Bilder-Chronik : Der Charme des Unvollkommenen

Ein Haus in Oevenum: Von Theodor Möller aufgenommen im Jahr 1909.
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Ein Haus in Oevenum: Von Theodor Möller aufgenommen im Jahr 1909.

Theodor Möller-Ausstellung im Friesenmuseum: Beeindruckende Schwarz-Weiß-Fotos dokumentieren das frühere Leben auf Föhr.

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07. Juli 2015, 09:00 Uhr

„Erst hatte er die Kamera, dann hatte die Kamera ihn.“ Diese Worte, so Marion Bejschowetz-Iserhoht, Kuratorin der aktuellen Theodor-Möller-Ausstellung „Föhr in alten Photographien“ im Dr.-Carl-Haeberlin-Friesenmuseum in Wyk, soll der Künstler über sich selbst und seine Leidenschaft gesagt haben. Er wollte Menschen das Sehen lehren, das Bestehende genauer und respektvoller zu betrachten, „als ein Vermächtnis, das man mit Ehrfurcht behandeln soll.“

Neben Bejschowetz-Iserhoht konnte Jutta Kollbaum-Weber als Museumsleiterin zur Ausstellungseröffnung auch Dr. Michael Paarmann, Landeskonservator am schleswig-holsteinischen Landesamt für Denkmalpflege, und Jürgen Ostwald von der Fielmann AG in Hamburg begrüßen.

Theodor Möller (1873-1953) habe in seinem mehr als 6500 Fotos fassenden Archiv Landschaften, Menschen und landestypische Architektur festgehalten, so der Landeskonservator Paarmann, diese „beste und wertvollste Sammlung“ werde seit 1953 im Landesamt aufbewahrt. Damit habe man einen Wunsch des Künstlers erfüllt, der verfügt hatte, seinen Nachlass für Forschungszwecke in unmittelbarer Nähe zur Landesuniversität zu belassen. Ein zweiter Wunsch werde mit Hilfe der Günther-Fielmann-Stiftung verwirklicht: Das Schaffenswerk Möllers wird einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. So schenkte die Fielmann–Stiftung im Frühjahr dem Föhrer Friesenmuseum 114 Handabzüge von Rollfilmnegativen und Glasplatten, von denen nun eine repräsentative Auswahl zu betrachten ist. Landesweit wurden bereits mehr als 2000 Fotos an die Orte und Gemeinden verschenkt, in denen sie entstanden sind.

In den Jahren 1909 bis 1937 hatte der Lehrer und Fotochronist Theodor Möller mehrfach die Insel Föhr besucht und Inseltypisches mit der Kamera festgehalten. Es sei ihm sogar noch gelungen, so Kollbaum-Weber, das älteste Haus Föhrs, das Olesen-Haus in Alkersum, am Original-Standort zu fotografieren, bevor es 1927, ein Jahr danach, abgebaut und auf dem Wyker Museumsgelände wieder errichtet wurde. Allein acht Fotos hätten das Museum selbst als Motiv, erklärte Kollbaum-Weber, der Kontakt zum Museumsgründer, Dr. Carl Haeberlin, sei anhand von Briefen belegt. Während seiner Syltaufenthalte habe Möller auch Bleicke Bleicken kennengelernt und ihn beeinflusst, dessen Werke derzeit noch im Alkersumer Museum Kunst der Westküste ausgestellt sind.

„Möller blieb seinen fotografischen Prinzipien stets treu. Er war nie ein Mitglied der NSDAP gewesen.“ Jürgen Ostwald charakterisierte Möller als einen Künstler, der der Reform- und Heimatschutzbewegung angehörte, einer volks- und landeskundlichen (Laien)-Bewegung, die sich kritisch mit der Modernisierung auseinandersetzte.

Möller lehnte die nationalsozialistische Gleichschaltung ab und versuchte die bäuerliche Lebensweise, die schon damals verloren zu gehen drohte, zu dokumentieren und in seinen Fotografien zu konservieren.

Kirchen, Vogelkojen, Frauen in ihrer Tracht oder uthlandfriesische Häuser – sie alle präsentieren sich nicht nur in hervorragender Qualität, sie inspirieren den Betrachter zum Nachdenken. Die Schwarz-Weiß Aufnahmen, die die gesamte Bandbreite der Grauschattierungen zeigen, geben womöglich dieselben Denkanstöße, die schon damals Möller veranlasst hatten, genau diesen Menschen oder die Dorfstraße „festzuhalten“. So spürt der Besucher in vielen Aufnahmen Möllers Fragestellung: „Wie führe ich ein besseres Leben?“. Die Ruhe und Einzigartigkeit, die die Ausstellung ausstrahlt – hier die etwas windschiefe Eingangstür auf dem Foto, die spärlich eingerichtete Stube, dort ein faltiges Gesicht – und der Charme des Unvollkommenen müssen einen Besucher sehr nachdenklich gestimmt haben: „Die Inselarchitektur hat Sturmfluten und die entbehrungsreiche Walfängerzeit überstanden, zwei Weltkriege und eine Wirtschaftskrise, aber der heutige Immobilien-Handel und der Reichtum wird nicht spurlos an ihr vorübergehen.“

> Die Theodor-Möller-Ausstellung „Föhr in alten Photographien“ ist im Friesenmuseum noch bis zum 1. November zu sehen.

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