Föhrer Insel-Fähren : Das Schicksals-Jahr der „Rungholt“

Die 1992 in Husum gebaute Fähre wird jetzt durch die neue „Norderaue“ ersetzt.
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Die 1992 in Husum gebaute Fähre wird jetzt durch die neue „Norderaue“ ersetzt.

Die WDR hatte zwei Schiffe dieses Namens. Beide verunglückten im Jahr 2005 innerhalb weniger Wochen.

shz.de von
07. Juni 2018, 17:00 Uhr

Wyk | Wenn am Freitag um 11 Uhr im Wyker Binnenhafen die neue Autofähre der Wyker Dampfschiffs-Reederei, die „Norderaue“, getauft wird, steht auch das Ende einer Ära bevor – der der WDR-Fähren mit dem Namen „Rungholt“.

Die erste „Rungholt“ bekam die WDR im Kriegsjahr 1944. Gebaut wurde sie in den deutsch besetzten Niederlanden. Das Nachbarland wurde damals vom aus Wyk stammenden Wehrmachtsbeauftragten Friedrich Christiansen verwaltet, der 1948 wegen Kriegsverbrechen zu zwölf Jahren Haft verurteilt wurde. Der Neubau der „Scheepswerft de Vligt“ in Aahnmer hatte 30 Bruttoregistertonnen (BRT) und konnte 90 Passagiere befördern. Ihren Namen erhielt sie nach dem sagenumwobenen, untergegangenen Ort der alten Insel Strand im nordfriesischen Wattenmeer. Die erste „Rungholt“ diente als Ausflugsschiff. Ende der 1950-er Jahre wurde sie modernisiert und sah nun „wie ein richtiges Schiff“ aus.

Ausstieg wird zum Abenteuer

Manchen ist sie vielleicht noch in Erinnerung als Notlösung. Wenn der Wasserstand zu niedrig war für die anderen Schiffe der WDR, musste die „Rungholt“ ran und Passagiere nach Dagebüll bringen. Die Ausstiege dort an der steilen Molenwand glichen allerdings eher einem Abenteuer. 1973 wurde die „Rungholt“ schließlich nach Nordstrand verkauft. Am 9. August 2005 zog das Schiff, das inzwischen „Seehund I“ hieß, bei der Überführung von Tönning nach Bremerhaven nordwestlich der Insel Trischen (Kreis Dithmarschen) während eines Sturms Wasser und musste auf einer Sandbank auf Grund gesetzt werden. „Sonst wären wir abgesoffen“, sagte der Eigner Carlos Martez, der die „Seehund I“ in seiner Heimat Portugal als Passagierschiff fahren lassen wollte, damals zu unserer Zeitung. Die vier Besatzungsmitglieder konnten sich auf einer Rettungsinsel in Sicherheit bringen und wurden von einem SAR-Hubschrauber geborgen, die ehemalige „Rungholt“ später gehoben, an Land zerlegt und abtransportiert.

Ende August 2005 wird die erste „Rungholt“ aus der Nordsee geborgen.
Reißig
Ende August 2005 wird die erste „Rungholt“ aus der Nordsee geborgen.

Zu dieser Zeit fuhr die zweite und nun auch letzte „Rungholt“ als Auto- und Personenfährschiff mit 999 BRT schon 13 Jahre für die WDR. Von Hanna Bradhering, der Frau des Kapitäns Hans-Erich Bradhering, wurde sie im April 1992 auf der Husumer Werft getauft. Die „Rungholt“ war damit seit 1955 („Uthlande“) der 16. Neubau der Husumer für die Wyker Reederei. Auch sie geriet 2005 in die Schlagzeilen, als sie am 25. September bei dichtem Nebel vor Dagebüll mit der „Schleswig-Holstein“ kollidierte. Menschen kamen nicht zu Schaden. Die WDR setzte Ersatzfähren ein, so dass der Herbstferienverkehr von und zu den Inseln nur am Unglückstag beeinträchtigt wurde.

Sicht beträgt höchstens 30 Meter

Die „Rungholt“ hatte an diesem Sonntagmorgen gerade von der Dagebüller Mole abgelegt, als ihr gegen 8.50 Uhr das von Föhr gestartete Schwesterschiff „Schleswig-Holstein“ in die Quere kam. „An dieser Stelle ist das Fahrwasser nur 60 Meter breit und knickt zudem ab“, beschrieb damals ein Sprecher der Wasserschutzpolizei die Situation. Die Sicht betrug zum Unfall-Zeitpunkt allenfalls 20 bis 30 Meter. Obwohl auf beiden Schiffen das Radar eingeschaltet war „und sie mit allem ausgerüstet sind, was man braucht“, so WDR-Betriebsleiter Heiko Litschke seinerzeit, drückte die „Rungholt“ mit dem Bugvisier die Backbordseite der „Schleswig-Holstein“ ein.

„Rungholt“ Nummer zwei stößt nur einen Monat später im Nebel mit der „Schleswig-Holstein“ zusammen.
Oelers
„Rungholt“ Nummer zwei stößt nur einen Monat später im Nebel mit der „Schleswig-Holstein“ zusammen.
 

Mit dem Nachfolgeschiff der „Rungholt“ bricht die Wyker Dampfschiffs-Reederei nun mit der Tradition, die Schiffsnamen weiter zu vererben. Die nun in Dienst gestellte „Norderaue“ trägt ihren Namen nach dem Meeresgebiet zwischen Amrum und Föhr, in dem sie fährt.
 

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