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Premieren-Lesung auf Föhr : Bewegtes Leben auf 1000 Seiten

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Zehn Jahre seiner Kindheit verbrachte Henning Boëtius auf Föhr. Schwierige Jahre: Nun stellt der Schriftsteller seine Autobiografie auf der Insel vor.

von
erstellt am 16.Sep.2017 | 12:30 Uhr

Knapp zehn Jahre seiner Kindheit verbrachte der Schriftsteller Henning Boëtius auf Föhr. Prägende und schwierige Jahre, die bis heute nachwirken und nun Teil der Autobiografie des 78-Jährigen sind. „Der Insulaner“ hat der Verfasser von zahlreichen Romanen, Essays, Lyrik und Sachbüchern die Aufarbeitung seines nicht immer gradlinigen Lebens genannt. Knapp 1000 Seiten umfasst die Romanhandlung, in der sich der Schriftsteller B. wegen eines Tumors am Gehirn operieren lassen muss. In der Narkose zieht sein Leben an ihm vorbei…
Am Montag und Dienstag, 18./19. September, stellt Henning Boëtius seine Autobiografie in der „Alten Druckerei“ vor; Beginn ist jeweils um 20 Uhr.

Sie haben knapp zehn Jahre ihrer Kindheit auf Föhr verbracht. Geboren wurden sie in Hessen. Auf welchen Wegen kamen sie nach Föhr?
Mein Vater ist Föhrer. Das ist der Grund für meine Verpflanzung auf die Insel. Mein Vater hoffte dort, nach dem Krieg wieder Arbeit zu finden, und zwar in seinem Seemannsberuf. Eine Weile arbeitete er als Kapitän auf Muschelkuttern. Das war auf Dauer nicht haltbar. Er wollte wieder auf große Fahrt. Wir sind nach Rendsburg gezogen, weil die dortige Reederei Zerssen meinem Vater eine Zukunftsperspektive bot, zunächst als nautischer Offizier, dann als Kapitän, dann als Inspektor.

Nach zehn Jahren zogen ihre Eltern mit ihnen von der Insel nach Rendsburg, da waren sie 16 Jahre alt. Sie selbst haben sich in einem früheren Gespräch als damaligen Sonderling und Eigenbrötler bezeichnet. Mit Spezialwissen, ohne Realitätsbewusstsein und nicht kommunikationsfähig. Wie empfanden sie als Jugendlicher das Leben in der fremden Stadt, wo sie sich ja von ihrem Berufswunsch, Atomphysiker zu werden, verabschiedet, und zu schreiben begonnen haben?
Auf der Insel wurde ich als Fremder empfunden. Ich bin häufig gemobbt worden und habe mich in der Tat zum Sonderling mit einer extremen „Inselbegabung“ entwickelt, das ist das Fachwort für außergewöhnliche Leistungen in einem Teilbereich, für mich war es die Physik. Man nennt das auch „Savant-Syndrom“. Eine Inselbegabung geht einher mit sozialer Isolation. Der Titel meines Romans „Der Insulaner“ spielt darauf an.

Hat sie das Leben in Rendsburg mehr geprägt als die zehn Jahre zuvor auf der Insel?
Die Zeit auf Föhr hat mich entscheidend geprägt, mehr als die Jahre in Rendsburg. Denn sie hat mich mit Bildern versorgt, mit Wetter, mit Himmeln, mit Wolken, mit der Poesie des Meeres. Ohne diese Zeit wäre ich kein Poet geworden. Es war dann später kein Wunder, dass ich der Physik das Schreiben von Gedichten vorzog.

Betrachtet man ihren Lebensweg, schaut man auf eine abenteuerliche Biografie. Warum sind sie immer wieder grandios gescheitert?
Mein Lebensweg war in der Tat ziemlich chaotisch. Es gab Höhen und Tiefen. Ich habe mehrfach den Beruf gewechselt, promovierter Editionsfachmann, Goldschmied, Bühnenmusiker, aber durchgesetzt hat sich dann das Leben als Autor. Ich würde daher nicht sagen, dass ich oft grandios gescheitert bin, vielmehr habe ich intuitiv alles dafür getan, nicht in einer bestimmten beruflichen Rolle zu ersticken. Ich musste mich permanent bewegen, so wie es der Hai tut, der erstickt, wenn er zu schwimmen aufhört.

