Museum Kunst der Westküste : „Die Farbe des Tsunami ist schwarz“

Spuren der Katastrophe  in den Gesichtern von Menschen ...
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Spuren der Katastrophe in den Gesichtern von Menschen ...

Neue Ausstellungen zeigen eindrucksvolle Fotos aus Japan kurz nach der Katastrophe. Außerdem werden faszinierende „Lichtbilder“ der Amerikanerin Nan Hoover gezeigt.

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18. Juli 2015, 11:45 Uhr

„Das Museum Kunst der Westküste fühlt sich besonders dem Meer und der Küste verpflichtet“. Dies betont die Direktorin des MKDW, Professorin Dr. Ulrike Wolff-Thomsen, im Vorfeld der beiden neuen Ausstellungen, die morgen, Sonntag, 19. Juli, um 11.30 Uhr eröffnet werden.

Dieses Thema kann unter verschiedensten künstlerischen Perspektiven betrachtet werden, und die Kontraste könnten bei dieser neuen Präsentation kaum gegensätzlicher denkbar sein. „Low Tide – Ebbe“ ist der Titel der Ausstellung des französischen Fotografen Denis Rouvre. Hinter dieser zunächst harmlos klingenden Überschrift verbergen sich Bilder aus Japan nach dem Erdbeben und dem Tsunami am 11. März 2011.

Rouvre sei, ohne einen Auftrag zu haben, sechs Monate später in dieses Land gereist, berichtet Wolff-Thomsen. Es sei ihm um den Versuch gegangen, das Geschehene zu verstehen, bei dem fast 19  000 Menschen den Tod fanden und über 470  000 Bewohner der Region ihr Zuhause verloren. Diese Menschen haben nichts mehr aus ihrem früheren Leben retten können, sie haben ihre Familienfotos und persönlichen Dinge verloren. Sie leben in Behelfsunterkünften, und nur die Stärksten und Mutigsten öffneten dem französischen Fotografen die Tür, um mit ihm zu sprechen und sich fotografieren zu lassen. „Diese Menschen haben der Katastrophe ein Antlitz gegeben, und durch die Fotos ihre Würde zurückbekommen“, so die Museumsdirektorin.

Zu sehen sind im MKDW 17 Porträts mit einem Format von einem Meter mal einem Meter sowie die Aussagen der Menschen zu dem Geschehen. Denis Rouvre hat für diese eindrucksvollen Aufnahmen bewusst einen schwarzen Hintergrund gewählt, um sich von den biometrischen Bildern abzuheben, die von Seiten des Staates vorgeschrieben sind. Diese Farbe ist auch dem Tsunami geschuldet. Denn, wie einer der Porträtierten sagte: „Die Farbe des Tsunami ist schwarz“. Schwarz-weiß, obwohl sie in Farbe fotografiert sind, wirken auch die zwölf Landschaftsaufnahmen, die für die Schau ausgewählt wurden. Sie wirken, als ob die Zeit still stehe und lassen die Zerstörung erahnen, die der Tsunami anrichtete, als er mit einer Geschwindigkeit von 800 Kilometern in der Stunde über das Land kam.

Ganz anderer Art sind die Arbeiten von Nan Hoover, die „Zeit Natur Licht“ überschrieben sind. Die aus New York stammende Künstlerin, die Anfang der 1970-er Jahre nach Amsterdam zog und im Jahr 2008, im Alter von 76 Jahren, in Berlin starb, zählt zu den Pionierinnen der Licht-, Video- und Performancekunst.

Sie sei über einen Katalog mit Arbeiten der Künstlerin „gestolpert“, berichtet Ulrike Wolff-Thomsen und stark beeindruckt gewesen. Der Zufall und das Glück wollten es nun, dass Dr. Christiane Morsbach, wissenschaftliche Mitarbeiterin des MKDW und für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, Nan Hoover gekannt hat. Sie arbeitete damals bei der Galeristin Ulrike Buschlinger, die heute dem Vorstand der „Nan Hoover Foundation“ in Amsterdam angehört.

Nan Hoover war eine ausgebildete Malerin, die sich schon früh mit dem Licht beschäftigte, wobei sie die Arbeiten von Rembrandt besonders intensiv studierte. Sie selbst verstand sich stets als Malerin, die sich der unterschiedlichsten Medien als Pinsel bediente. Von ihrer Vielseitigkeit zeugt diese Ausstellung im Museum Kunst der Westküste. Zu sehen sind vier Videofilme, die das Licht und die Zeit erfahrbar und bewusst machen sollen. Sie fordern vom Betrachter, dass er sich auf die Bilder einlässt, dass er innehält und beobachtet. Die Filme laufen sehr langsam ab und zeigen im Fall des Videos „Flora“ eine gelbe Lilie unter dem Einfluss des Lichteinfalls. Es kann der Zweifel kommen, ob das Dargestellte tatsächlich das ist, was es vorgibt zu sein.

Zu sehen sind aber auch Bronzeplastiken, die von Nan Hoover gestaltet wurden, und auch Kohle- und Pastellzeichnungen sowie Fotografien gehören zur Ausstellung, ebenso wie ihre niedergeschriebenen „Nachtgedanken“, die mit Absicht nicht in die deutsche Sprache übersetzt wurden.

An der öffentlichen Ausstellungseröffnung werden auch Mitglieder des Vorstandes der „Nan Hoover Foundation“ teilnehmen, darunter auch Gaby Wijers. Sie ist Leiterin des holländischen Inter Media Art Institute (IMAI), das sich unter anderem um die Bewahrung des Nachlasses der Künstlerin bemüht. „Nan Hoover wäre von dieser Ausstellung im Museum Kunst der Westküste begeistert gewesen“, stellte Gaby Wijers nach einem ersten Rundgang durch die Räume begeistert fest.

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