Museum Kunst der Westküste : Badende Knaben am Lago Maggiore

Die niederländischen Dorfjungen sind von der Nordsee an die Alpen gereist.
Die niederländischen Dorfjungen sind von der Nordsee an die Alpen gereist.

Als Nacktheit eigentlich noch undenkbar war: Bedeutendes Liebermann-Werk aus der Alkersumer Sammlung wird in der Schweiz gezeigt.

shz.de von
10. Juni 2018, 11:00 Uhr

Die Sammlung des Museums Kunst der Westküste (MKDW) ist auch überregional von Bedeutung. Immer wieder gehen Werke aus Alkersumer Beständen auf große Fahrt, um als Leihgaben in Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt zu werden. Diesen Werken widmen sich Gastbeiträge des MKDW. Heute berichtet die wissenschaftliche Mitarbeiterin Sabine Schlenker über ein Bild von Max Liebermann, das in Ascona gezeigt wird.

Erneut ging ein Werk von Max Liebermann aus der Sammlung Kunst der Westküste auf Reisen. Nachdem im März einige Gemälde des Künstlers bereits nach Den Haag ausgeliehen wurden (wir berichteten), wurde nun auch die um 1899 entstandene Ölstudie „Badende Knaben“ ins schweizerische Ascona gebracht. Dort wird sie seit gestern gemeinsam mit anderen Arbeiten des Künstlers in der Einzelausstellung „Max Liebermann – Pionier des deutschen Impressionismus“ im Museo Castello San Materno zu sehen sein.

Dieses Museum beherbergt die Sammlung des Unternehmerpaars Kurt und Barbara Alten. Neben Werken von Worpsweder Malern und Expressionisten ist auch Max Liebermann dort mit einigen Gemälden vertreten. Daher erscheint es nur konsequent, seine Kunst im Rahmen einer Einzelschau dem Publikum im südschweizerischen Tessin zu zeigen. Immerhin gilt der Berliner Maler als einer der bedeutendsten Vertreter des deutschen Impressionismus. Insbesondere bei den Bildern, die an den Stränden der niederländischen Badeorte Zandvoort, Katwijk, Noordwijk oder Scheveningen entstanden sind, zeigt sich sein Können, Szenen im Freien spontan zu erfassen. Dazu verhalf ihm auch der von der Malerei der französischen Impressionisten übernommene schnelle Pinselstrich, mit dem er die Figuren auf die Leinwand oder das Papier brachte.

Die mit einem erhöhten Abstraktionsgrad gemalten „Badenden Knaben“ belegen das vorzüglich. Auf dem kleinen Malkarton setzte Liebermann mit wenigen, sicheren Strichen eine bei den Impressionisten beliebte Szene um. Entstanden ist der Eindruck eines Badevergnügens an einem heiteren Sommertag, an dem sich die jungen Männer im kühlen Nass des Meeres erfrischen. Da Liebermann immer wieder auch direkt am Strand gearbeitet hat, ist es sehr wahrscheinlich, dass auch diese Ölstudie unmittelbar vor Ort realisiert wurde. Dabei steht sie innerhalb einer Reihe von zahlreichen Variationen, in denen der Künstler das Thema der „Badenden Knaben“ dargestellt hat. Andere Motive, die über viele Jahre hinweg in den Sommermonaten an der niederländischen Westküste entstanden sind, zeigen Reiter am Strand oder auch Tennis spielende Sommerfrischler, die sich um 1900 einen solchen Urlaub leisten konnten. Im Gegensatz zu diesen stellte Liebermann mit den „Badenden Knaben“ jedoch ausschließlich einheimische Jungen aus den umliegenden Dörfern dar, die abseits des mondänen Strandlebens dem ungezwungenen Badespaß nachgehen konnten. Das bürgerliche Publikum ging zu jener Zeit noch in langen Badekleidern und über von Pferden ins Meer gezogene Badekarren ins Wasser. Sich auszuziehen und nackt die Wellen zu genießen erschien innerhalb der damaligen strengen Sittenordnung undenkbar.

Die Ölstudie, die 2015 Eingang in die Sammlung Kunst der Westküste fand, war lange Zeit unbekannt geblieben. Mit dem gleichnamigen Gemälde, das Liebermann 1902 gemalt hat, und weiteren Arbeiten mit diesem Motiv in der Alkersumer Sammlung bringt sie das Thema auf Föhr anschaulich zur Geltung. Dass das Werk nun mit Leihgaben aus anderen Häusern sowie den sammlungseigenen Arbeiten in Ascona ausgestellt wird, belegt die Wichtigkeit dieser kleinen Studie innerhalb des Œuvres des Künstlers.


Max Liebermann – Wegbereiter des deutschen Impressionismus, bis 30. September 2018, Museo Castello San Materno, CH-Ascona

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