zur Navigation springen

1. August 1914 : Das Grauen begann an einem schönen Sommertag

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Heute vor 100 Jahren: Wie die Föhrer den Ausbruch des Ersten Weltkriegs erlebten. Vor allem bei den Älteren war von Euphorie nichts zu spüren.

Heut vor 100 Jahren brach der Erste Weltkrieg aus – ein Ereignis, das auch für Föhr weitreichende Folgen hatte. Viele Insulaner zogen begeistert in die Schlacht, etliche kehrten nicht mehr zurück. Die Historikerin Dr. Karin de la Roi-Frey hat den Schicksalen der Kriegstoten von 1914 bis 1918 nachgespürt, deren Namen auf dem Ehrenmal des Boldixumer Friedhofs stehen. In einer Serie wird sie in den kommenden Jahren – jeweils zum 100. Todestag – an diese Menschen erinnern. Zum Auftakt schildert sie, wie die Föhrer den Kriegsbeginn erlebten.

Am 2. August 1914 schreibt die Nieblumerin Friederika Goos in ihr Tagebuch: „Der jahrelang befürchtete große Krieg ist da.“ Allen pathetischen Phrasen zum Trotz, haben viele Menschen wie Friederika Goos seit längerem Angst vor dem Krieg. Im Gegensatz zur kolportierten allgemeinen Kriegsbegeisterung gibt es bis kurz vor dem 1. August Antikriegsdemonstrationen. Sie gehen im allgemeinen Kriegstaumel unter. Die Teilnehmer werden moralisch diskreditiert und den „guten“ Deutschen als schlechtes Beispiel gegenüber gestellt. Zu den begeisterten Kriegsbefürwortern gehören so bekannte Persönlichkeiten wie Thomas Mann, Max Planck, Gerhard Hauptmann oder Max Reinhardt. Und in Wyk druckt die Zeitung begeisterte Gedichtzeilen von Fritz Deppe über das deutsche Volk: „Doch wie ein Mann stehst Du für Deine Lande,/ Auf Deines Kaisers Ruf, zum Kampf bereit,/ Ja, unzerreißbar sind der Einheit Bande,/ Als einig Volk ziehst du zum Völkerstreit.“

Der Wyker Kaufmann Arwis Braren erinnert sich: „Schon in den letzten Juliwochen war auf unserer Insel eine recht lebhafte Fliegertätigkeit ... festzustellen. ... Mein Vater, damals Bäcker und Gemeindevorsteher in Alkersum, hatte in seinem Zimmer einen sogenannten Panzerschrank, in dem unter anderem ein großer Brief lag mit dem Vermerk ‚Ganz geheim‘. Nur zu öffnen auf Befehl einer Mobilmachung!“ Am 1. August 1914 ist es soweit: „Um halb sieben hier eingehend, brauchte es nur wenige Minuten, die Bevölkerung auf die Beine zu bringen. Bis in die Nacht hinein umstanden die Einwohner der Ortschaften die Stellen, an denen weitere offizielle Nachrichten zu erwarten waren. Überall machte sich helle Kriegsbegeisterung bemerkbar“, heißt es in einem Zeitungsbericht.

Etwa zur gleichen Zeit sieht die zwölfjährige Nieblumerin Christina Martens „an dem besonders schönen Abend des 1. August“ in der Ferne einen Besucher auf den zwischen Nieblum und Boldixum liegenden Hof ihrer Familie zukommen. „Bald erkennen wir Arfst Johannsen und rennen ihm entgegen, vielleicht spielt er eine Weile mit uns. Aber er macht kein fröhliches Gesicht, wie so oft bei der Schule, sondern sagt nur: ‚Dat is Krieg‘. Wie sollen wir das verstehen. 1870-71 war einmal Krieg, davon hatten wir schon in der Schule gehört, aber das war damals, als wir alle noch nicht geboren waren. Jetzt im schönsten Sommer, das Korn steht reif auf den Feldern, da kann man doch nicht von Krieg reden. Aber Arfst übergibt Vater ein Schreiben vom Gemeindevorsteher ... . Wir stehen um ihn herum und warten, aber nur ein leises: ‚Na!‘ und sonst nichts. ‚Gift dat Krieg?‘ frage ich. ‚Ja, mit Frankreich!‘ Dann geht er ins Haus ... .“

