Irritierende Zahlen : Das Kreuz mit der Statistik

Glaubt man den Zahlen, ist die Lust der Gäste auf einen Insel-Urlaub enorm gestiegen.
Glaubt man den Zahlen, ist die Lust der Gäste auf einen Insel-Urlaub enorm gestiegen.

Bei den Tourismus-Zahlen des Landes stechen Föhr und Sylt mit satten Zuwächsen hervor – doch die Ergebnisse trügen.

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28. Februar 2018, 17:15 Uhr

„2017 war für den Tourismus in Schleswig-Holstein das bislang erfolgreichste Jahr aller Zeiten“, heißt es vom Kieler Wirtschaftsministerium und Minister Bernd Buchholz kommentiert: „Wir können uns im Vergleich zu 2016 erneut über einen Zuwachs bei den Übernachtungen und den Gästeankünften freuen.“ Das Ministerium bezieht sich auf die vergangene Woche herausgegebenen Tourismus-Zahlen des Statistischen Landesamtes, bei deren erster Betrachtung aufgrund der hohen Steigerung einem schon mal die Luft wegbleiben kann. Dieser positive Trend soll sich auch auf Föhr (plus 42,5 Prozent Übernachtungen) und Sylt (12,3) widerspiegeln.

Bei genauer Betrachtung zeigt sich allerdings, dass nicht die vermehrte Reiselust der Urlauber für das große Plus auf den Inseln verantwortlich ist: „Das Statistikamt hat im vergangenen Jahr begonnen, die Reiseregionen Nord- und Ostsee stärker zu prüfen“, sagt Harald Haase, Sprecher des Wirtschaftsministeriums in Kiel. Der Vorgang nenne sich „Berichtskreisüberprüfung“, bei dem gegengecheckt wird, ob tatsächlich alle berichtspflichtigen Betriebe mit zehn und mehr Betten erfasst werden.

Mit dieser Überprüfung sei schwerpunktmäßig auf den Inseln Föhr und Sylt begonnen worden. „Dabei ist festgestellt worden, dass es insbesondere bei Ferienwohnungen und Ferienhäusern Vermittler gibt, die mehrere Objekte betreuen und deshalb bei ihrer Vermietung die statistikrelevante Grenze von zehn Betten überschreiten“, berichtet Haase. Diese Zahlen seien im Laufe des Jahres 2017 nun erstmals in die Statistik eingeflossen.

Auf Föhr sieht Jochen Gemeinhardt, Geschäftsführer der Föhr Tourismus GmbH (FTG), die erhobenen Zahlen gelassen. Trotz Meldepflicht seien die Angaben in früheren Jahren lückenhaft gewesen. „Nun hat das Statistische Landesamt die Beherbergungsbetriebe aufgefordert, alles zu melden. So kommt dieser Anstieg zustande. Die Kontrollen sollen verstärkt werden und die Vermieter müssen jetzt monatlich melden.“

Angegeben werden müsste zudem nicht mehr allein die gesamte Bettenzahl, sondern die Vermietung für jeden einzelnen Ort. „Diese angestrebte lupenreine Erfassung finde ich tendenziell gut. Durch diese Bestandsaufnahme wissen wir am Ende des Tages, wie viel Betten es wirklich auf Föhr gibt. Angenommen wurden bisher immer rund 20 000, das sind allerdings keine belastbaren Zahlen.“

Dagegen sieht der Sylter Touristiker Moritz Luft in diesem „unnatürlichen Übernachtungsanstieg“ weitreichende Folgen: „Es kamen plötzlich Vermieter aus dem Bereich der gewerblichen Beherbergungsbereiche hinzu, die vorher nicht gemeldet waren“, so der Geschäftsführer der SMG, der bekräftigt, dass diese immense Steigerung der Tourismuszahlen auf Sylt und Föhr auch Auswirkungen auf die Zahlen der gesamten Westküste – und die in ganz Schleswig-Holstein habe.

Zwar sei der Effekt an der Ostsee bisher nicht in diesem Maße sichtbar, allerdings wäre die Überprüfung im Land auch noch gar nicht abgeschlossen. Lufts Fazit: „Die erhobenen Zahlen für 2017 sind völlig unbrauchbar. Im Grunde kann man für das vergangene Jahr also überhaupt keine Effekte aus der Landestourismusstrategie ableiten, weil die Zahlen einfach schief sind.“ Seine Empfehlung: „Die Werte beider Inseln müssten aus der Landesbetrachtung isoliert werden, um auch nur ansatzweise Effekte aus der Landesstrategie ableiten zu können.“

Wie der Sprecher des Wirtschaftsministeriums betont, sei eine Überprüfung, ob tatsächlich alle berichtspflichtigen Vermieter erfasst werden, in der Statistik nichts Ungewöhnliches. „Es handelt sich um eine Maßnahme zur Qualitätsverbesserung der Zahlen“, so Harald Haase. Er räumt jedoch ein, dass die Einbeziehung zusätzlicher Betten im Vergleich von 2017 zu 2016 „regionale Effekte“ habe. Deshalb habe man in der Jahres-Presseinformation dieses Mal auf den bisher üblichen Regionsvergleich verzichtet.

Für Jochen Gemeinhardt ist der „unnatürliche Anstieg“ eine einmalige Geschichte. „Die korrigierte Statistik bringt uns den aktuellen Stand, auf dem wir im kommenden Jahr aufsetzen können.“

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