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Geschichte der nordfriesischen Kultur : Dass zwei Achtel Butter zur Stelle sind

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Vom Schiffer und seiner Frau: Ein Haushalt auf Hallig Oland um 1790. Buchvorstellung von Martin Rheinheimer in der Ferring-Stiftung.

shz.de von
erstellt am 21.Jun.2017 | 13:30 Uhr

Martin Rheinheimer arbeitet sich seit Jahren tief in die Geschichte der nordfriesischen Kultur ein. Sein Buch über den Amrumer Hark Olufs ist ein Klassiker. Der Professor für Maritim- und Regionalgeschichte an der Syddansk Universität im dänischen Odense – und dort auch Leiter des Instituts für Geschichte, hat den Nordfriesen wunderbar aufschlussreiche Bücher beschert, Nachschlagewerke fast, mit Blick tief in die Wirtschafts- und Sozialstrukturen der Wattenmeerregion. „Dabei war es immer schwierig, an die Lebenswelten der Leute ranzukommen, es gibt einfach viel zu wenig persönliches Material“, sagt der 57-Jährige. Deshalb ist sein neuestes Buch für ihn etwas ganz Besonderes. Den Hintergrund bildet der Briefwechsel eines Seemannes und seiner Frau von der Hallig Oland, die, während er handelsschiffermäßig unterwegs war, zu Hause den kinderreichen Haushalt schmiss und die Familienkasse – überaus tüchtig – mit dem Verkauf von diesem und jenem unterstützte, was sie ihren „Herzgemahl“ dringend bat, von seinen Touren mitzubringen. Man kennt Seefahrtsgeschichte hauptsächlich aus Logbüchern oder den Korrespondenzen zwischen Kapitän und Reeder. Aber Briefwechsel zwischen Seefahrern und ihren Familien sind selten. Nun kann man sich einlesen: „Ipke und Angens. Die Welt eines nordfriesischen Schiffers und seiner Frau (1787–1801)“ ist soeben erschienen.

„Das interessante daran ist wirklich, dass es eben auch aus Sicht einer Frau ist“, sagt der Autor Martin Rheinheimer, der auf diesen Schatz im Rahmen einer ganz anderen Recherche im Nordfriisk Instituut in Bredstedt stieß. 30 Briefe fasst das Buch, je 15 von ihr und ihm, eingebettet in Kapitel über Ehe, Netzwerke, Haushalt, Schifffahrt und Religiosität. Es sind keine gefeilten Sätze in den Briefen. Im Gegenteil: Ipke Petersen, 1744 geboren auf Oland, war nicht sehr gebildet. Er war tief religiös und Küster, ging mit seiner Besserwisserei dem Pastor aber derart auf den Nerv, dass er sich jobmäßig eine Alternative suchen musste. Aber auch als Schiffer, Steuermann, Bootsbesitzer, Kurzzeit-Kapitän und Handelsschiffer war der Mann nur mäßig erfolgreich. Auf der anderen Seite: Seine Frau Angens Ipkens (geborene Brodersen) mit ihrer Sorge um die Kinder und den seefahrenden Mann und mit zig unerfüllten Wünschen (Kaffee und Seidenstoffe), die sie schriftlich an ihren Mann weiterreichte. Im Gegenzug aber auch buk und molk, und ihn mit den Lebensmitteln auf seinen Reisen versorgte.

Man muss sich gewahr sein, wie unsicher es damals war, einen Brief wirklich zu erhalten. „Die Frage war: Wohin schreibt sie? Angens konnte nur mutmaßen in welchem Hafen ihr Mann vorbeikommen würde. Wenn die Route anders war, hat er den Brief nie erhalten“, sagt Rheinheimer. Für ihn auch ein Grund, weshalb so wenige dieser persönlichen Lebenswelten für die Nachkommen erhalten sind. „Und selbst wenn der Mann die Briefe von daheim bekommen hat, sind sie natürlich längst nicht auch irgendwo aufgehoben worden“, erzählt Rheinheimer. Dass überhaupt solche Zeugnisse noch immer mal auftauchen, seien diese wunderbaren „Zufälle der Erhaltung“, freut sich der Professor. „Die Halligen sind da ohnehin ein Hort der Geschichten, denn dort reichen die Kirchenbücher noch etwa vierzig Jahre mehr zurück als auf den Inseln.“ Auf Amrum zum Beispiel gehen sie bis 1694 zurück, auf Hooge bis 1652. „Dadurch bekommen wir auch noch die Nachwirkungen der Sturmflut von 1634 mit“, erklärt Rheinheimer. Sein nächstes Projekt wird daher auch Richtung Halligen gehen. Er will deren Sozialgeschichte im 18. und 19. Jahrhundert erzählen. Während Langeneß recht gut erforscht sei, sei Hooge es eben nicht. Rheinheimers Aufruf geht an alle Bewohner: „Wer Dokumente, Briefe oder andere interessante Aufzeichnungen aus dieser Zeit hat, wäre mir eine große Hilfe.“

Auf den Halligen lebten damals mehr Menschen als auf Amrum. Die älteste bekannte Volkszählung von 1769 weist 606 Amrumer und 673 Hooger aus. „Der Walfang hatte auf den Halligen längst nicht diese Bedeutung, es dominierte die Handelsschifffahrt“, erzählt Rheinheimer. Für seinen Vortrag „Die Seefahrergesellschaft der Halligen“ war der Nordfriesland-Experte nach Alkersum zur Ferring-Stiftung gereist. Niemand im vollbesetzten Saal war traurig, als die Jalousien heruntergelassen wurden und die Junisonne dahinter verschwand. Im Halbdunkel der schönen Stiftungsarchitektur gab Rheinheimer einen tollen Geschichtenerzähler ab. Neben dem Leben und den Briefen von Ipke Petersen und Angens Ipkens machte der Historiker eine Zeit lebendig, in der es zwischen Februar und September keine einzige Geburt gab (Mann-auf-See-Verhütungsmethode), in der ein fester Glaube an das Wiedersehen im Jenseits Halt gab und auch Ipke und Angens half, über den Verlust von fünf ihrer insgesamt sechs Kinder hinwegzukommen. Zwei starben im Kleinkindalter, und drei Söhne – noch keine 23 Jahre alt – starben innerhalb von zwei Jahren auf See und in fremden Häfen. „Herzgeliebter, ... meine geliebte Ehegemahl“ (sic). Die Briefe, verfasst in einem Mischmasch aus Hoch- und Plattdeutsch, Dänisch, Friesisch und Holländisch, hat Rheinheimer übersetzt. Keine hohe Literatur – wie gesagt, keine lebensüberdrüssige Selbstreflexion der Bourgeoisie, sondern das normale Geschreibsel von zwei Menschen, die sich lange nicht sahen und ganz viel voneinander brauchten. Und sei es Butter.

Ipke und Angens. Die Welt eines nordfriesischen Schiffers und seiner Frau (1787–1801), Studien zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Schleswig-Holsteins – Band 55, Franz Steiner Verlag, 161 Seiten

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