Nach den Erinnerungen von Arwis Braren ist schon am 31. Juli 1914 vom Amtsvorsteher die telefonische Nachricht vom Befehl zur Mobilmachung gekommen. Daraufhin wird der Brief mit dem Vermerk „Ganz geheim“ in Gegenwart von zwei Dorfvertretern geöffnet und der Bevölkerung bekannt gegeben. „Der erste Mobilmachungstag war der 1. August. Soviel mir noch bekannt ist, mussten alle männlichen Bewohner im Alter von 18 bis 45 Jahren aus Wyk und Boldixum sich sofort bei der Kirche in Nebel auf Amrum stellen. Alle Männer von den übrigen Dörfern Föhrs mussten sich bei der Kirche von Keitum auf Sylt melden. Die Soldaten mussten für zwei Tage Verpflegung mitnehmen. Ohne die geringste Ahnung, in welches weltumfassende Kriegsgeschehen sie hineingezogen werden, meinen die Inselmänner: ‚Wir kommen nur für einige Wochen als Badegäste dorthin‘.“

Die Kinder in Oevenum hören die Schulglocke an diesem 1. August zu ganz ungewohnter Zeit läuten und nehmen die Aufregung und überall herrschende Hektik der Erwachsenen wahr, ohne den Sinn zu verstehen. „In diesem Alter weiß man noch nichts von der Tragik, die in dem kleinen Wort ‚Krieg‘ enthalten ist“, schreibt eine Boldixumerin viele Jahre später, aber „dass unser Vater gleich am nächsten Tag in den Krieg ziehen musste, war etwas Besonderes.“

Bei den älteren Schülern, Studenten und Seminaristen, die im Sommer 1914 ihre Ferien auf Föhr verbringen, kennt die patriotische Begeisterung nach den Erinnerungen von Arwis Braren keine Grenzen. Auch Christina Martens Bruder Nickels, der in Kiel studiert, will sich sofort als Freiwilliger melden. Es folgen lautstarke Auseinandersetzung mit dem Vater, so dass Nickels schließlich warten muss, bis er eingezogen wird. Das geschieht noch im gleichen Monat. Nicht warten will der aus Süderende stammende Unterprimaner des Königlichen Hermann-Tast-Gymnasiums in Husum, Carl Roeloffs. Er schreibt am 3. August 1914 seinen Eltern, er habe sich nach reifer Überlegung entschlossen, sich freiwillig bei einem Infanterieregiment zu melden. Der junge Roeloffs sieht es als „heilige Pflicht eines jeden Deutschen, für seines Vaterlandes Ehre, Gut und Blut dranzusetzen.“

Genauso empfindet auch der Wyker Friedrich Bohn. Er geht in Brunsbüttel auf die höhere Schule. Friedrich gehört zu den Tausenden junger Männer, die nun nach jahrelanger Kriegseuphorie in Schule und Gesellschaft in einer Welle der Begeisterung ihr Lebensziel in Pflichterfüllung und Opferbereitschaft sehen. 1910 war mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung unter 22 Jahre alt: Kanonenfutter. „Weihnachten sind wir wieder zu Hause“, steht auf den Zugwaggons, die sie zu den Schlachtfeldern bringen. Carl Roeloffs und Friedrich Bohn werden im Kriegsjahr 1915 im Abstand von nur wenigen Monaten „im Westen“, wie es damals hieß, fallen.

Der Wyker Karl Matthiessen erinnert sich: „As 1914 de Krieg utbrook, midden in de schöne Sommer, weer op eenmal de Badetied vorbi in Wyk. Alles weer dörchenanner, alle Badegäste gingen Hals öber Kopp wech. Veele sungen ‚Lieb Vaterland, magst ruhig sein‘. Aber unse Fohrenslüüd op de Schipperbank wussten beder Bescheet. Ipke Sievertsen sä ‚Son Schiedkram‘ und Jens Moos ‚Nu hem wi erstmol de beste Tied hatt‘.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen