Amrum-Reise : Der Hühnerstall im Hügelgrab

Sitzender Junge mit Mädchen auf dem Schoß: Auch auf Amrum malte Paula Modersohn-Becker Kinder.
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Sitzender Junge mit Mädchen auf dem Schoß: Auch auf Amrum malte Paula Modersohn-Becker Kinder.

Das Malerpaar Otto Modersohn und Paula Modersohn-Becker reiste 1903 nach Amrum. Bilder, die in dieser Zeit entstanden sind, sind in einer Ausstellung im Museum Kunst der Westküste zu sehen.

shz.de von
10. Juli 2014, 00:00 Uhr

Über das Deck der Fähre wehte ein raues Lüftchen, es zauste an unserer Ferienlektüre, einer Sammlung von Briefen. Wie von selbst blätterten sich die Seiten um. Während wir Kurs auf die Insel nahmen, gab das „Sendschreiben“ von Otto Modersohn und Paula Modersohn-Becker einen amüsanten Vorgeschmack. Kostprobe: „Wattenmeer – völlig leer. Mit Schlamm und Gestank. Am Horizont die drei Kirchtürme von Föhr. Sonnenbrand.“ Das konnte ja heiter werden.

In Wittdün verließen wir das Schiff und radelten unter grauen Wolken den holperigen Deichweg entlang nach Norden, vorbei am Yachtclub, vorbei am Hafen mit den knallbunten Bojen. Rechter Hand dehnte sich das Watt. Niedrigwasser. Im Schlick trillerte und pfiff und lachte es, dass uns die Ohren klangen. Schwarz-weiß-rote Austernfischer stocherten, wenn sie nicht lärmten, nach Fressbarem. Möwen, Enten und Gänse taten es ihnen nach.

Der Kakophonie waren wir nicht hilflos ausgesetzt. Otto Modersohn diente als Übersetzer. Der Maler ließ uns im Sendschreiben wissen, welche Stimmen da zu hören waren: „Tiüi-tiüi-tiüi – Wau-wau-wau – Kähtsch-kak-kak-kak – Pip-pipih-piph-piph – tudelü-lüh-lüh.“

Die Jacke blähte sich, Gegenwind. Eine Rast tat not.

Die verwitterte Bank auf der Deichkante hatte Stürme überstanden und allerlei fliegendes Getier seine Spuren hinterlassen. Ob die Modersohns einst darauf saßen, war mit letzter Gewissheit nicht zu sagen. Doch hier und jetzt entnahmen wir Paulas Ferienbotschaft, dass sie andere Töne im Ohr hatte. Sie scherte sich weniger ums Meer. Ihre Sinne waren auf die Insel gerichtet.

Im Brief erzählte sie den Lieben zuhause, was auf den Wiesen so alles los war: „Kein Vogel singt, alles passt sich dem stillen Eilande an. Die Stare umsitzen in gedrückter Stimmung die mageren Inselkühe und erwarten den sie allein froh machenden Nahrung spendenden Augenblick.“

Schon länger her. Jetzt weideten da wohlgenährte Pferde. Auch in Steenodde, einem Weiler gleich hinterm Deich mit eigener Landungsbrücke, an der ein paar Boote auf dem Trockenen lagen. Nur soviel hatten wir in Wittdün erfahren: Legten Fischerboote an, gab es am Steg frische, fast noch warme Krabben zu kaufen. Wir näherten uns einem alten Friesenhaus. Tief herunter zog sich das bemooste Reetdach. Hier war einst eine Gastwirtschaft mit klangvollem Namen zuhause.

Otto Modersohn und seine fünfjährige Tochter Elsbeth hatten sich gemeinsam mit Paula Modersohn-Becker im Sommer 1903 im „Lustigen Seehund“ in Steenodde einlogiert, einem beliebten Lokal mit zwei Gästezimmern, das gleich hinter der Brücke lag. Zum Baden war man angereist, Familienferien eben. Im Gepäck befanden sich auch die Malsachen. Paula Modersohn-Becker war 27 Jahre alt und seit zwei Jahren mit Otto Modersohn, 38, dem arrivierten Maler, verheiratet. Tochter Elsbeth hatte er in die Ehe mitgebracht.

Just vor unserem Rastplatz könnte Paula Modersohn-Becker das Motiv für ihr Bild „Geschwister“ gefunden haben, die Kinder der Wirtsleute, barfüßige Sprösslinge, wie sie selbstvergessen im Sand spielen.

Eine ziemlich kleine Welt, in der wir uns bewegten, auf der Fährte der Modersohns. Doch so winzig Steenodde war, dort, wo die Straße zum Geestkern anstieg, sollte eine Besonderheit verborgen sein. Von der Miniatur einer Mühle hatte uns Inselchronist Georg Quedens erzählt. Ihr Erbauer sei ein erfindungsreicher Konstrukteur gewesen.

