zur Navigation springen

Interview : „Die Insel hat mich Demut gelehrt“

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Amrums Pastor Georg Hildebrandt wird künftig auf Rügen arbeiten. Am Sonntag predigt er dort zum ersten Mal.

Wir haben schon darüber berichtet: Georg Hildebrandt hat um seine Versetzung gebeten. Die Amrumer verlieren einen sehr beliebten Pastor. Im Gespräch blickt er auf seine Amrumer Zeit zurück.

Viele der Konfirmationskinder haben in Ihnen ein Vorbild gesehen, mit einer Botschaft, die bei ihnen ankam. Wie machen Sie das?

Ich habe immer schon lieber zugehört als geredet. Ich bin auf sie eingegangen. Ich kann mich ja auch noch gut an meine eigene Konfi-Zeit erinnern. Und hab eben versucht, alles so interessant wie möglich zu gestalten.

In Ihren Bibelstunden fangen Sie jeden auf und nehmen jeden mit, egal ob Bibeltreuer oder Skeptiker. Das kann auch nicht jeder.

Ich hatte immer ein Ohr darauf, wenn andere von Ihrem Glauben erzählt haben. Niemand kann für sich allein behaupten, im Besitz der Wahrheit zu sein. Die Wahrheit erschließt sich nur dann, wenn man sich gemeinsam auf die Suche nach ihr macht. Für seinen Glauben darf man niemanden abwerten.

Sie kommen aus keiner Pastorenfamilie, was war so interessant daran, Pastor zu werden?

Mein Vater war Kaufmann, aber auch im Kirchenvorstand aktiv. Meine Stiefmutter katholisch. Ich hatte einen Blick von außen auf die Strukturen der Kirche und mich immer damit beschäftigt, was andere glauben. Meine Klassenkameraden habe ich mit der Frage nach dem Sinn des Lebens genervt, bekam aber nie überzeugende Antworten. Irgendwann habe ich die Bergpredigt gelesen. Was Jesus darin gesagt hat, wie man glücklich werden kann, da hab ich gedacht, wow, das stimmt.

Die Bergpredigt ist die erste große Rede Jesu im Matthäus-Evangelium und beginnt mit den Seligpreisungen. Selig sind die Barmherzigen ... , selig sind die, die da Leid tragen ...

Genau. Ich dachte zu dem damaligen Zeitpunkt – da war ich ja noch jung – selig sei etwas, was man erst sein könne, wenn man schon tot ist. Aber in diesen Zeilen wurde ein für mich aufrichtiger und wahrhaftiger Weg beschrieben. Irgendwie hat es mich nicht gewundert, dass Jesus dafür gekreuzigt wurde. Er hatte alte Strukturen aufgebrochen und was neues gebracht. Mir hat das alles sehr imponiert.

War es schwer für Sie, auf eine kleine Insel zu gehen?

Als ich hierherkam, hab ich mir gesagt, dass ich mich völlig neu erfinden muss. Ich wollte mich besser kennenlernen, im Umgang mit mir selbst und im Umgang mit anderen. Ich habe meinen Predigtstil weiterentwickelt: Habe versucht, viel frei zu sprechen und die Menschen direkt anzusprechen. So eine große Gemeinde zu haben, hat großen Spaß gemacht. Und durch die Urlauber, von denen viele auch sehr spirituell sind, waren wir manchmal bis zu fünf Ordinierte im Gottesdienst. Ich habe auch Nachsicht gelernt. Und ich habe aufgehört, alles perfekt machen zu wollen. Man merkt hier viel deutlicher als in der Stadt, wie abhängig man von äußeren Faktoren ist: Fährt die Fähre pünktlich? Wie sind die Leute drauf?

Und ... wie sind die Leute so drauf?

Es gibt natürlich Dinge, die uns begreifen lassen, was für ein begrenzter Raum so eine Insel ist. Aber ich habe die Menschen hier als sehr geradeheraus und als sehr frei erlebt. Sie sind in der Lage, Grenzen zu überschreiten, haben keinen Tunnelblick. Das hat mir sehr gefallen. Die Gemeinde hat sowieso eine wichtige Rolle. Sie kann ihre Gaben entfalten und ihre Rechte wahrnehmen, dass sich in der Welt etwas verändert. Ich habe hier wirklich vorgefunden, was ich mir unter Kirche vorstelle: selbstbewusste Gemeindemitglieder, die ihre Freizeit einbringen, die sich auch mal deutlich die Meinung sagen, sich später aber wieder die Hand reichen.

Sie gehen also nicht wegen der Menschen hier, wie von einigen Insulanern vermutet?

Auf keinen Fall, das ist mir ganz wichtig zu sagen, es ist nicht die Gemeinde und es sind nicht die Lebensumstände, die mich bewogen haben, mich woanders zu bewerben. Ich habe mich hier sehr wohl gefühlt. Ich danke sehr für das Vertrauen, was mir entgegengebracht wurde. Und ich bedauere, dass ich dem nicht gerecht werden konnte und viele Menschen enttäuscht habe mit meinem Weggehen. Es tut mir wirklich sehr Leid. Ich wünsche der Gemeinde, dass sie in ruhiges Fahrwasser kommt. Und dass meine Nachfolgerin oder mein Nachfolger neuen Schwung hineinbringt.

Sie gehen nach Rügen, in die Gemeinde Puttbus und übernehmen eine Elternzeitvertretung.

Ja, ich werde mich dort als erstes mal umschauen, viel lesen über die Geschichte der Insel, die Menschen kennenlernen, und gemeinsam mit der Pastorin gucken, wo ich mich in der Gemeinde einbringen kann. Die „Bibel täglich“-Gruppe auf Facebook werde ich weiter führen. Und die Gottesdienste kann man zukünftig auf meiner privaten Homepage einsehen.

Am Sonntag predigen sie in Puttbus zum ersten Mal. Worüber?

Ich werde in diesem Gottesdienst über Gerechtigkeit und Frieden sprechen – im Rahmen der Geschichte von Abraham und Isaak.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen