Nebel : Die Müllers von Amrum

Blick von hinten: „Bertha“, so hießen die Mütter des Vorbesitzer-Ehepaares. Fotos: ubs
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Blick von hinten: „Bertha“, so hießen die Mütter des Vorbesitzer-Ehepaares. Fotos: ubs

Das Ehepaar Pyhan hat die Süddorfer Mühle gekauft und statt 360 nur noch 50 Quadratmeter. Sie empfinden es als Gewinn.

shz.de von
17. August 2018, 13:00 Uhr

Das Foto, das Margarete und Michael Pyhan damals auf der Immobilienseite im Internet sahen, ließ einen klassischen Flachdachbungalow vermuten – gerade Linien, große Fensterflächen – umgeben von viel Grün und gekrönt, auf dem Hügel darüber, von einem zauberhaften rot-weißen Windmühlchen mit breiten Flügeln. Das Ensemble stand noch dazu auf der Insel ihrer Träume – darf man mal so platt sagen – wo die Familie aus Ulm mit ihren vier Kindern die letzten 30 Jahre Zeltplatz-Urlaub gemacht hatte. Und es gab bei den Pyhans die Überlegung, nach Erreichen des Rentenalters nach Amrum zu ziehen.

„Die Mühle war uns auf der Insel nie besonders aufgefallen, aber auf dem Foto sah das Ganze wirklich hinreißend aus“, erzählt Margarete Pyhan. Das war 2016. Zehn Jahre vor Rentenalter. Die Mittfünfzigerin lacht. „Wir haben es einfach gemacht. Und wir sind stolz darauf, die derzeitigen Besitzer dieser Mühle sein zu dürfen.“

Margarete Pyhan ist Erzieherin, ihr Mann Michael selbstständiger Betriebswirt. Zuhause in Ulm hatten sie ein Haus, 360 Quadratmeter mit allem, was man so braucht als sechsköpfige Familie. „Als wir die Mühle besichtigt haben, haben wir gemerkt, wie geschickt dieses Foto von dem Anbau aufgenommen war. Der hat in Wirklichkeit nur 50 Quadratmeter.“ Von 360 auf 50 – es gibt Menschen, die würden solch einen Gedanken nicht einmal in Erwägung ziehen. Pyhans schon. „Wenn wir früher nach vier Wochen Ferien im Zelt nach Hause kamen und ich die Tür aufschloss und mir das alles anguckte, dann hab ich mich schon manchmal gefragt, brauchen wir das wirklich?“, sagt Michael Pyhan. „Der umgebende Raum beeinflusst ja auch irgendwie den Geist.“ Seine Frau erzählt beschwingt, wie sie innerhalb eines Jahres den Familien-Hausstand auf ein mühlentaugliches Minimum reduziert hat. Man hört zu und spürt, dass sie kein Stück Weggegebenes je vermissen wird.

„Verschenkt, vor die Tür gestellt, und bei mir im Kindergarten hab ich einen Flohmarkt zu Gunsten der Einrichtung gemacht. Zwei Essservice habe ich mitgenommen. Aber kaum war ich hier, habe ich auf dem Flohmarkt ein schönes, altes, friesisches gefunden – und die anderen weggegeben.“

Die Kinder – alle groß – fanden die Idee gut. Vielleicht ja auch, weil sie statt im Zimmer nun unterm Spitzdach einer Mühle schlafen können, mit Blick nach Ost und West über die Insel ihrer Kindheit. „In Spitzenzeiten waren fast alle hier bei Edeka arbeiten“, erzählt die Mutter mit Blick auf die Zeltferien auf Amrum. Heute geht die Jüngste auf Föhr zur Schule. Die andere Tochter arbeitet in der Fachklinik Satteldüne. Ein Sohn studiert in Kiel, der andere macht seinen Meister in Ulm. Wenn er nicht gerade den Spitzenplatz unterm Mühlendach belegt, wie jetzt, in seinem Urlaub.

Die Mühle: Erdhügelgeschoss – „ein Grabhügel“, Hauptgeschoss und Dachspitze. Zwischen den Ebenen zwei schmale, steile Holzstiegen, auf denen man sich mit einem Seil in der Hand gegen den Absturz sichern kann. Früher schliefen hier zwei Ehepaare – zumindest während ihrer Sommerfrische-Wochen. Architektonisch hoch durchdacht das Innere: Rundum Bänke, unten denen es sich Stauen und auf denen es sich Schlafen lässt. Ein schmaler Tisch, niedrig genug, um im Sessel sitzend aus dem Fenster zu schauen. In der Etage darunter war früher die Küche. Davon zeugen noch Tisch und Büffet der Vorbesitzer. Die zwei alten Spülschüsseln in der maßangefertigten Küchenzeile wurden von Ferienkindern einst als Schlittenersatz benutzt, verschwanden über Jahre im Gerümpelkeller der vor sich hin rottenden Mühle und wurden erst bei deren Renovierung entdeckt und sinnstiftend mit eingebaut.

Einer der Vorbesitzer, der die Mühle gemeinsam mit einem Freund 1952/53 vom Amrumer Heinrich Andresen kaufte, war der Hamburger Architekt Helmut Landsmann. Der Mann hatte ein Faible für die kleine Nordseeinsel und für Kleinode: Er kaufte später auch ein Haus im Waaswai, eines der ältesten in Nebel, das heutige Öömrang Hüs, was Landsmann, als er sich von der Insel zurückzog, dem Amrumer Heimatverein verkaufte.

Dass die Geschichte der Mühle ihren Eignern lieb war, davon zeugt der dicke, rote Ordner, den Margarete Pyhan im Wohnzimmerchen auf dem Tisch aufschlägt. Darin ist alles dokumentiert: Neue Flügel für 40 000 Mark, ein Klapp-Steert 20000 Mark – Originalrechnungen liegen bei. Dazu Zeitungsberichte und Fotos vom Leben auf diesem winzigen Raum, von Feiern und Umbauten. Und zig Seiten Historie, festgehalten von einer der letzten Besitzerinnen, Tony Rechtern. „Sie hatte im Garten den Wegen Namen gegeben“, erzählt Margarete Pyhan, während sie durch das tief nach hinten ragende, dicht bewachsene Grundstück streift: „Ginsterweg, Tony-Pfad“. Sogar der Hund der Pyhans, ein Rhodesian Ridgeback, hält sich beim Toben an die Wegführung auf dem siebeneinhalbtausend Quadratmeter großen Gelände „Alles Naturschutzgebiet, wir dürfen nur noch einen ganz kleinen Teil von ungefähr 30 Quadratmetern bebauen.“ Der käme dann zu den vorhandenen 50 dazu, zu jenem kombinierten Küchen-Wohn-Schlafraum, der damals auf dem Immobilienportal wie ein Designbungalow von Mies van der Rohe wirkte. Margarete Pyhan öffnet nebenan eine Schuppentür. „Unser Bad“, sagt sie und lacht.

Die Mühle war ursprünglich eine Bockmühle und stammte von Sylt, wo der Amrumer Schiffer Volkert Quedens sie 1882 auf einer Auktion erstand, abbrach und ein Jahr später auf Amrum zur Holländermühle umbaute. Die Pyhans spüren, dass sie eine Sehenswürdigkeit gekauft haben und überlegen auch, in welcher Form, sie ihr Eigenheim vielleicht ab und an öffnen könnten. Die Schulkinder waren schon da. „Klar“, sagt Margarte Pyhan, „die Schule liegt neben der Mühle, da fahren die Kinder immer dran vorbei. Und müssen doch auch mal reingucken dürfen.“





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