Die "Geburt" des Kreises Nordfriesland

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10. April 2010, 09:52 Uhr

Er kam mit heftigen Wehen auf die Welt. Heute ist er eine gestandene Persönlichkeit: Am 26. April 2010 feiert der Kreis Nordfriesland seinen 40. Geburtstag.

Als der Kreis Nordfriesland vor vier Jahrzehnten das Licht der Welt erblickte, herrschte Freude in der Mitte. Aber im Norden und Südwesten wollten viele von diesem Kind nichts wissen oder hatten es sich anders gewünscht. Dabei war die Idee, die bestehenden Kreise Eiderstedt, Husum und Südtondern zu einer Gebietskörperschaft zu machen, aus der Dreiheit also eine Einheit zu bilden, nicht neu. Schon in den 1920er-Jahren hatte man darüber diskutiert, und immer wieder einmal lebte der Einheits-Gedanke auf. Dass er schließlich Wirklichkeit wurde, entsprang aber nicht dem freien Entschluss der Nordfriesen, sondern wurde auf der landespolitischen Ebene entschieden.

Im Herbst 1968 legte eine Kommission unter dem Vorsitz des früheren nordrhein-westfälischen Staatssekretärs Dr. Wilhelm Loschelder (1900-1989) ein Gutachten zur Verwaltungs-Neuordnung in Schleswig-Holstein vor. Auf dieser Grundlage beschloss die Landesregierung einen Plan zur Gebiets reform, wie sie in jener Zeit auch in anderen Teilen der Bundesrepublik umgesetzt wurde. Vorgeschlagen wurde die Bildung von zwölf anstelle von 17 Kreisen in Schleswig-Holstein. Die drei Landkreise Südtondern, Husum und Eiderstedt, die bereits seit 1961 als einheitlicher Planungsraum behandelt wurden, sollten zu einem Großkreis Nordfriesland zusammengefügt werden.

Als Hauptgründe wurden in dem Gutachten genannt: Der vorgesehene Großkreis biete die Gewähr für eine leistungsfähige Verwaltung. Er stelle geographisch und naturräumlich eine einheitliche Landschaft dar, deren natürliche Südgrenze die Eider bilde. Hinzu kämen die "historischen und landsmannschaftlichen Bindungen". Es handele sich um ein Gebiet gleicher Siedlungs- und Wirtschaftsstruktur, stark geprägt durch Landwirtschaft, Fremdenverkehr und geringen Industriebesatz. Die bestehenden kleinen Kreise brächten angesichts zunehmender Aufgaben keine ausreichende "Verwaltungs- und Veranstaltungskraft" auf.

Lediglich der Kreis Husum sprach sich einmütig für die Neuordnung aus, zumal Husum die Kreisstadt Nordfrieslands werden sollte. In Eiderstedt sahen die meisten schweren Herzens ein, dass die Eigenständigkeit des kleinsten Kreises in ganz Schleswig-Holstein nicht zu halten sei. Im Eiderstedter Kreistag entschieden sich Anfang 1969 aber 18 Abgeordnete, vor allem von SPD und FDP, für den von Landrat Dr. Kurt Bähr befürworteten Anschluss an Dithmarschen, nur 14 stimmten für Nordfriesland. Die Kreistagsmehrheit erhoffte sich von einer Orientierung nach dem ökonomisch besser gestellten Süden vor allem wirtschaftliche Vorteile und eine schnellere Verkehrsanbindung. Die einstige Gegnerschaft zwischen beiden Marschlandschaften spielte offenbar keine Rolle mehr. "Eiderstedter wollen Dithmarscher werden", lautete eine Schlagzeile.

Die überwiegende Mehrheit der Eiderstedter Bevölkerung nahm jedoch eine andere Haltung ein. In einer auf privater Initiative durchgeführten Unterschriftensammlung sprachen sich 4525 von insgesamt 7350 Wahlberechtigten für Nordfriesland aus.

