. „Das gehört zusammen, wir möchten ja eine engagierte Gemeinschaft. Und der bringen wir die dänische Kultur nahe, und zwar vom Kleinkindtheater bis zur Oper“, wie Petersen sagt. Der Jahresbeitrag ist nicht hoch, das Anmeldejahr ist gebührenfrei, „wer sich also im Dezember anmeldet, ist selbst Schuld.“ Petersen lacht.

Ein Mann aus der Zuhörerschaft steht auf und bietet seine vom Vater geerbte umfangreiche dänische Bibliothek der Gemeinschaft an. Uwe Nissen freut sich. „Einmal im Monat kommt der Bücherbus zu unserer Schule, samt kundigem Bibliothekar.“ Außerdem kann man aus der dänischen Zentralbibliothek in Flensburg alles bestellen, was je auf Dänisch erschien. In Flensburg steht auch die dänische Kirche, dort wird die (zweisprachige!) Flensborg Avis herausgegeben, dort sind die Zentralen der Jugendvereine und des Gesundheitsdienstes samt Pflegeheim. Und der Südschleswiger Wählerbund (SSW), die politische Stimme, mit mittlerweile vier Abgeordneten im Landtag. „Ein bisschen SSW-Arbeit auf Föhr zu machen, das wäre noch so ein Wunschprojektchen von mir“, sagt Schulleiter Nissen.

Zur dänischen Minderheit gehören rund 50  000 Menschen, immer noch so viele wie zu Beginn vor vier Generationen. Der dänische Staat unterstützt sie mit all ihren Institutionen mit 500 Millionen Kronen jährlich (rund 67 Millionen Euro). Insgesamt gehen zwischen Flensburg und Rendsburg 6000 Schüler auf 46 dänische Schulen. Dazu kommen noch Kindergärten für rund 2500 Kleinkinder. „Ein nicht unbeträchtlicher Wirtschaftsfaktor ist das“, sagt Petersen.

Früher war alles dänisch bis nach Altona. Nach dem deutschen Sieg über Dänemark 1864 wanderte die Grenze nach Norden, durch die Grenzlandabstimmung 1920 wanderte sie wieder ein Stück nach Süden: Nun gab es Minderheiten auf beiden Seiten. Seitdem kümmert sich das dänische Mutterland um seine Aushäusigen. Nach dem zweiten Weltkrieg, als es in Deutschland nicht mehr zu essen gab und die Dänen Carepakete an ihre geliebte Minderheit schickten, da schimpfte man diejenigen Deutschen „Speckdänen“, die urplötzlich ihre dänische Seele spürten und in den Reihen der Bedürftigen auftauchten. In den Jahren 1948/49 hatte der Verein plötzlich 90  000 Mitglieder. „Da gab es es dann mal ganz schnell einen Aufnahmestopp“, erinnert sich Petersen schmunzelnd. Der Mann ist froh, dass das Gegeneinander der Nachkriegsgeneration längst einem intensiven Miteinander gewichen ist. „In den 1950-ern, bei der Generation meiner Eltern, da gab es keinen Schulheimweg, wo sich nicht Deutsche mit Dänen prügelten.“

Petersen, 1964 in Niebüll geboren, hat erst im Jugendalter deutsch gelernt, „um mit den Nachbarskindern zu reden“. Schulleiter Nissen hingegen, hat erst mit 17 Jahren Dänisch gelernt, „wegen meiner Freundin“. Und heute bemühen sich die Herren Wenner und Thomsen vom Wyker Vereinsvorstand beim Dänischlernen ihren Kindern immer eine Länge voraus zu sein. Apropos Länge: Obwohl das Dänische Königshaus in Sachen Rauchen zu den Fortgeschrittenen gehört, ist nicht bekannt, dass Däninnen Havannas rauchen.

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erstellt am 23.Dez.2016 | 12:30 Uhr

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