Wetterkapriolen : „Das ist wirklich irre“

Der Meteorologe im Doppelpack: In der Kinder-Uni erklärt Meeno Schrader, wie Wettervorhersagen entstehen.
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Der Meteorologe im Doppelpack: In der Kinder-Uni erklärt Meeno Schrader, wie Wettervorhersagen entstehen.

Für den Diplom-Meteorologen Meeno Schrader ist klar: Es gibt den Klimawandel und wir sind schon mittendrin.

shz.de von
21. Juli 2018, 12:30 Uhr

Landwirte stöhnen, Urlauber freuen sich: Der anhaltende Sonnenschein und die Trockenheit der letzten Wochen erzeugen Freud und Leid. Der Meteorologe Dr. Meeno Schrader, bekannt aus Fernsehen und Rundfunk, erklärt am Rande einer Veranstaltung für die Kinder-Uni Föhr die Gründe für die Trockenheit und wie die aktuelle Wetterlage mit dem Klimawandel zusammenhängt.

Herr Schrader, seit Wochen freuen wir uns über die Sonne, während die Landwirte geradezu nach Regen schreien. Ist so ein Sommer normal?
Nein, diese Wetterlage ist schon außergewöhnlich. Wir haben jetzt im Juli bereits so manchen Temperatur-Rekord eingestellt. Der Mai und Juni waren jeweils viel zu warm, vier respektive drei Grad über dem normalen Mittel. Und auch der Juli wird zu warm werden. Gleichzeitig ist derzeit die Trockenheit ein Herausstellungsmerkmal. Dazu kommt noch der viele Sonnenschein. Für die Landwirte ist das natürlich besonders bitter. Die leiden jetzt schon zum dritten Mal hintereinander unter dem für sie schlechten Wetter, nach zu viel Regen in den vergangenen Jahren. Für den Tourismus ist das aber natürlich großartig.

Wie kommt dieses besondere Wetter zustande?
Das baute sich bereits im April und Mai auf: Damals hatte sich in der hohen Atmosphäre ein dicker Hochdruckrücken ausgeprägt und von den Britischen Inseln bis hin nach Norwegen breit gemacht. Dort liegen sonst die Tiefdruckgebiete, die uns wechselhaftes und kühles Wetter bringen. Die dringen schon lange nicht mehr zu uns durch. Sie wurden stattdessen nach Spanien umgelenkt, wo hochreichende Kaltlufttropfen die Tiefs dort festhielten. Wir befinden uns stattdessen immer wieder unter oder in der Nähe eines Hochdruckrückens: Die Kaltluftströme aus Richtung Grönland schaffen es einfach nicht, bis zu uns vorzudringen. Stattdessen legen sich immer wieder bodennah entstehende Hochdruckgebiete über Schleswig-Holstein. Das ist wirklich irre: Wenn mal Regenwolken kommen, machen die, von wenigen Ausnahmen abgesehen, seit Wochen im letzten Moment einen Bogen um Schleswig-Holstein. Niedersachsen, die Niederlande und Mecklenburg-Vorpommern haben alle etwas Regen abbekommen. Nur wir nicht.

Wie lange wird das noch so bleiben?
Unsere Modelle schauen etwa einen Monat voraus. Und da spreche ich ganz vorsichtig auch von einem Wettertrend, nicht von einer Prognose. Bis August sieht es so aus, als bliebe es so wie derzeit. Mit einer Wahrscheinlickeit von 20 Prozent fällt am heutigen Sonnabend ein wenig Regen in der Südhälfte Schleswig-Holsteins. Doch schon in der kommenden Woche stellt sich wieder sehr sonniges und noch wärmeres Wetter ein, bei Temperaturen von 25 bis 28 Grad, und es bleibt trocken. Und das hält bis mindestens in die erste, womöglich auch noch die zweite Augustwoche hinein an. Was danach passiert, wissen wir noch nicht.

Hat diese lang anhaltende Trockenphase etwas mit dem Klimawandel zu tun?
Ja, ich glaube, diese Monate sind ein Teil des großen Puzzles namens Klimawandel. Dieses extreme Wetter geht genau in die Richtung, in die die Klimamodelle schon seit Jahren rechnen. Und die Auswirkungen bekommen wir wöchentlich und monatlich zu spüren, weltweit. Für mich ist klar: Es gibt den Klimawandel und wir sind auch schon mittendrin.

Müssen wir uns also an diese extremen Sommer gewöhnen?
Ja, das sind Paradebeispiele, was der Klimawandel macht: Immer wieder die Extremanteile des Wetters aufzurufen. Und zwar in beide Richtungen. Das war letztes Jahr mit dem viel zu vielen Wasser bis in den Winter hinein. Und jetzt genau das Gegenteile. Es gibt eigentlich keinen sanften Übergang mehr. Es geht von den schlechten Wochen direkt in das andere Extrem. Ich meine zum Beispiel den Monat Mai: vier Grad zu warm, das ist ja der Hammer! Und auf solche Dinge müssen wir uns in Zukunft einstellen, beziehungsweise dem entgegenwirken. Ja, wir müssen uns anpassen, denn der Klimawandel greift bereits. Aber wir müssen in meinen Augen auch etwas dafür tun, um diesen Zug wieder zu bremsen.

Zum Beispiel?
Den größten Anteil am Klimawandel steuert das Kohlendioxid bei. Vor diesem Hintergrund müssen Braunkohlekraftwerke, die gigantische Mengen CO2 in die Luft jagen, geschlossen werden. Daran führt kein Weg vorbei. Der Verkehr muss signifikant reduziert oder ökologisiert werden. Und die Industrie muss mit Filteranlagen versuchen, möglichst viel Kohlendioxid herauszufiltern.

Macht Ihnen der Klimawandel den Job schwieriger?
Ja. Wir können uns auf einzelne unserer Modelle nicht mehr so verlassen wie früher. Die Jahreszeiten wechseln sich ja kunterbunt ab und sind so nicht mehr vorhersagbar. Wir können auch im Herbst noch Hochsommer haben. Das macht die Prognosen schwerer, wir müssen die Ergebnisse der Wettervorhersagemodelle kritisch auswerten. Manchmal braut sich eine Gewitterwolke in einer halben Stunde auf. Es ist unglaublich, welche Energie da in extrem kurzer Zeit entsteht und bewegt wird. Da kommen die Vorhersagemodelle oft nicht mehr hinterher. Aber das macht die Arbeit nie langweilig und hält uns Synoptiker (die Meteorologen der Wettervorhersage, Anm. d. Red.) quicklebendig.

Interview: Christian von Stülpnagel

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