Beiden Modersohns muss sie aufgefallen sein – die Liste ihrer Amrumer Werke legt es zumindest nahe. Paula nahm sie in das Gemälde einer Frau auf, die erdverbunden in der dunklen Tracht der Einheimischen vor ihrer Kate hockt, Titel: „Friesin in den Dünen sitzend mit Windmühle“. Dem wunderlichen Bauwerk war auch Otto in seinem Bild vom „Reiter mit zwei Pferden“ gewogen. Kurioses unter dem Inselhimmel. Doch vergeblich, die kleine Mühle des großen Bastlers hatte das Zeitliche gesegnet. Wo sie einst stand, fanden wir uns wieder in einer wogenden Landschaft aus zahllosen Erhebungen, die wie überdimensionale Maulwurfshügel aus den Wiesen ragten.
Georg Quedens hatte noch eine Merkwürdigkeit empfohlen. Weg und Steg beschrieb er exakt, damit wir nicht in die Irre gingen. Hinter dem letzten Haus befinde sich ein Hügelgrab, das der tüftelnde Nachbar einst zum Hühnerstall umfunktioniert habe. Die Höhle machte er zum Stall, als Vordach nutzte er ein umgestülptes Boot, das seinem Federvieh Schutz vor Wind und Wetter gab. Wir standen vor dem Grabhügel, vermissten zwar das Gehege, konnten uns aber gleichwohl vorstellen, warum Otto Modersohn das seltsame Bauwerk unbedingt hatte malen müssen. Sein Gemälde „Hühnerstall“ vor Augen, war uns, als hörten wir es gackern.

Das höchste Hügelgrab heißt auf Friesisch Eesenhugh und war als Empore mit freiem Blick zu nutzen. Im Gras saßen wir und schmausten anisgewürzte Kringel, Amrumer Brezel, die so hart waren, dass es in den Ohren knackte. Weit ging der Blick bis nach Föhr hinüber.
Wenn man den Kopf nach links drehte, entdeckte man Hörnum an der Südspitze von Sylt. Den Eesenhugh hatte auch Otto Modersohn als Hochsitz gewählt. Von hier aus nahm er sich den „Seehund“ vor, umrahmte ihn mit braunen Dünen und hellgrauem Himmel und setzte eine bunte Fahne neben das Dach: sein „Steenodde“. Im Hintergrund leuchtete der Hafen von Wittdün.

Wir kamen mit dem Zählen kaum nach, schätzten aber, dass es mehr als 80 Grabhügel waren, die Weiden und Äcker sprenkelten

So häufig wie sie in den Amrumer Gemälden zu entdecken waren, für die beiden Künstler dürften sie eine Abwechslung vom Einerlei der Wasser- und Wattlandschaft gewesen sein. Vor einen der Hügel hatte Paula ihre „Friesin“ postiert. Einen anderen wählte Otto für seinen „Hühnerstall“ aus und einen dritten für das Bild „Ziegen“: Obenauf sitzt ein Hütejunge und bewacht seine Herde, ganze zwei Tiere verlieren sich auf der Weide zu seinen Füßen. Jetzt sorgten zottige Ponys dafür, dass das Gras nicht zu lang wurde.

Der Nachbarort Nebel war ein Bilderbuchdorf aus reetgedeckten Friesenhäusern hinter blühenden Vorgärten. Wir klopften bei Nora Grevenitz. Sie trug selbst gemachten Eisenkuchen auf, auch als Friesenwaffel bekannt, und zwei Fotos: Paula Modersohn-Becker in friesischer Tracht, wie sie vor dem Deich posiert und vor dem Watt. Die Fotos habe wohl er gemacht, meinte die Gastgeberin, wo er doch so von der Tracht der Insulanerinnen schwärmte.
Der elegante Kirchturm von Nebel stach wie eine Kompassnadel in den Himmel. Sankt Clemens war sie geweiht, dem Schutzpatron der Seeleute. Die Kirche stand für Maß und Mitte, sie war gleich weit entfernt von den Nachbarorten, von Norddorf und von Süddorf, denn gerecht sollte es beim Kirchgang zugehen. Den Turm, sagte Nora Grevenitz, hätten die „Modersöhne“ als Motiv noch nicht zur Verfügung gehabt, der sei erst später errichtet worden. Aber Otto trieb sich in den Dörfern herum, mal saß er vor dem Gotteshaus, mal vor einem Friesenhaus, mit seinem Skizzenblock oder braunem Packpapier oder einem Karton auf den Knien, um der Architektur nachzuspüren, die Farben zu notieren, sogar die Namen der Bewohner waren ihm wichtig.

Touristischer Trubel lag den Modersohns nicht. War zu ihrer Zeit auch noch in den Kinderschuhen. Die „drei Wattläufer“ nannte Paula ihre Familienskizze. So fühlten sie sich am wohlsten.
Aber nicht nur mit dem Wetter, auch beim Wohnen braucht man Glück auf Reisen. Für die Urlauber aus Worpswede war irgendwann Schluss mit lustig. Tochter Elsbeth kränkelte, und zu allem Überdruss gerieten die Eltern mit dem Wirt über Kreuz. Im „Seehund“ pflegte sich das Schiffsvolk bis spät einen hinter die Binde zu gießen, wurde Seemannsgarn gesponnen, und, wenn die Nacht am tiefsten war, krakeelt, dass es nicht nur eine Lust war. Mit einem Wort: es wurde laut.
Wir hatten das Deck der Fähre erklettert, Amrum im Rücken und das Modersohnsche „Sendschreiben“ vor Augen. Die ersehnte Sommerfrische, war da zu lesen, hatte ein Ärgernis gestört, mit dem sich Urlauber, wenn sie Pech haben, bis heute herumschlagen. „Der Seehund“, ließ Paula die Familie verärgert wissen, „wird verlassen wegen großen Radaus und drei Häuser weiter im alten Friesengehöfte des biederen Lootsen Herrn Ricklefs betten wir unsere Glieder.“

Stille Tage in Steenodde – erst nach dem Umzug haben die Modersohns sie gefunden.

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