Nationalparkhalle : Der große Fehlkauf der Stadt

„Rock’n Roll Party Queen“:  Die „Jungen Stimmen des Nordens“ sorgten immer für volles Haus.
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„Rock’n Roll Party Queen“: Die „Jungen Stimmen des Nordens“ sorgten immer für volles Haus.

Wyk erwirbt eine Veranstaltungshalle, doch in der darf wegen eklatanter Sicherheitsmängel vorläufig nichts veranstaltet werden. Der Verkäufer sagt Nachbesserungen zu.

shz.de von
27. Mai 2015, 08:00 Uhr

Mit der Neuordnung der Tourismusorganisationen auf Föhr soll der Veranstaltungsbereich wieder in die Verantwortung der Stadt Wyk übergehen. Da passte es ideal, dass die Nationalparkhalle, die bislang in Privatbesitz war, zum Verkauf stand. Die Stadt erwarb die Halle, in der seit Jahren Großveranstaltungen mit vielen hundert Besuchern stattfinden, ein professioneller Veranstaltungsmanager wurde eingestellt, und einem tollen Sommer mit vielen Events stand eigentlich nichts mehr im Wege.

Eigentlich. Denn Veranstaltungsmanager Alf Hülsmann wollte auf Nummer sicher gehen und beantragte eine Brandschutzbegehung durch den Kreis. Die fand im April statt und seither ist nichts mehr wie es war. Das Kreisbauamt hat Anfang Mai die Nationalparkhalle wegen eklatanter Sicherheitsmängel stillgelegt. Bevor diese nicht abgestellt sind, dürfen dort keine Veranstaltungen mehr stattfinden. Drei eng beschriebene Din-A-4-Seiten lang ist die Mängelliste, die unserer Redaktion vorliegt. Mängel, die teilweise schon seit Jahren bestanden, und durch die Leib und Leben der Veranstaltungsbesucher in Gefahr waren. Von nicht zulässigen Fluchttüren ist da die Rede, von zugestellten Flucht- und Rettungswegen, von einer fehlenden Blitzschutzanlage und einer mangelhaften Sicherheitsbeleuchtung, die bereits 2006 von der Dekra beanstandet, aber nie nachgebessert worden war. Weiter entspricht die Lüftungsanlage nicht den Auflagen, die in der Baugenehmigung gemacht wurden. Und beheizt wurde die Nationalparkhalle, in der – etwa bei Aufführungen des Schülerzirkus „Mytilus“ – auch schon mal mit Feuer hantiert wurde, von einer offen stehenden Zeltheizung, die aus zwei daneben stehenden, je 200 Liter fassenden Heizölfässern gespeist wurde.

Auflagen aus der Baugenehmigung wurden nicht erfüllt, von der Dekra bescheinigte Mängel nicht abgestellt und überprüft wurde das alles bisher nicht. „Der erste Bauantrag für eine Lager- und Mehrzweckhalle wurde 1997 genehmigt. In den folgenden Jahren wurde die Halle immer wieder um neue Funktionen erweitert, für die jeweils neue, zusätzliche Bauanträge zu stellen waren. Die bisher letzte und damit bis heute gültige Baugenehmigung stammt aus dem Jahr 2005“, erklärt dazu der Pressesprecher des Kreises Nordfriesland, Hans-Martin Slopianka. Genehmigt sei die Halle für maximal 320 Personen. Diese Zahl schließe Sitz- und Stehplätze ein.

