Föhr und Amrum : Aufrütteln ohne schlimme Bilder

Ruhe vor dem Sturm: Markus Mauthe kurz vor seinem Vortrag in Norddorf.
Ruhe vor dem Sturm: Markus Mauthe kurz vor seinem Vortrag in Norddorf.

Zeigen, was bald verloren sein könnte: Markus Mauthe ist für seine Greenpeace-Fotoschau knapp zwei Jahre durch die Welt gezogen.

shz.de von
15. August 2018, 14:00 Uhr

Für seine Dokumentation „Naturwunder Erde“ war der Fotograf Markus Mauthe knapp zwei Jahre durch die Welt gezogen; 13, 14 Reisen: durch die Wüsten und Savannen Afrikas, die Tundra Alaskas, den tropischen Regenwald in Brasilien, den wilden Urwald Kanadas, ins patagonische Inlandeis, auf einen der höchsten Berge im Himalaya und hinunter ins Meer vor Palau. Immer im Hinterkopf, die zerbrechliche Schönheit der Welt zu dokumentieren. „Wir machen die Erde gerade kaputt. Der Klimawandel ist ein Zeichen, dass wir den Planeten übernutzen“, sagt der gelernte Fotograf, der mit seiner Schau für die Umweltorganisation Greenpeace durch die Lande tourt, am Montag in Norddorf war und morgen nach Föhr kommt.

Er wolle aufrütteln, aber absichtlich ohne schlimme Bilder. Stattdessen zeigen, wofür es sich zu kämpfen lohnt, ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es kaum noch einen Lebensraum gibt, der nicht vom Menschen beeinflusst wird. Die Botschaft des 49-Jährigen ist klar: „Was nützt es uns, ein Eisbären-Programm aufzulegen, wenn ihm durch uns das Eis unter den Pranken wegschmilzt?“

Mauthe weiß selbst, wie schwer es ist, seinen Lebensstil zu ändern. „Ich fliege ständig in der Welt herum. Vielleicht habe ich auch deshalb dieses Regenwaldprojekt gegründet, als kleinen Ausgleich.“ Er betreibt gemeinsam mit seiner brasilianischen Frau Juliana, Wissenschaftlern und Bauern eine Kakaoplantage an der Küste Brasiliens. Sie wollen expandieren: Land kaufen, mehr Bäume pflanzen. Acht einheimische Familien müssen damit überleben. Ein Gästehaus haben sie mittlerweile auch gebaut. „Auch das kann man so und so finden“, sagt Mauthe. „Aber es sichert den Familien eben ein Auskommen, wenn wegen Regenmangel mal die Ernte ausbleibt.“ Ungewöhnliche Hitzesommer hätten die Einheimischen schon viele erlebt.

Mauthe hatte das Stück Kakaoland während einer seiner Reisen kennengelernt und sich in die Besitzerin der Farm verliebt. Juliana und er haben mittlerweile eine kleine Tochter. „Diese Begegnung war natürlich mein absolutes Reisehighlight.“

Überall auf der Welt ist der Fotograf an die Grenzen unseres Lebensstils gestoßen: Das El Niño-Phänomen im Pazifik, der Plastikmüll im Meer, der Ausbau der Monokulturen, die extensive Landnutzung, um Futtermittel für Tiere zu haben, die wir essen. Stickwort Billigfleisch im Supermarkt. Mauthe fasst sich an den Kopf. „Die Probleme sind global. Was glauben Sie, wie schwierig es ist, meinen Schwiegervater davon zu überzeugen, weniger Fleisch zu essen?! Einen Brasilianer!“

Während auf der Leinwand schöne Fotos die Welt illustrieren, verzichtet Mauthe zwar auf den erhobenen Zeigefinger, nicht aber auf ein paar Hinweise zur Selbstreflexion. Das wunderschöne Close-up eines schlafenden Löwen im Baum sieht nur deshalb so natürlich aus, weil der Bildausschnitt so eng gehalten ist. „Hätte ich größer gezoomt, hätten Sie gesehen, wie zwanzig Jeeps voller Touristen den Löwen beim Mittagschlaf fotografieren.“

Seine persönlichen Erlebnisse machen das Ganze oft eindringlicher. Auch im Angesicht eines Hais: „Wenn er Menschen angreift, ist das immer ein Riesenthema. Aber was ist mit den Angriffen der Menschen auf ihn?“ Bei jener Begegnung, erzählt Mauthe, der das Tauchen erst mit über 40 Jahren erlernt hat, sei er entsetzlich aufgeregt gewesen. Dabei habe es der Rat seines Tauchpartners nicht besser gemacht. „Der hat gesagt, ich soll ganz ruhig bleiben, weil der Hai meinen Herzschlag spüren kann.“

Der große Norddorfer Gemeindesaal war bis zum allerallerletzten Steh- und Hockplatz besetzt. Zwei Stunden lang ließen die Zuschauer die Leinwand nicht aus den Augen.

Zu Greenpeace ist Mauthe gekommen, weil er hartnäckig geblieben ist. „Früher bin ich mit Diavorträgen zu meinen Reisen durchs Land gefahren. Dann habe ich bei Greenpeace gelesen, was für ein schlimmer Raubbau an den Tropenwäldern betrieben wird. Und dann bin ich zu denen und habe ihnen angeboten, dass wir was zusammen machen sollten. Am Anfang war die Resonanz nicht so groß“, gibt er zu. „Aber ich bin hartnäckig geblieben.“

Mit „Naturwunder Erde“ tourt Markus Mauthe seit fast fünf Jahren durch die Republik. Er zählt schon rückwärts, auf Föhr zeigt er seine Show am Donnerstag zum 13.-letzten Mal. Ab November gibt es einen neuen Vortrag – wieder im Auftrag von Greenpeace. Statt Landschaft, stellt Mauthe dann Menschen in den Vordergrund – Menschen, die es vielleicht bald nicht mehr gibt. Wie das indigene Volk der Awa in Brasilien, die Korowai im indonesischen Papua, die Mundari im Südsudan und die Tschuktschen in Russlands fernem Osten. Ihre Lebensweise ist bedroht, wobei nicht sie uns, sondern wir ihnen zu nahe kommen. „An den Rändern der Welt“, heißt der Vortrag“. Wäre schön, wenn wir bald begreifen, dass auch wir am Rand der Welt stehen. Der Abgrund hat sich an vielen Stellen schon aufgetan. Siehe Billigfleisch. Aber so böse würde Mauthe das nie sagen.

„Naturwunder Erde“ wird am Donnerstag, 16. August, um 20 Uhr im Wyker Kurgartensaal gezeigt.

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