Das brutale Gesicht der Diktatur

Nationalsozialistische Hetze am Wyker Hafen.
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Nationalsozialistische Hetze am Wyker Hafen.

Ohne Beschönigungen beleuchtete Dr. Wilhelm Koops in einem Vortrag in der Ferring-Stiftung die Zeit des Nationalsozialismus auf Föhr

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27. November 2012, 07:55 Uhr

Alkersum | "In der Schule haben wir uns gerade einmal zwei Stunden lang mit dem Nationalsozialismus befasst." Dies konstatierte Dr. Volkert Faltings, der Vorsitzende der Ferring-Stiftung, zu Beginn des letzten diesjährigen Alkersumer Frühschoppengespräches. Um so wichtiger sei es, dass für diese Veranstaltung der gebürtige Föhrer Dr. Wilhelm Koops als kompetenter Redner gewonnen werden konnte. Dass der Saal bis auf den letzten Platz - überwiegend mit älteren Insulanern - besetzt war, machte deutlich, dass dieses Thema noch nicht ausdiskutiert ist, zumal die Föhrer, so Koops, nach dem Krieg "für alles Zeit hatten, nur nicht für die Vergangenheitsbewältigung".

Wilhelm Koops eröffnete seinen Vortrag mit einem Überblick über die wechselvolle Geschichte der Stadt Wyk und "bettete" seine Ausführungen in die politische Entwicklung Deutschlands ein. Dazu gehörte der Hinweis auf die sogenannte "Vaterlandspartei", ein Sammelbecken all derer, die noch kurz vor dem Ende des Ersten Weltkrieges an den Sieg der kaiserlichen Truppen glaubten. An deren erster Veranstaltung, 1917 in Wyk, nahmen auch etliche bekannte Lokalgrößen teil. Zwar sei diese Partei nur eine Episode gewesen, doch habe ihre Propaganda "wesentlich dazu beigetragen, jene primitiven und rassistisch geprägten Feindbilder aufzubauen und zu verankern".

Ausführlich schilderte Koops die Zeit des Abstimmungskampfes um die staatliche Zugehörigkeit Föhrs als Folge des Versailler Vertrages. Vor der Abstimmung im März 1920 habe auf der Insel eine Hetzjagd auf alle "dänisch Gesinnten" begonnen; verbissen geführte Auseinandersetzungen, die viele Familien förmlich spalteten.

Der Machtwechsel 1918 sei für viele Menschen nicht nachvollziehbar gewesen und die Weimarer Republik, als Konkursverwalter des verlorenen Krieges, wurde für alles Negative verantwortlich gemacht. 1923 endete die rasende Inflation und mündete in die Einführung der "Hauszinssteuer", die viele Menschen in eine trostlose Lage brachte.

Es habe sich ein Protestpotenzial entwickelt, das im Sog der NSDAP landen sollte. Die habe ihren ersten Auftritt 1930 im "Colosseum" gehabt und einfache Erklärungsmuster komplexer Vorgänge, verbunden mit antisemitischer Hetze, seien ein Vehikel gewesen, mit dem gerade im kleinbürgerlichen Milieu erfolgreich geworben werden konnte.

Und erfolgreich waren die Nazis in Wyk ohne Zweifel. Bei der Reichstagswahl im September 1930 ereignete sich geradezu ein politisches Erdbeben, denn die NSDAP wurde mit 525 Stimmen auf Anhieb die stärkste Kraft. Unter Führung des Apothekers Dierks entstand im September 1930 die erste Ortsgruppe der NSDAP auf Föhr. Besonders rührige Nazis waren der Arzt Dr. Friedrich Roeloffs und der aus Norddorf stammende Zahnarzt Dr. Hinrich Clausen - "der Prototyp eines Nationalsozialisten" - der die Nachfolge von Dr. Thoedor Küspert an der Spitze der Wyker SA einnahm.

Für jeden sichtbar habe sich auf Föhr das brutale Gesicht der Diktatur gezeigt und mit zahlreichen Fotos dokumentierte Koops "Wyk im Zeichen des Hakenkreuzes". Zahlreich sind die Beispiele der Machtausübung und der Antisemitismus trat immer deutlicher zu Tage. Schmierereien forderten die Schließung jüdischer Kinderheime und ein Foto, etwa aus dem Jahr 1938, zeigt am Wyker Güterschuppen die Aufschrift "Juden sind hier nicht erwünscht".

Der Referent ließ auch die abscheulichen Ereignisse um den 9. und 10. November 1938 in Wyk nicht aus, als jüdische Kinder des Heimes an der Gmelinstraße "verabschiedet" werden sollten. Sie mussten durch ein Spalier Wyker Schüler gehen, die sie beschimpften und bespuckten. "Insulaner, die damals dabei waren, schämen sich heute noch dafür", berichtete Koops.

Breiten Raum in dem Vortrag nahmen die Haltung vieler Wyker zur Person Friedrich Christiansen und die Vorgänge um die Umbennung der nach ihm benannten Großen Straße ein. Unstrittig ist seine Rolle als Wehrmachtsbefehlshaber in den Niederlanden, der als Vergeltung das Dorf Putten anzünden und die männlichen Einwohner deportieren ließ, wofür er wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu einer zwölfjährigen Haftstrafe verurteilt wurde.

Nach Christiansens Begnadigung im Jahr 1951 ließ die Wyker Stadtvertretung dessen Ehrenbürgerschaft wieder aufleben und nannte die Große Straße wieder Friedrich-Christansen-Straße. Dies blieb so, bis im Jahr 1979, zum 100. Geburtstag Christiansens, im Insel-Boten eine Serie über den Wyker erschien, in der allerdings dessen unrühmliche Seiten nicht erwähnt wurden. Ein Leserbrief, der diese Tatsache aufgriff, löste einen regelrechten Sturm aus. Er erinnere sich an eine furchtbare Auseinandersetzung, so Koops, die immer mehr um Versuche zur Relativierung des NS-Unrechts und um einen Schlussstrich unter die Vergangenheit gegangenen sei. Die Mehrheit der Stimmen von CDU, KG und FDP in der Stadtvertretung lehnten eine Umbenennung der Straße ab, was zu weiteren Turbulenzen führte. Nachdem die Grabstätte der Familie Christiansen geschändet worden war, bat diese selbst um die Änderung des Straßennamens. Ein unrühmlicher Teil der Wyker Geschichte, so Koops’ Fazit, der zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bitter nötig gewesen sei.

"Eine solche Veranstaltung wie die in der Ferring-Stiftung wäre vor 30 Jahren gar nicht möglich gewesen", stellte ein Zuhörer in Alkersum abschließend fest.

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