Schleswig-Holstein Musikfestival 2018 auf Föhr : Beseelt vom Geist des Klezmer

Signierstunde: Der Ausnahme-Klarinettist ist vor dem Auftritt ganz entspannt.
Signierstunde: Der Ausnahme-Klarinettist ist vor dem Auftritt ganz entspannt.

„Mitmach-Konzert“ im Friesendom: Immer wieder fordert der Klarinettist Giora Feidman sein Publikum zum Singen auf.

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21. Juli 2018, 16:30 Uhr

St.-Johannis-Kirche, eine halbe Stunde vor Konzertbeginn. Wo andere Musiker sich zurückziehen, ihre Ruhe brauchen, Lampenfieber haben, steht Giora Feidman ganz entspannt im Kirchenvorraum, signiert Programmhefte und CDs und plaudert mit Konzertbesuchern.

Die trudeln so nach und nach ein, die Schlange vor der Kirche wird immer länger. Wer da bereits eine Eintrittskarte hat, kann sich glücklich schätzen, denn „The Spirit of Klezmer“, das Konzert mit dem weltberühmten Klarinettisten ist komplett ausverkauft. Trotzdem hoffen manche noch, spontan eine Karte ergattern zu können. So wie die drei Urlauber, die sich in Schale geworfen haben, ihr Glück an der Kasse versuchen und tatsächlich noch Tickets erwischen – für ganz oben, auf der Empore. Doch billige Plätze auf den hinteren Rängen, so hatte diese Familie sich das offenbar nicht vorgestellt, denn nachdem sie die Plätze ausgiebig inspiziert, das Angebot ausführlich diskutiert haben, verzichten die drei – sehr zur Freude der nächsten in der Schlange.

Die wählerischen Gäste haben offenbar nicht geahnt, was sie verpassen würden. Feidmann, inzwischen 82 Jahre alt, hat nichts von seiner Kraft, seiner mitreißenden Präsenz verloren. 2006 und 2009 war er in der Boldixumer Kirche aufgetreten, damals mit dem großartigen Organisten Matthias Eisenberg. „Matthias ist genial“ meinte Feidman jetzt, als er auf die damaligen Konzerte angesprochen wurde. Mit Guido Jäger (Kontrabass), Enrique Ugarte (Akkordeon) und Murat Coskun (Percussion) hatte er auch dieses Mal wieder großartige Musiker mit auf die Insel gebracht, die wunderbar harmonierten und denen er viel Raum für mitreißende Soli gab.

Das Trio betritt den zur Bühne umfunktionierten Altarraum zunächst allein. Doch irgendwoher erklingen Klarinetten-Töne, ganz leise, ganz zart. Irritiert drehen sich Zuhörer um, da kommt Feidman in die Kirche, geht langsam, leise spielend, den Mittelgang entlang, bleibt vor jeder Reihe stehen. Es ist, als begrüße er mit seinem Instrument jeden Zuhörer persönlich – und die so angesprochenen Menschen lächeln, bevor sie , als Feidman und sein Trio dann gemeinsam richtig loslegen, johlen, klatschen pfeifen – lauter und begeisterter, als das bei vielen anderen Konzerten am Schluss der Fall ist.

Nicht nur johlen und klatschen dürfen die Zuhörer, sie dürfen auch singen – „Donna Donna“, „Shalom Chaverim“ – ein von Feidman enthusiastisch dirigiertes Gemeinschaftserlebnis. Viele summen die Melodien noch auf dem Heimweg, beseelt vom Geist des Klezmer. Und die Konzertbesucher, die die Karten auf der Empore „geerbt“ haben, werden den wählerischen Touristen sicher noch lange dankbar sein.

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