Besonders heftig war die Ablehnung des geplanten Großkreises in Südtondern, das aufgrund des wachsenden Fremdenverkehrs finanziell verhältnismäßig gut gestellt war. Von einer Ehe mit einem "armen Mann" wollte man hier nichts wissen. Allenfalls konnte man sich eine Erweiterung nach Süden und Osten vorstellen, vielleicht auch einen Zusammenschluss mit dem Kreis Husum, nicht aber mit Eiderstedt - und das nur, falls Niebüll Kreisstadt bleiben würde. Man befürchtete einen Schwund um 2000 Einwohner in dem erst 1960 zur Stadt erklärten Ort. Ein Großkreis sei unüberschaubar. Dem wurde indes entgegengehalten, dass der frühere Kreis Tondern fast genauso groß gewesen und "seinerzeit im Zeichen des Fahrrads" verwaltungsmäßig von Tondern aus betreut worden sei.

Gegen den geplanten Kreis Nordfriesland bildete sich eine "Bürgeraktion Gerechtigkeit für Südtondern", die über 8400 Unterschriften sammelte. Der Kreistag entschied sich im November 1968 in Niebüll mit allen Stimmen von CDU, SPD und FDP gegen die geplante Reform, die nur von den beiden SSW-Abgeordneten Carsten Boysen und Ernst Meyer befürwortet wurde. Der damalige Landrat von Südtondern, Dr. Klaus Petersen, sah dagegen in dem geplanten Großkreis einen "Zusammenschluss Nordfrieslands zu einer Einheit, die der Geschichte dieser Landschaft entspricht". Solche gesamt-nordfriesischen Überlegungen aber spielten ansonsten kaum eine Rolle, obwohl man gerade in Südtondern als Kerngebiet der friesischen Sprache das Gegenteil hätte erwarten können.

Die Entscheidung fiel schließlich am 16. Dezember 1969 im Schleswig-Holsteinischen Landtag. Der CDU-Abgeordnete aus Südtondern und Vorsitzende des Friesenrates, Ludwig Claussen (1906-1974) sowie ein weiterer Parlamentarier der CDU stimmten gegen die Gesetzesvorlage ihrer Regierung. Die SPD-Opposition verlangte noch größere Kreise. So gab eine Stimme den Ausschlag: die des SSW-Abgeordneten Berthold Bahnsen aus Leck. Ludwig Claussen legte zum Jahresende sein Landtagsmandat nieder.

Mit der Kreistagswahl am 26. April 1970 wurde der Kreis Nordfriesland endgültig Wirklichkeit. Genau 50 Jahre nach seiner Bildung in der Folge der Volksabstimmung von 1920 hörte der Kreis Südtondern zu bestehen auf. Die Existenz der Kreise Eiderstedt und Husum endete 103 Jahre nach ihrer Gründung durch die preußische Regierung. Zum Kreis Nordfriesland kam auch das 1621 gegründete Friedrichstadt mit den benachbarten Stapelholmer Gemeinden Drage und Seeth, die bis dahin zum Kreis Schleswig gehört hatten. Einige Gemeinden im Nordosten Südtonderns - Böxlund, Holt, Jardelund, Medelby, Osterby, Weesby - wurden dagegen dem Kreis Flensburg-Land zugeordnet. Der damit entstandene Kreis Nordfriesland ist mit einer Fläche von 2048 Quadrat kilometern nach Rendsburg-Eckernförde und dem 1974 geschaffenen Kreis Schleswig-Flensburg der drittgrößte Landkreis in Schleswig-Holstein und nur wenig kleiner als das Saarland.

Der neue Kreistag, in dem die CDU mit 23 von 45 Abgeordneten die absolute Mehrheit stellte, trat am 11. Mai 1970 in der Kongresshalle in Husum zusammen. Er wählte als ersten Kreispräsidenten - also als Vorsitzenden des Kreistags - den der CDU-Fraktion angehörenden Hans Wolfgang Schettler (1923-1984) aus Leck, von 1973 an Leiter des neugebildeten Amts für Land- und Wasserwirtschaft in Husum.

