zur Navigation springen

Föhrer Landfrauen : Die Abenteuer eines Wandergesellen

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Vortrag in Wrixum: Der Joldelunder Bäckermeister Daniel Lorenzen begeisterte mit seinen Geschichten von Walz.

Bereits im Alter von fünf Jahren war Daniel Lorenzen aus Jodelund klar, dass er einmal als Wanderbursche auf die Walz gehen würde. Schuld daran war der Onkel, der als wandernder Zimmermann, den kleinen Daniel „infizierte“. Für ihn war es selbstverständlich, dass er diesen Beruf erlernen würde, um dann als Wandergeselle die großen Abenteuer erleben zu können.

Der erwachsene Daniel Lorenzen hat zwar in mehr als drei Jahren tatsächlich die Welt bereist, jedoch nicht als Zimmermann, sondern als Bäcker. Wie es dazu gekommen ist, berichtete er bei einer Zusammenkunft der Föhrer Landfrauen im bis auf den letzten Platz besetzten „Alt Wrixumer Hof“ in solch eindrucksvoller und unterhaltsamer Weise, dass Silke Ketels vom Führungstrio des Vereins am Ende eines langen Nachmittages konstatierte: „Wenn es einmal mit der Bäckerei nicht mehr funktionieren sollte, kannst Du immer noch als Schauspieler anfangen“. Dabei hatten die Erzählungen des jungen Mannes, der inzwischen Bäckermeister ist, überhaupt nichts Theatralisches. Vielmehr vermittelte er seinen Zuhörern einen authentischen Einblick in sein mehr als drei Jahre dauerndes Leben als Wandergeselle, das nicht immer nur von Fröhlichkeit geprägt war. Und die Föhrer Landfrauen waren hingerissen vom Charme und der Erzählweise des jungen Bäckermeisters, der sie die einfach mitriss. „Ich hatte immer wieder einmal Tränen in den Augen“, lautete das abschließende Fazit nicht nur von Silke Ketels.

Nach dem Abitur stellte sich für Daniel Lorenzen die Frage, ob er Zimmermann oder Bäcker werden wolle. „Mein Vater ist Bäcker in Joldelund, mein Opa und mein Uropa waren Bäcker – und ich träumte vom Beruf des Zimmermanns“. Doch seine Zeit als Zivildienstleistender brachte die Entscheidung. Gemeinsam mit Behinderten zu backen, erwies sich für ihn als etwas ganz Besonderes. Im Anschluss an diese Zeit absolvierte er in Hamburg seine Lehre in einer Vollwertbäckerei, um danach festzustellen, dass auch die Hansestadt für ihn auf Dauer zu klein ist. Der Traum vom Leben auf der Walz wurde wieder wach, wenn auch die verschiedenen Institutionen seines Handwerkes nur vage Vermutungen von fremdgeschriebenen Bäckergesellen hatten. Lorenzen schaffte es jedoch, alle Hürden aus dem Weg zu räumen, die Altgesellin Steffi, eine Tischlerin, zu überzeugen, ihn zu Beginn unter ihre Fittiche zu nehmen. Überhaupt nicht begeistert waren die Eltern vom Vorhaben ihres Sohnes, durch die Welt vagabundieren zu wollen. Mit entwaffnendem Grinsen klärte Lorenzen die Föhrer Landfrauen auf: „Ich bin ein Bagalut und konnte mir nichts Schöneres als das Vagabundenleben vorstellen.“

Im Jahr 2008 wurde es dann ernst. Abgeholt wurde er in Joldelund von Wandergesellen, mit denen er nach dem alten Brauch den Abschied aus seinem Dorf feierte. „Es ist ein äußerst emotionaler Moment, wenn man diese Reise antritt“. 80 Leute in Joldelund und ich mittendrin, so sein Hinweis auf das Foto seines Aufbruchs. Nur fünf Euro in der Tasche, mit dem notwendigsten Gepäck, aber ohne Handy ging es los, traditionell über das Ortsschild. Die Gesellen fangen den jungen Fremdgeschriebenen auf, womit symbolisiert wird: „Du gehörst jetzt zu uns, und wir sind da, wenn du zu fallen drohst“.

Im Laufe des Nachmittages ließ Lorenzen seine Zuhörerinnen an unzähligen Erlebnissen teilhaben, die Lachtränen, aber auch Tränen der Ergriffenheit hervorriefen. Viel Gelächter hatte seine Schilderung zur Folge, als die Gesellin Steffi ihn während des Aufenthaltes nach einem besonderen Wunsch fragte. „Ich möchte gerne einmal wissen, ob ein Paternoster immer rundum fährt“. Da ihnen nur der Paternoster in Kiel einfiel, trampten die beiden nach Kiel. „Wir haben einen Umweg von 1600 Kilometer gemacht, um eine halbe Stunde lang Paternoster zu fahren“.

Während seiner Zeit als Wandergeselle hatte Lorenzen viele schöne und auch weniger angenehme Begegnungen, erfuhr die Höhen und Tiefen des Lebens auf der Walz, erlebten viel Nächstenliebe, aber auch kalte Abweisung. „Weihnachten war für uns immer eine der schlimmsten Zeit. Viele haben vor Heimweh geweint und waren froh, wenn die Tage vorüber waren.“

Im Verlauf von über drei Jahren bereiste er nicht nur Europa von Norden nach Süden, sondern unter anderem auch Dubai, Australien und Neuseeland. Er habe im Laufe seiner Wanderschaft in 25 Bäckereien gearbeitet und über 2000 Rezepte gesammelt. „Heute weiß ich, dass nicht die Rezepte das Wesentliche sind, sondern das Erleben des Enthusiasmus und neuer Ideen der Menschen, die man unterwegs trifft. Es geht nicht nur um die handwerkliche Fortbildung, sondern auch um die kulturelle Reifung. „Eine wichtige Erfahrung war für mich, als Wandergeselle in einer Tradition zu sein, die schon vor über 100 Jahren gelebt wurde.“

Daniel Lorenzen verstand es, die Landfrauen mit seinen Erzählungen und seine Fotografien zu begeistern. Doch auch singend hatte er die Frauen an seiner Seite, die auch rasch mit einstimmten. „Der Weg ist das Ziel. Und das Leben ist so schnell vorbei“, so das Fazit von Daniel Lorenzen, der zu Abschluss berichtete, dass das Heimkommen zwar sehr schön war, aber das Zuhause-Sein zu Beginn auch nicht einfach war.
Inzwischen ist er Bäckermeister geworden und betreibt mit Familienmitgliedern eine große Biobäckerei in Joldelund.


zur Startseite

von
erstellt am 06.Feb.2016 | 12:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen