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Eilun-Feer-Skuul : Cannabis ist auf dem Vormarsch

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Bericht zur Drogenprävention: Schon 13-jährige Schüler kiffen. Die Schulsozialarbeiterin hat täglich mit Suchtproblemen zu tun.

Drogen an der Schule sind immer mal wieder Thema in den Amtsausschuss-Sitzungen. Für Ute Nommensen, seit 2009 Schulsozialarbeiterin an der Eilun-Feer-Skuul, sind sie nur ein Aspekt von zig Auffälligkeiten, die mittlerweile immer früher auftreten, schon bei den Zwölf- bis 13-Jährigen – Ritzen, Gewalt (auch die häusliche), Essstörungen und eben Drogen: dort verdrängt Cannabis gerade ein Stück weit den Alkohol, der aber natürlich Dauerthema bleibt. „13 Jahre und Kiffen ist einfach besorgniserregend – und viel zu früh. Da sind die Hirnstrukturen noch gar nicht voll ausgebildet“, sagt Nommensen. Die Föhrer Sozialpädagogin hat täglich damit zu tun: Ihre Sprechstunden sind voll, sie trifft sich in den Pausen mit den Kids, sie macht nachmittags Familienbesuche und führt Einzel- und Schlichtungsgespräche. „Im Kern geht es immer um Beziehung“, sagt Nommensen. Und um ein Selbstwertgefühl, das gestärkt werden wolle. Dieser Drogenkonsum habe auch damit zu tun, wie Freundschaftskontakte gelagert sind und natürlich mit den Problemen zu Hause. „Es ist eine Querschnittsaufgabe im ganzen psycho-sozialen Bereich“, sagt die 50-Jährige.

Es gebe zig Gründe: Eltern, die zu früh den Kontakt zu ihrem Kind verloren haben. Der enge Sozialraum einer Insel, und der Irrglaube, ein Kind müsse aufs Gymnasium, egal, ob es da scheitert. „Wir sollten die Gemeinschaftsschule deutlich aufwerten“, sagt Nommensen. „Ein Gymnasium führt nicht automatisch bei jedem zu etwas Besserem. Das ist ein Klischee.“ Je nach Jahrgangstärke lieber kleinere Gemeinschaftsschulklassen und dafür eine größere am Gymnasium, das könnte eine Idee sein.

Auf der Insel halte sich hartnäckig die Elternmeinung, das Gymnasium führe zu besserem Freizeitverhalten. „Das stimmt so nicht“, sagt Nommensen. „Wir haben hier ein echt gutes Angebot für alle, aber viele wollen eben nur abhängen, in den Hütten auf dem Land oder am Strand.“

Eine große Clique in einer noch nicht sehr hohen Jahrgangsstufe macht Nommensen derzeit Sorgen. „Dazu gehören auch welche über Zwanzig, die gar nicht mehr zur Schule gehen. Und eben auch 13-Jährige.“ Solche Altersdifferenzen in Cliquen seien eher selten. „Aber natürlich wollen die Jüngeren Freund mit den Älteren sein, und tun dann Sachen, die sie eigentlich nicht wollen.“ Traurig, so Nommensen, sei auch die Beobachtung, dass diejenigen unter den Zwölf- und 13-Jährigen, die sich altersgerecht entwickeln und „einfach nett und normal“ sind, oft als Außenseiter dastünden.

„Die Qualität der Auffälligkeiten verändert sich negativ“, sagt Nommensen. Während vor zehn Jahren noch rund fünf Prozent aller Schüler Auffälligkeiten im Unterricht zeigten, sind es heute 25 Prozent. „Das ist auch hier Realität“, bestätigte sie. Die Zahl derjenigen, die sozialbedürftig sind und Erziehungshilfe brauchen, steige. Da sei von Depression bis Suizidgefährdung alles dabei. Nommensen betreut eine Gruppe Mädchen, die sich bei ihr auch nur mal auskotzen, sich selbst bemitleiden und dann darüber lachen können. „Die gackern sich so einiges von der Seele“, sagt sie.

Der Präventionsplan der Eilun-Feer-Skuul ist voll: Von der fünften bis zur neunten Klasse schaut regelmäßig die Polizei vorbei. Weitere Themen sind Drogen, Sexualität, Medien und Ernährung. Da geht es um Körperhaltung und Selbstbehauptung, um Liebe und Sex und den Einfluss von Drogen aufs Gehirn. Zum Thema Essstörungen gibt es ein Theaterstück. Man überlegt derzeit, ob Suchtklinikbesuche oder Cannabis-Parcours Sinn machen. „Abschreckung funktioniert nur schwer“, sagt Nommensen. Man müsse anfangen, ehe die Probleme anfangen. Schon die Schüler der Orientierungsstufe sollten sehr eng begleitet werden. Nommensen ist wöchentlich in den Klassen und fragt: Was läuft gut, was nicht? Dann sitzen alle zusammen und halten Klassenrat, es gibt eine Rednerliste und jemand führt Protokoll. Man sammelt die Themen und sucht gemeinsam Lösungen. „Konzept zum sozialen Lernen“, nennt Nommensen das und verbucht auch das unter Prävention. „Eine gute Konfliktkultur, face-to-face, das wünsche ich mir.“ Das laufe derzeit in den unteren Klassen ganz gut.

Der enge Sozialraum verhindere oft, dass Tacheles geredet wird. Wenn fast jeder jeden kenne und in einem Jahrgang nahezu die gesamte Inseljugend zusammengeschlossen sei, tue man sich schwer mit Anzeigen. Dennoch habe es sie in der Vergangenheit gegeben, allerdings hätten sie manchmal üble Beschimpfungen und Drohungen nach sich gezogen, sowohl in Richtung Eltern als auch in Richtung der Schüler. Eine Mutter, die von ihrem Kind über Drogenprobleme in dessen Clique informiert wurde und sich Hilfe bei den anderen Müttern holen wollte, sei dort arg beleidigt worden. Davon wurde jüngst während der Sitzung des Föhr-Amrumer Amtsausschusses berichtet, in der das Thema „Drogenprävention“ auf der Tagesordnung stand. So viel Weggucken sei natürlich schlimm. „Ohne Namen und konkreten Verdacht kann die Polizei aber nichts unternehmen“, sagt Nommensen.

Zum Thema Gewalt gebe es Unterschiede auf der Insel: Während in Wyk die Probleme irgendwann auf den Tisch kämen, würden sie auf Föhr-Land eher unter den Teppich gekehrt. Nommensen würde sich freuen, wenn auch die Eltern den Mut hätten, sich unterstützen zu lassen. Hier wäre die Familienhilfe des Diakonischen Werks ein Partner.

Ute Nommensen hat das Gefühl, sich in den sieben Jahren auf Föhr kontinuierlich eine Vertraulichkeit aufgebaut zu haben. Obwohl so ein Platz zwischen den Stühlen, im Spannungsfeld zwischen Eltern, Lehrern und Kindern nicht leicht sei. Durch die Klassenratsstunden nutzt sie von Beginn an die Chance, die Kinder kennen zu lernen. „Das ist die Eintrittskarte in meine Arbeit.“ Aber sie macht sich nichts vor: „Ob in einer Klasse plötzlich die Drogenfälle überhand nehmen oder nicht, ist manchmal Zufall.“ Es reichten ein paar ungünstige Konstellationen, die dann die Schulklasse sprengen. „Die Schüler, die auf den ‚Problemjahrgang‘ folgen, sind schon wieder total anders drauf“, sagt sie.



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