Alkersum : Berliner Luft trifft Nordsee-Brise

5,40 Meter wogende Kraft:  Das Nordsee-Triptychon hängt jetzt in Berlin.  Fotos: MKDW
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5,40 Meter wogende Kraft: Das Nordsee-Triptychon hängt jetzt in Berlin. Fotos: MKDW

Noch bis zum Januar: Arbeiten aus der Sammlung des Museums Kunst der Westküste werden in der Hauptstadt gezeigt

shz.de von
16. August 2018, 14:00 Uhr

Die Sammlung des Museums Kunst der Westküste (MKDW) ist auch überregional von Bedeutung. Immer wieder gehen Werke aus Alkersumer Beständen auf große Fahrt, um als Leihgaben in Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt zu werden. Diesen Werken widmen sich Gastbeiträge des MKDW. Heute berichtet Sabine Schlenker, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Alkersumer Museum, von einer Ausstellung in Berlin.

Jochen Heins Gemälde „Nordsee“ von 2003 wird in der „Ausstellung Europa und das Meer“ im Deutschen Historischen Museum in Berlin gezeigt. Das aus drei Teilen bestehende, insgesamt über fünf Meter lange Bild des Hamburger Malers wurde mit drei weiteren Werken aus der Alkersumer Sammlung in die Hauptstadt geschickt: Isaac Israëls’ „Das frische, zeitige Frühjahr auf der Seebrücke von Scheveningen“, Michael Anchers „Ausblick vom Skagener Strand am frühen Abend“ von 1892 und Max Liebermanns „Badende Knaben“ von 1902.

Jochen Hein ist auf der Insel Föhr sehr bekannt: Vor zwei Jahren, 2016 hatte ihm das Museum Kunst der Westküste die Einzelausstellung „Jochen Hein – Über die Tiefe“ sowie die von ihm kuratierte Schau „Jenseits der Zeit – Jochen Hein und die Sammlung Kunst der Westküste“ gewidmet, für die er eigene Arbeiten mit von ihm aus der Sammlung ausgewählten Werken gemeinsam präsentierte. Auch die „Nordsee“ war in dieser Ausstellung vertreten und eröffnete als erstes Werk den Reigen der im wahrsten Sinne des Wortes beziehungsreichen Zusammenstellung von alter und neuer Kunst.

Sowohl anlässlich dieser Ausstellungen, aber auch unabhängig von konkreten Projekten war Hein bereits mehrfach als Artist in Residence auf Föhr. Dabei konnte der gebürtige Husumer die Insel bestens kennenlernen und seine gesammelten Eindrücke in seine Arbeit einfließen lassen. Ob bereits im Alkersumer Museums-Atelier oder später in Hamburg entstanden dadurch zahlreiche neue Werke, in denen die nordfriesische Wattlandschaft in seine Kunst Eingang gefunden hat. Doch nicht erst seit dieser Zeit spielt das Meer für den Künstler eine prominente Rolle in seinem Schaffen. Vielmehr setzt er sich bereits seit vielen Jahren mit dem Element auseinander.

Vielen Bildern gemein ist ihre verblüffend fotorealistisch anmutende Qualität, die auf den ersten Blick nicht den Eindruck eines Gemäldes erweckt. Doch ist alles mit dem Pinsel gemalt und auch die „Nordsee“, die zu seinen frühen Meeresbildern zählt, wurde in Acryl auf Jute realisiert. Als Hilfsmittel dienen Hein für die künstlerische Umsetzung Fotografien, die er unabhängig von konkreten Bildentwürfen macht. Dabei bedient er sich der Vorlagen jedoch nie eins zu eins, sondern verwendet sie als Gedächtnisstütze, als ein bildnerisches Sammelsurium, aus dem heraus er auf dem Bildträger ein Ganzes zusammensetzt.

So ist auch die „Nordsee“ mit ihrem leichten Wellengang ein Ergebnis aus vielen zuvor gemachten Bildern. Auf dem querformatigen Gemälde ist in Aufsicht fast ausschließlich Wasser zu sehen. Lediglich am oberen Bildrand ist der schmale Horizont zu erkennen, wodurch das Motiv eine räumliche Begrenzung erhält. Es scheint, als würde der Betrachter wie ein Vogel über dem Wasser schweben oder von einem Schiff herab auf die glitzernde Oberfläche blicken. Nichts lenkt von der Sicht auf das unter uns liegende Meer ab, dessen schier unendliche Ausdehnung über die Begrenzungen des Bildes hinaus deutlich spürbar ist. Weder Mensch noch Tier stören den Blick auf die urgewaltige Masse des Wassers, das schon immer da war und auch nach uns immer noch da sein wird. Das Meer ist sich selbst genug und den Blicken des Menschen gegenüber gleichgültig. Wir jedoch können uns in das zu Sehende hineinvertiefen und uns sogar darin verlieren. Letztlich ist die Tiefe des Meeres von oben aber nur zu erahnen, und so bleiben dem Betrachter allein die vielen Vorstellungen, die ihn mit dem lebenswichtigen Element verbinden. Heins Intention ist es, das Überzeitliche der Natur, die uns Menschen nicht braucht, darzustellen und ihre Schönheit und Erhabenheit in zeitlosen Bildern festzuhalten.

Beim Betrachten eines Bildes wie Jochen Heins „Nordsee“ spielen in der heutigen Zeit jedoch nicht nur ästhetische Fragen eine Rolle, sondern auch geopolitische, ökologische und klimatologische. Diese zum Teil hoch aktuellen Aspekte werden in der Ausstellung „Europa und das Meer“ aufgegriffen und auf interdisziplinärer Ebene dargestellt. Heins „Nordsee“ führt den Betrachter dabei auf das Wesentliche zurück.

„Europa und das Meer“, bis 6. Januar 2019. Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2,
D-10117 Berlin



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