125 Jahre Seebad Wittdün (Teil 2) : „Das nobelste aller Häuser an der Nordseeküste“

Panorama von Wittdün mit den frühen Luxushotels.
Panorama von Wittdün mit den frühen Luxushotels.

Kometenhafter Aufstieg: In wenigen Jahren wurde aus einem öden Sandhaufen eine mondäne Kleinstadt.

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16. Juli 2015, 12:30 Uhr

Heinrich Andresen, 1853 in Kappeln an der Schlei geboren, betrieb ein Hotel in der damaligen Kreisstadt Tondern und mittels Pferdefuhrwerken den Zubringerverkehr von der Bahnstation Tondern zur Hoyerschleuse, dem Ausgangshafen zur Insel Sylt. Er kam zusammen mit dem Bankdirektor Fast 1892 nach Wittdün und verhandelte kurz entschlossen mit den beiden Kapitänen Volkert Quedens und Paul Jansen Kühn und kaufte ihnen ihre Hotels und Baderechte ab. Volkert Quedens erhielt 120  000 Mark, ließ aber 80  000 Mark in der von Heinrich Andresen gegründete Aktiengesellschaft (AGWA) stehen, an der sich auch einige Banken, darunter die Hildesheimer Bank, beteiligten.

Und nun ging es auf Wittdün wirklich los! Zur Saison 1892 wurde auf der äußersten Südspitze das große Kurhaus errichtet, „das nobelste aller Häuser an der Nordseeküste“, wie ein Prospekt verriet. Und das war nicht übertrieben. Aus allen Fenstern Meeresblick, Tanzsaal und Theaterbühne im Hause und Billardzimmer für die feine, wilhelminisch-bürgerliche und preußisch-militärische Badegesellschaft. Wenig später kam ein weiteres Prachthotel dazu, der Kaiserhof (heute als Berlin-Wilmersdorfer Nordseeheim noch erhalten).

Nahe der Brücke wurde eine „Ladenbaracke“ errichtet, mit Läden für die notwendige Infrastruktur eines Badeortes. Und Grund und Boden wurden parzelliert, so dass aus allen Teilen des Deutschen Reiches „am Bade Interessierte“ nach Wittdün kamen, um hier Villen, Logierhäuser und Hotels zu bauen. Dazu gehörte unter anderem ein Herr Bufe von Helgoland, der am Nordufer das Hotel Hohenzollern errichtete und ein Neffe des Reichskanzlers Bismarck, der das Hotel Germania auf der oberen Wandelbahn erbaute.

Die AGWA vervollständigte dann ihren Immobilienbesitz mit dem Bau eines geräumigen Verwaltungshauses, darin auch Arzt und Apotheke sowie Schule und ein Raum für Gottesdienste, ehe durch die Initiative von Heinrich Andresen eine eigene evangelische und katholische Kapelle errichtet wurden.

Längs der Hauptstraße entstand bald ein geschlossenes, kleinstädtisches Bild mit Villen und Tante Emma-Läden sowie einem Café, dem „Café Götze“.

Heinrich Andresen wußte, dass der Besuch eines Badeortes mit der verkehrsmäßigen Erreichbarkeit steht oder fällt und arrangierte neben der schon bestehenden Linie der Wyker Dampfschiffs-Reederei (Dagebüll-Wyk-Wittdün) während der Saison eine fast tägliche Verbindung der „Nordsee-Linie“ (ab 1905 Hapag) mit Hamburg und durch den „Norddeutschen Lloyd“ ab Bremerhaven über Helgoland nach Wittdün. Und das genügte dem Direktor des jungen Badeortes noch nicht. Es wurde eine eigene, vierte Dampferlinie zwischen Husum und Wittdün eingerichtet, im Anschluss an den „Badezug“, der täglich aus Berlin über Hamburg bis zur Husumer Schleuse kam.


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