Neben Höhen gab es immer wieder Tiefen. Gab es in diesen Zeiten Menschen, die an sie geglaubt und sie gefördert haben?
Ich hatte immer wieder das Glück, geistige Förderer zu finden, meistens Lehrer wie Wöbbe in Wyk und Hoop in Rendsburg.

In ihrem Bestseller „Phönix aus Asche“ haben sie das schwierige Verhältnis zu ihrem Vater aufgearbeitet. Im „Insulaner“ stehen sie selbst im Mittelpunkt. Was bedeutet das Buch für sie?
Literatur war für mich immer auch ein großer Problembewältiger. Es ist mir gelungen, durch Schreiben auch das schwierige Verhältnis zu meinem Vater in eine späte Freundschaft zu verwandeln. Im „Insulaner“ versuche ich, leider viel zu spät, meine ebenfalls schwierige Beziehung zu meiner Mutter zu heilen, indem ich ihr Gerechtigkeit widerfahren lasse. „Der Insulaner“ ist nicht nur ein autobiografischer Roman, er ist auch der Versuch eines Resümees. Der Schlussstein in einem inzwischen ziemlich großen erzählerischen Gebäude. „Phönix aus Asche“, „Der Strandläufer“, „Der Insulaner“ gehören zusammen, sie sind meine Trilogie.

Wie lange haben sie an dem Buch geschrieben?
Ich habe sechs Jahre am „Insulaner“ gearbeitet, und das in einer schwierigen Zeit, in die meine Krebserkrankung fiel. Ich habe wohl versucht, mich wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf der Ängste zu ziehen.

„Phönix aus Asche“ ist nur zum Teil autobiografisch, sie haben auch ihre Phantasie spielen lassen. Ist das beim „Insulaner“ anders?
Natürlich ist der Roman eine Mischung aus Biographie und Erfindung, „Dichtung und Wahrheit“, wie Goethe so schön formulierte.

Biografien waren in den 1980-er Jahren bereits eine ihrer Spielwiesen. Über Hölderlin etwa, Lichtenberg oder Rimbaud. Allesamt Außenseiter im Literaturgeschäft, zu denen man auch sie zählen könnte. Schließt sich da ein Kreis für sie?
Dass ich über Rimbaud, Lichtenberg oder Günther Romanbiografien geschrieben habe, war in der Tat eine literarische Art, sich warmzulaufen für das entscheidende Projekt: Mein eigenes Leben zum Gegenstand von Dichtung zu machen. Jene Bücher über kreative Einzelgänger haben mir geholfen, mich mir anzunähern.

Sie geben in dem Buch viel von sich preis, zur Sprache kommt auch sehr Persönliches. Gab es Reaktionen aus ihrer Familie, die ja teilweise noch auf Föhr lebt, und welcher Art waren diese?
Es gab zum Teil aus der Familie den kuriosen Versuch, das Buch mit juristischen Mitteln zu verhindern. Ich weiß nicht warum. Ich finde, ich habe eine sehr freundliche, wenn auch zuweilen satirische Beschreibung der Föhrer geliefert. Aber die Wahrheit provoziert leider auch oft.

Was empfinden sie heute für Föhr und was bedeutet ihnen die Lesung hier?
Diese Erstlesung auf der Insel bedeutet mir sehr viel. Ich verlasse den Kreisssaal, zeige zum ersten Mal mein Baby und hoffe, dass es den Leuten gefällt. Föhr ist übrigens immer noch für mich die virtuelle Heimat, was meine Sprache anbelangt, und ich bin jedesmal verdammt aufgeregt, wenn ich den Inselboden betrete.

Sie haben den „Insulaner“ einmal als ihr Opus Magnum und Wiedergutmachung an dem Menschen Henning Boëtius bezeichnet. Nun ist ihr Lebenswerk fertig, was kann die knapp 1000 Seiten noch toppen? Wie sehen ihre Zukunftspläne aus?
Zukunftspläne habe ich nicht, was bei der zeitlichen Schrumpfung meiner Zukunft auch kein Wunder ist. Ich werde allerdings noch einen Roman schreiben, denn es existiert ein entsprechender Vertrag mit dem Verlag. Vielleicht wird es ein Piratenroman, so etwas wie der „Fluch der Nordsee“.

Interview: Peter Schulze

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