Erster Landrat des Kreises Nordfriesland wurde der 1922 als Sohn nordfriesischer Eltern in Berlin geborene Dr. Klaus Petersen (CDU), der bis dahin an der Spitze der Kreisverwaltung Südtondern gestanden hatte. Er hatte über ein Thema der nordfriesischen Rechtsgeschichte promoviert und erlernte als junger Landrat die friesische Sprache.

Petersen konnte sich bei der Wahl am 10. Juni 1970 gegen seinen Husumer Kollegen Dr. Volker Wolfsteller klar mit 34 zu zehn Stimmen durchsetzen. Er blieb bis 1987 Landrat von Nordfriesland.

Die drei bisher getrennt arbeitenden Kreisverwaltungen wurden bereits nach kurzer Zeit unter einem Dach in der Kreisstadt Husum zusammengeführt. In nur 13 Monaten entstand, gestaltet nach dem architektonischen Geschmack der Zeit, auf dem ehemaligen Viehmarkt-Gelände das neue Kreishaus - eingeweiht am 6. Oktober 1972 und 2002 mit einem Rundbau erweitert. In Tönning und Niebüll waren 1961 bzw. 1963 neue Kreisgebäude entstanden, die nach der Kreisreform anderen Zwecken zugeführt wurden. Das bis 1972 von der Husumer Kreisverwaltung genutzte Schloss vor Husum wurde 1973 Sitz der Kulturstiftung des Kreises und nach umfassender Restaurierung zu einem kulturellen Schmuckstück.

Ein Ansturm setzte ein auf das neue Autokennzeichen NF. Vor allem in Südtondern und Eiderstedt hielt aber mancher möglichst lang an den gewohnten Kürzeln NIB und TÖN fest. So gut wie alle Vereine und Körperschaften schlossen sich im Laufe der Jahre kreisweit zusammen.

Ein kulturell zu Nordfriesland gehörendes Gebiet kam 1970 allerdings nicht zum neuen Kreis: die Insel Helgoland. Sie war bis 1922 Süderdithmarschen zugeordnet, bildete dann einen selbstständigen Kreis und gehörte seit 1932 zum Kreis Pinneberg, der dem Hafen Hamburg-Altona am nächsten lag. Schon Anfang der dreißiger Jahre war vorgeschlagen worden, die friesische Insel solle einem der nordfriesischen Landkreise angeschlossen werden. Als Ende der 1960er-Jahre die Kreis reform und 2006 die Ämterreform auf der Tagesordnung stand, wurden erneut Stimmen laut, Helgoland gehöre sprachlich und kulturell zu Nordfriesland, und auch die Ausrichtung auf den Fremdenverkehr spreche für eine verwaltungsmäßige Verbindung. Deutschlands einzige Hochseeinsel verblieb jedoch beim Kreis Pinneberg.

Die Kreisreform des Jahres 1970 brachte für Nordfriesland eine Neuerung von epochaler Bedeutung: Erstmals wurden alle friesischen Teilbereiche zwischen Eider und Wiedau zu einer einheitlichen Gebietskörperschaft zusammengefasst. Durch die Jahrhunderte hatte sich die Identifikation vor allem auf die eigene Insel oder Harde gerichtet, weniger auf die Region insgesamt. Der vor 40 Jahren geschaffene Kreis hat ein Zusammengehörigkeitsgefühl, ein "Nordfriesland-Bewusstsein" wachsen lassen. Als 2005/06 erneut über eine Kreisreform in Schleswig-Holstein diskutiert und die Existenz des Kreises Nordfriesland in Frage gestellt wurde, zeigte sich dies eindrucksvoll.

Der Autor ist Direktor des Nordfriisk Instituut in Bredstedt und lehrt an der Universität in Flensburg.

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