Regelmäßige behördliche Bauabnahmen im früher üblichen Sinne gebe es schon seit vielen Jahren nicht mehr, so Slopianka weiter. Das Land habe die Zuständigkeit und damit auch die Verantwortung für diverse Prüfverfahren und Nachweispflichten von den Behörden auf den Bauherrn verlagert, um die „Selbstverantwortung der Bürger“ zu stärken. Seitdem würden die Bauaufsichtsbehörden Bauabnahmen nur noch stichprobenweise vornehmen. „Im Fall der Nationalparkhalle haben wir, den Intentionen des Gesetzgebers entsprechend, auf die in unseren Akten befindlichen schriftlichen Erklärungen des von der Betreibergemeinschaft der Halle eingesetzten Bauleiters vertraut. Diesen Bescheinigungen zufolge sind alle unsere Auflagen umgesetzt worden“, so Slopianka, der einräumt, dass der Kreis bei 1500 Gebäuden, die solchen Auflagen unterliegen, einfach zu wenig Personal habe, „um auch nur ansatzweise eine systematische Überwachung aufbauen zu können. Wir vertrauen hier, ganz im Sinne des Gesetzgebers, auf die Eigenverantwortung der Betreiber“.

Nun also stand die Halle zum Verkauf, doch auch der Käufer, die Stadt Wyk, hat nicht genau hingeguckt. „Die Halle ist viele Jahre benutzt worden, und da habe ich gedacht, dass die funktioniert“, berichtet Bürgermeister Paul Raffelhüschen, der die Verhandlungen für die Stadt allein, ohne Unterstützung der Fachleute von der Amtsverwaltung, geführt hat. Eine Sicherung wollte die Stadtvertretung, die den Kauf mehrheitlich abgesegnet hat, allerdings einbauen. Die Politiker wollten vermeiden, dass sie zu viel zahlen müssen und forderten ein Wertgutachten. Das, so bestätigte Raffelhüschen dem Insel-Boten vorliegende Informationen, wurde dann auch geliefert – vom Verkäufer. Der hatte einen Föhrer Bautechniker und Architekten beauftragt, und dieser kam nicht nur zu dem Schluss, dass die Halle in einwandfreiem Zustand sei, sondern rechnete auch vor, dass ihr Wert bei 1,25 Millionen Euro und damit deutlich über der geforderten Summe liege. Es sei ihn dann gelungen, den Kaufpreis herunterzuhandeln, so dass dieser letztlich nur 100  000 Euro über dem ursprünglich verlangten Betrag lag, so Raffelhüschen.

880  000 Euro soll die Stadt damit berappen. Allerdings wurde das Geld noch nicht überwiesen, fällig ist der Betrag erst am 31. Mai. Übergabetermin war aber bereits am 28. Februar, und „mit der Übergabe gehen Gefahren, Lasten und Nutzungen auf den Käufer über. Ansprüche und Rechte des Käufers wegen Sach- oder Rechtsmängeln sind ausgeschlossen ... es sei denn, der Verkäufer handelt grob fahrlässig oder vorsätzlich“, heißt es im von einem Föhrer Notar beglaubigten Kaufvertrag, der unserer Redaktion vorliegt. „Der Käufer hat das Kaufobjekt besichtigt, er kauft es im gegenwärtigen Zustand. Der Verkäufer versichert, dass ihm verdeckte Sachmängel nicht bekannt sind.“

Trotzdem hofft Paul Raffelhüschen, der mit dem Verkäufer bereits entsprechende Gespräche geführt hat, dass dieser die jetzt zutage getretenen Mängel beseitigt. „Sonst werden wir den Kauf rückabwickeln“, so der Wyker Bürgermeister.

Dafür ist die Bereitschaft da, daran ließ Steffen Radtke, einer der beiden bisherigen Besitzer der Nationalparkhalle, gestern in einem Pressegespräch keinen Zweifel, der nach eigener Aussage davon ausging, dass „alles in Ordnung ist“. Und der Interesse daran hat, dass die Halle weiterhin für Veranstaltungen genutzt wird, weshalb auch die Beseitigung der Mängel für, so der Verkäufer, geschätzte 40  000 Euro denkbar ist. „Wir wollen die Kuh vom Eis kriegen“, soll am Ende eine funktionstüchtige Halle stehen. Inklusive „aller Sachen die fehlen und die wir auch vor 20 Jahren schon hätten machen müssen“.

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