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Föhrer Nachwuchs-Musikerin : Die erste Geige muss nicht Chef sein

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Aus der Redaktion des Insel-Boten

Junge Borgsumerin spielte zum ersten Mal mit dem Folk-Baltica-Orchester. Am Sonnabend Auftritt in der Ferring-Stiftung.

shz.de von
erstellt am 09.Jun.2017 | 08:30 Uhr

Ihr nächstes großes Konzert hat Emilia Marienfeld im August auf dem Tønder-Festival in Dänemark. Und wahrscheinlich wird es wieder so sein, dass die 16-Jährige null aufgeregt ist. So wie in Husum, in der ausverkauften Messehalle, in Flensburg in der St.-Marien-Kirche und beim Eröffnungskonzert der Folk-Baltica in Sønderborg: eine gewaltige Zuschauermenge und null Aufregung. „Wenn ich so in einer Gruppe spiele, dann macht mir das wirklich überhaut nichts aus“, sagt die Borgsumerin, die die elfte Klasse der Eilun-Feer-Skuul besucht und dieses Jahr erstmals im Folk-Baltica-Ensemble die erste Geige gespielt hat.

„Aber Harald hat vor jedem Konzert gesagt, erste Geige heißt nicht, dass man den schwereren Part hätte oder mehr zu sagen“, sagt Emilia und lacht über die Einnordung des Festivaldirektors Harald Haugaard – selbst ein phantastischer Musiker. „Wir waren an die 20 Geigen und die Nummer ist nur wichtig, damit man weiß, wer welche Harmonien spielt“, erklärt die Musikbegeisterte.

Emilia spielt Geige und Klavier und gibt im Singkreis St. Johannis den ersten Sopran, bei ihr Zuhause spielen die Eltern Dudelsack und Querflöte. Uta Marienfeld arbeitet als Bibliothekarin in der Föhrer Ferring-Stiftung, wo Volkert Faltings Chef ist. Natürlich kennt Emilia auch Faltings Kinder, Keike und Jan, die beide bei der Föhrer Band Kalüün spielen, die ja längst die Inselgrenzen gesprengt hat, was ihre Bekanntheit angeht. Im letzten Jahr zur Folk-Baltica war Keike Faltings die Hauskünstlerin des Festivals, hat mit ihrer Stimme viele der Konzerte bereichert und auch Emilia Marienfeld begeistert, die sich für einige Konzerte Tickets gekauft hatte und später im Herbst an einem Friesische-Lieder-Workshop mit Keike Faltings teilnahm.

„Da hat Keike mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, mal mitzumachen“, erzählt Emilia. Wie, einfach so? „Man kann sich bewerben und wenn alles passt, wird man zum Vorspielen eingeladen und hat dann noch ein Proben-Wochenende, ehe man im Orchester mitspielt.“ Erster Schritt: Sich im Internet die Bewerbungsnoten runterladen, nachspielen, aufnehmen und an Leiter Harald Haugaard schicken. „Ich hatte Glück, ich hatte mein Schulpraktikum beim Friisk-Funk in Alkersum gemacht, die haben mir gleich ihr professionelles Aufnahmegerät geliehen,“, erzählt die Schülerin. Richtig geübt hat sie das Lied vorher nicht wirklich. „Aber, na klar, jeden Tag einmal gespielt.“

Auf jeden Falls war’s erfolgreich, genauso wie der erste Probentag in Flensburg im April und das Wochenend-Treffen in Breklum. Das war im Mai und die Folk-Baltica schon in Sichtweite, für die die rund vierzig deutschen und dänischen Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren, darunter mit Emilia etwa acht neue, das erste Mal zusammen übten. Wie kann das gut gehen? „Die ganzen Stücke, die wir an dem Wochenende spielen würden, waren im Internet in einer Cloud für uns hinterlegt. Die habe ich mir runtergeladen und dann wirklich geübt. Das wäre ja blöd, wenn man da hinkommt und nichts kann,“ sagt sie. Auf dem Festival müssen die Jugendlichen auswendig spielen. Für Emilia eine unglaubliche Erfahrung: „Wie man so viele Leute so kurz zusammen üben lassen kann und trotzdem passt alles. Das ist toll. Harald war immer dabei. Der kann unglaublich gut motivieren“, sagt Emilia über den mit 42 Jahren ja auch noch jungen Leiter des Festivals.

