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Museum Kunst der Westküste : Die Kunst, Alltägliches neu zu erfinden

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Frank Bölter besuchte sein Papierboot in der Papermania-Ausstellung. Dabei erzählte der Künstler von seiner Arbeit.

Das hat jeder schon einmal getan, zumindest in seiner Kindheit: Ein Boot gefaltet aus Papier. Es ist ganz einfach und überall auf der Welt verständlich und nachbaubar. Das ist ein Grund, warum sich der Künstler Frank Bölter gerade dieses Symbols des Aufbruchs und Untergangs bedient hat, wie er bei einem Gespräch im Museum Kunst der Westküste erklärt, wo derzeit eines dieser Boote im Rahmen der Ausstellung „Papermania“ gezeigt wird.

Aber wie kommt man auf den Gedanken, ein Boot in dieser besonderen Falttechnik in einer überdimensionierten Version herzustellen? Die Idee wurde quasi am Frühstückstisch geboren, sagt der in Köln lebende Aktionskünstler, als er das Material einer Milchtüte etwas genauer unter die Lupe nahm. „Ein Künstler ist deshalb ein Künstler, weil er etwas macht, was kein anderer macht“, erläutert er den Grund, warum aus dem Material einer normalen Milchtüte nun seit 2006 Faltboote der Marke Übergröße entstehen. Neun mal 18 Meter misst das Bastelpapier, das im gefalteten Zustand ein Boot von 8,5 Metern Länge und 2,5 Metern Breite ergibt. Es trägt in der Regel einen Fahrgast. Einen Motor hat es allerdings nicht, so dass Frank Bölter – angeleint an ein Zugschiff – per „Anhalter“ die Wasserstraßen in aller Herren Länder befährt. Nun versteht er seine Faltaktion allerdings nicht als Einzeltat, sondern es werden daraus Performances auf der ganzen Welt.

2006 startete er in einem Mönchskloster in Frankreich. Das Papierformat füllte exakt den Altarraum aus. Gemeinsam mit den Mönchen entstand so das erste Boot. Mit der „Bo(o)tschaft“, Kunst und Religion wieder zusammenzuführen, machte er sich auf den Weg vom Mutterorden in Frankreich zum Tochterorden nach Osnabrück. Inzwischen hat er schon die vielfältigsten Erfahrungen mit seinen Aktionen gehabt. „Das Spannende“, sagt er, „ist die Begegnung mit den Menschen, die mit mir bauen, und die Ideen und Intentionen, die dann daraus entstehen“, so der Künstler. Gerade hat er sich mit Fischern in Sri Lanka ausgetauscht und das Aufeinandertreffen zweier Kulturen und Sprachen erlebt. In Belgien baute er mit Flüchtlingen ein Schiff, das auf einen Abwasserkanal gesetzt wurde und den Akt der Deportation symbolisierte und damit auch die Frage stellte, welchen Platz die Gesellschaft Flüchtlingen einräumt. Er bezeichnet das Milchtütenpapier als poetisch aufladbares Material. Außer Booten hat er schon Häuser und Raketen daraus gemacht.

Die Papermania-Ausstellung hat aber neben dem übergroßen, seetüchtigen Gefährt noch einiges mehr zu bieten. Sie vereint elf internationale Künstlerinnen und Künstler, deren Werke zwei Gemeinsamkeiten verbindet – zum einen den Bildträger Papier, zum anderen die Themen „Meer und Küste“ und „Reisen und Natur“. Zerbrechlich wirkende Arbeiten und detailverliebte Szenerien, die eine Geschichte erzählen können, stehen im Kontrast zu raumgreifenden Installationen, Paper Cuts, Skulpturen und Videos.

Imposant auch die Schwärme von Motten, entworfen von Carlos Amorales, die sich über hohe Wände ziehen. 15  000 davon wurden einzeln gesetzt. Papier ist eben nicht nur Papier, wie der Betrachter staunend erleben kann.

Die beteiligten Künstler sind: Carlos Amorales (MX), Frank Bölter (D), Peter Callesen (DK), Jennifer Collier (UK), Brian Dettmer (USA), Charlotte McGowan-Griffin (UK/DE), Thomas Judisch (D), Bovey Lee (CN/USA), Mia Pearlman (USA), Stefan Thiel (D), Mariëlle van den Bergh (NL). Weitere Infos auf www.mkdw.de

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