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Konzert in Norddorf : Der Pianist, der Bücher schreibt

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Yorck Kronenberg gastiert heute auf Amrum: Auf dem Programm stehen Bach, Schönberg, Schumann und Beethoven.

shz.de von
erstellt am 13.Mai.2016 | 16:00 Uhr

Er ist Pianist auf höchstem Niveau, studierter Komponist und erfolgreicher Schriftsteller mit inzwischen vier veröffentlichten Romanen, hat den internationalen Klavierwettbewerb „Johann Sebastian Bach“ gewonnen und ist bei bedeutenden Festivals aufgetreten: Yorck Kronenberg. Am heutigen Freitag, 13. Mai, um 20 Uhr gastiert der 43-jährige Berliner Pianist im Gemeindehaus in Norddorf.

Herr Kronenberg, unsereiner wäre schon froh, mit einem Ihrer Talente gesegnet zu sein. Wurden Sie besonders intensiv von der Muse geküsst?
Ich habe zwar Komposition studiert, aber diese Tätigkeit ist in den letzten Jahren sehr zugunsten der Schriftstellerei zurückgetreten. Deshalb bezeichne ich mich auch nicht als Komponist, obwohl ich von Kindheit an bis zum Ende meines Studiums komponiert habe. Damit beschäftige ich mich aber nur noch sporadisch. Woher der Impuls kommt, schon sehr früh Kunst machen und kreativ sein zu wollen, frage ich mich auch immer wieder selbst. Ich komme aus keinem musikalischen Elternhaus. Die Wunderkindkarte wurde nie gespielt, aber es gab große Unterstützung zum Beispiel durch die Anschaffung eines Klaviers und später sogar eines Flügels.

Parallel zum Beginn des Musikstudiums in Lübeck haben Sie Ihren ersten Roman geschrieben. Klingt nach straffem Zeitplan statt ausschweifendem Studentenleben...
Ich habe das Studentenleben sehr genossen und zwar in allen erdenklichen Zügen. Allerdings habe ich mich damals einfach sehr darüber gefreut, diesen Alltagsdruck nicht mehr zu haben, den ich während des Zivildienstes und der Schulzeit verspürt hatte. Ich konnte mich gut konzentrieren – und das versuche ich bis heute.
Die Presse schrieb über Sie, es sei von „wunderbarer Frechheit“, mit welcher Abgeklärtheit Sie sich große musikalische Vermächtnisse „zu eigen“ machen. Wie finden Sie zu einer eigenen Sprache?
Ich versuche, mich ohne Vorbehalte eigenen Erfahrungen auszusetzen. Natürlich kennt man sich in den Musikepochen und bei den Komponisten aus; trotzdem glaube ich, dass jedes gewichtige Stück es verdient, einen neuen Zugang zu finden. Das erreiche ich, indem ich mich spielend und denkend damit auseinandersetze.

Es gibt Kritiker, die vertreten die Meinung, jeder Musiker hat einen eigenen, unverwechselbaren Klang – wie eine DNA. Wie würden Sie Ihren Klang beschreiben?
Ich glaube, dass mein Klang von dem Wunsch nach Klarheit geprägt ist. Durchhörbarkeit, Polyphonie und das, was ich selber als eine gewissen Frische empfinde, sind für mich wichtig. Aber das hört jeder anders.

Sie gelten als Bach-Spezialist, haben gerade ein hochgelobtes Doppelalbum mit sämtlichen Klavierkonzerten eingespielt. Welche Bedeutung hat Bach für Sie als Musiker?
Bach ist für mich ganz zentral. Ich finde mich in seiner Musik besonders wieder – sowohl emotional als auch intellektuell. Bach hat emotionale Tiefen ausgelotet, die ganz ungeheuerlich sind, auch heute noch berühren und sich nicht abgenutzt haben. Ein Teil des Erfolgsrezeptes ist, dass Bach Emotionen mit Konstruktionen verbindet. Er fasziniert IT-Spezialisten und Architekten genauso wie Leute, die ganz unbefangen Musik hören.

Ihr Amrumer Konzert beginnen mit Sie mit Bachs „Fantasie und Fuge in a-Moll“, dann folgen die „Sechs kleinen Klavierstücke“ von Arnold Schönberg. Eine bewusste Gegenüberstellung?
Diese beiden Komponisten haben sehr viel mehr gemeinsam als oft angenommen wird. Der konstruktive Wille von Schönberg und späterer Komponisten wie Boulez und Stockhausen ist dem der Barockzeit verwandter als dem Geist aller Epochen dazwischen. Schönberg hat sein erstes Zwölftonstück als eine Klavier-Suite geschrieben; das sind Tanzsätze, die eigentlich in der Zeit Bachs komponiert wurden. Das ist ganz bestimmt kein Zufall. Da gibt es viele Gemeinsamkeiten zu entdecken.

Sie haben einmal gesagt, dass Schriftsteller und Pianist im Grunde wenig miteinander zu tun hätten. Dennoch bemerken Kritiker in Ihrem Spiel eine „rhetorische Intensität“ und „literarisch-exzessive Kontraste“. Also doch ein Miteinander von Musik und Sprache?
Da gibt es gegenseitige Beeinflussungen, zum Beispiel was formale Aspekte angeht. Mein Schreibstil korrespondiert mit Formen in der Musik: Polyphonie, Verdichtung, Beschleunigung, dramaturgische Zuspitzung erlebe ich sowohl als Schriftsteller als auch als Musiker.

„Komponieren“ Sie Bücher, wie man Musik komponiert?
Diese Formulierung gefällt mir gut.

Zurück nach Norddorf. Dort treten Sie in einem eher intimen Rahmen auf. Was reizt Sie an dieser unmittelbaren Nähe zum Publikum?
Ich finde einen nahen Kontakt zum Publikum sehr angenehm. Auf Augenhöhe mit den Besuchern zu spielen ist viel symphatischer als über dem Publikum zu schweben. Man bekommt die Reaktionen direkt mit und fühlt sich nicht so ausgestellt.







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