Ehe zehn Tage später das Eröffnungskonzert der diesjährigen Folk-Baltica in Sønderborg stattfand, hatte die Schülerin zuhause alle Lieder auswendig gelernt. Für die 16-Jährige ein toller Ansporn. „Ich mache so gerne Musik, und hier auf Föhr gibt es einfach nicht immer so viele Möglichkeiten, sich auszuprobieren.“ Ihr altes Schulorchester löste sich auf, als der Leiter im letzten Jahr die Insel verließ, gemeinsam mit seiner Frau – die war Emilias Geigenlehrerin. „Da war mit einem Schwung Schluss“, sagt sie traurig. Sie übt jetzt in der Musikschule und spielt in einer fünfköpfigen Folkband. Sie sucht sich auf Föhr ihre Möglichkeiten. „Jetzt bei der Abi-Entlassung werde ich auch spielen.“

Der Folk-Baltica-Auftakt in Sønderborg lief super, in Husum war’s mit 600 bis 800 Gästen voll und in Flensburg auch. Emilia Marienfeld stand immer ganz vorne mit ihrer Geige. Da die meisten der jungen Musiker Dänen sind, war für sie immer ein Transferbus vor Ort, der ihnen half, abends zu Hause zu sein. „Für jemanden von der Insel ist das leider nicht so einfach zu machen“, hat Emilia festgestellt. „Da hängt es einfach an den Fähren, die fahren halt abends nicht mehr.“ Also kamen mal hier mal da die Eltern mit, man mietete ein Zimmer im Hotel und machte einen besonderen Familienausflug draus. Schönstes Erlebnis? Emilia Marienfeld muss nicht lange überlegen: „In Flensburg, Abschlusskonzert St.-Marien-Kirche, Thema: Wehmut und Hoffnung. Elf neue Lieder. Abends war das Konzert, morgens haben wir uns zum Proben getroffen. Harald war da, und drei von den Erfahreneren, die dort Uncles genannt werden. Die hatten drei Lieder dabei, zu denen gab es keine Noten, die haben uns die nur vorgespielt. Wir sollten hören, und dann nachspielen. Alle zusammen.“ Die 16-Jährige ist jetzt beim Erzählen tatsächlich einmal aufgeregt. „Ja, das war toll. Da wird einem beigebracht, mal nach Gehör zu spielen und eben nicht – so klassisch Deutsch – nach Noten, sondern ein bisschen freier. Im Hintergrund unterstützte die „Backing Section“, erzählt Emilia: Gitarren, Bass und Cellos. Es wurde abends ein tolles Konzert.

Emilia kann diese Konzerterfahrung nur weiterempfehlen. „Wer gerne Musik macht und Lust hat, in dem Orchester mal mitzuspielen, der kann sich beim Festivalbüro melden“, sagt sie. „Wir würden uns sogar freuen“, ergänzt Juliana Christiansen, die Geschäftsführerin der Folk-Baltica. „Wir sind jedes Jahr offen für neue Talente.“

Für Emilia geht es gemeinsam mit dem Folk-Orchester im August beim Tønder-Festival weiter, im November spielen sie beim Windmondkonzert in der Husumer Messehalle, und im nächsten Februar steht vielleicht noch ein Konzert in Dänemark auf dem Programm. Aber jetzt erst einmal ist die Musikbegeisterte Schülerin morgen, Sonnabend, 10. Juni, ab 14 Uhr in der Ferring-Stiftung gemeinsam mit ihrer Klavierlehrerin zu hören, wo sie die Buchvorstellung eines Wolfgang-Borchert-Schulprojektes der Eilun-Feer-Skuul umrahmt. Des Schriftstellers Kurzgeschichten auf Friesisch. Geige: Emilia Marienfeld.

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