Amrum : Der Schatz im Pappkarton

Der Koffer diente Krutisch als Verkaufsladen für seine Zeichnungen.
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Der Koffer diente Krutisch als Verkaufsladen für seine Zeichnungen.

Er selbst hielt sie für verschollen: In Nebel werden Arbeiten des Künstlers Heiko Krutisch gezeigt.

shz.de von
03. Juni 2018, 13:00 Uhr

Der Charmefaktor ist hoch bei dieser kleinen Ausstellung im St.-Clemens-Hüs in Nebel. Da hängen 16 Federzeichnungen an der Wand von einem Mann, der nicht mehr lebt, der die Insel geliebt hat, zu jedem Bild schöne Worte fand und wahrscheinlich hoch glücklich wäre, wenn er wüsste, dass seine Bilder nun für all die Flaneure sichtbar sind, die er beim Zeichnen so gern um sich hatte. Und weiter: Heiko Krutisch hatte eben jene Bilder bis zu seinem Tod 2015 vermisst.

Seine alte Freundin Liv Teichmann und seine Witwe Martina Nave, mit der er die letzten zehn Jahre seines Lebens verheiratet war, fanden die fein gestrichelten Werke in einer Mappe ganz unten in einem Karton. Oben drauf Keramik von Heiko Krutischs Mutter. „Er muss die Zeichnungen dort reingelegt haben, als er sich um den Nachlass seiner Mutter gekümmert hat. Und irgendwann hatte er vergessen, wo sie sind“, vermutet Martina Nave.

Krutisch war so ein feinsinniger Alleskönner. Lange Haare, Feder im Strohut. Geprägt von den Umwelt-Protestbewegungen der späten 70-er Jahre und immer ein kritisch-distanzierter Sympathisant der sich damals gründenden „Grünen“. Der studierte Sonderpädagoge arbeitete auch als Lehrer, am Hamburger Kulturzentrum „Fabrik“, in Kinder- und Jugendheimen. Er hat gezeichnet und ist ein bisschen vagabundiert, bis er sich alleine um eine kleine Tochter kümmern musste und sesshaft wurde. Er schrieb Gedichte, sang in einem Trio, vertonte Stücke für den Chor seines Heimatdorfes Etzenborn bei Göttingen, hielt Ziegen, Pferd und Esel und setzte das „Jedermann“-Fragment von Hugo von Hofmannsthal bühnenreif in Szene.

Weshalb Martina Nave und Liv Teichmann bei der Eröffnung der Ausstellung auch betonten, wie sehr sie sich freuten, wenn sie vielleicht all die Werke zusammen in einem Buch herausbringen könnten. Um das mit zu finanzieren, können den ganzen Sommer über einige von Krutischs schönsten Linolschnitten erworben werden, die er damals in Auflagen von rund 100 Stück und teilweise dreifarbig im Postkartenformat drucken ließ. Kosten: gerade mal fünf Euro pro Stück.

Auch Krutisch hat nie viel genommen für eine Werke. Auch wenn er damit anfangs seinen Lebensunterhalt finanzieren musste. Er saß am Watt und malte, er saß auch auf der Wandelbahn, gab Spaziergängern Zeichentipps, klönte, genoss die Weite, zeichnete sie und gab ihr Namen: Über den Kniep und das Meer, Teehaus Burg, Auf dem Rücken, Vordüne, Wiese mit Heuhaufen, Herbstnebel. Weit über das Motiv hinaus gehen die Worte, die er dazu fand: „Die Insel zeigt so viele still verfallene Spuren von einst, über die die Trampelpfade von jetzt führen.“ In Originalhandschrift schmücken diese Tagebuch-Momente nun seine Bilder. „Ich lag auf dem Rücken auf einer kleinen Düne und starrte nach oben (...) und ich wurde immer kleiner und kleiner und fragte mich, was wohl der Vogel da sieht – und ob ich das je erfahren könnte.“

Zur Ausstellungseröffnung spielte Kirchenmusikern Anne-Sophie Bunk das ursprünglich als vierstimmiger Chorsatz geschriebene Stück vom „Sommerabend“, und selbst Krutischs Weggefährtinnen konnten es, so abgewandelt für Klavier, in ganz neuer Weise genießen. „Ich freue mich, dass die Amrumer Kirchengemeinde so schnell bereit war, diese Ausstellung zu unterstützen“, sagte Nave. Vermittelt hatte das eine ehemalige Vermieterin von Heiko Krutisch, der in den 80-er Jahren am Steenodder Esenhugh bei Amrums ehemaliger Inselärztin Hanne-Lore Kerler wohnte. „Recht ungewöhnliche Räumlichkeiten, die man längst nicht an jeden vermieten konnte“, sagt die alte Dame und lacht. „Aber Heiko hat sich da wohl gefühlt.“ Sie hat ihn beim Zeichnen beobachtet und ist heute noch überrascht: „Er hat links unten angefangen zu stricheln und hat bis rechts oben weitergemacht“, erinnert sie sich. „Er hat seine Umgebung regelrecht gescannt“, bestätigt Martina Nave.

Krutisch war erst 65, als er 2015 durch Krebs starb. Er hat sich oft mit dem Tod beschäftigt – immer schon. Ein toter Vogel, eine zertretene Pflanze banden schon damals seinen Blick und sind zu Blättern der Ausstellung geworden. An Blatt Nummer 1, eine Ansicht der „Hallig Langeness in fünf Schnitten“, erinnert nur noch der handgeschriebene Text: „Sie sollte nur so für mich sein (...) und ich ärgere mich noch immer ein wenig, dass ich sie einfach so verkauft habe. Aber es war auch Mut zu einem neuen Start.“ Die anderen Blätter des Inselansichten-Zyklus aber sind fast alle erhalten. Sie wurden schon einmal, 1982, in Hamburg gezeigt. Krutisch selbst hatte die Ausstellung konzipiert, begleitet und auch das Plakat entworfen. An diesen Entwurf hat sich nun Rüdiger Seiffert, Lehrer für Kunst und Deutsch an der Öömrang Skuul, gehalten und analog ein neues Plakat für die Amrumer Ausstellung enworfen. Er ist es auch, der den Verkauf der Linoldrucke händelt, wenn Martina Nave und Liv Teichmann nicht auf der Insel sind.

Die Ausstellung im St.-Clemens-Hüs ist den ganzen Sommer über zu sehen.






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