Museum Kunst der westküste : Auf der Suche nach Räumen

Täglich einmal in die Sehschule: Nicole Ahland am Wyker Strand.
Täglich einmal in die Sehschule: Nicole Ahland am Wyker Strand.

Die Fotokünstlerin Nicole Ahland war als „Artist in Residence“ in Alkersum. Auf den Inseln hat sie ein paar neue Objekte fotografiert.

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26. Januar 2017, 08:30 Uhr

Nicole Ahlands letzter Tag auf Föhr war wie gemacht für sie: Am Januar-Himmel wechselten sich Sonne und das tiefe Dunkel schwerer Regenwolken ab – ein Wolkenzug, so gewaltig, wie es ihn nur über dem Meer gibt.

„Meine Sehschule“, sagt Nicole Ahland und lacht. Dieses schöne Wort hat die 46-jährige Fotokünstlerin auf der Insel für sich entdeckt. „Ich bin ja konditioniert im Wahrnehmen von kleinsten Lichtänderungen, und hier ändert sich ja wirklich ständig ¬lles – und wiederholt sich nie“, sagt sie begeistert.

Über mehrere Wochen war die Wiesbadenerin auf Föhr zu Gast, hat auch Amrum besucht, und als Artist in Residence – als Künstlerin mit Inselwohnsitz – auf Einladung des Museums Kunst der Westküste (MKDW) in einem der wunderbaren alten Häuser hinter dem Museum in Alkersum wohnen dürfen. Nun geht es wieder heim.

Ahlands Spezialität sind Räume. Damit ist die studierte freie Künstlerin seit 2005 auf Ausstellungen präsent, zuletzt 2016 in der Schau „Empty Rooms“ im MKDW, wo drei ihrer Fotoserien die – so auch der Untertitel der Ausstellung – die „Schönheit der Leere“ zeigten. Darunter fiel ihr geheimnisvolles Haus im Wald, in dem ein Pilz auf den alten Möbeln wohnt. Und seltsam erhabene Fotos eines einst herrschaftlichen Geweses in Tschechien.

Im September war Ahland schon einmal vier Wochen auf Föhr. „Da hatte ich nur Sonnenschein, also bin ich echt froh, jetzt hier auch den Winter zu erleben.“ Obwohl sich, wie sie sagt, Begegnungen nicht wiederholen lassen, ist sie nochmal an viele Orte gefahren, an denen sie im Sommer auch schon war. Das Unterwegssein ist für sie Mission. Kreuz und quer über die Insel ist sie gefahren. Auf dem uralten Museums-Drahtesel mit Vintage-Charme. „Aber tatsächlich hat mir das alte Ding jede Menge Gespräche eröffnet“, sagt Ahland und lacht. „Wenn ich irgendwo lange stand und guckte, dann wurden die Insulaner neugierig. Eine Touristin konnte ich ja nicht sein mit diesem Vehikel, das eindeutig kein Leihrad war. So hat sich manch nette Plauderei ergeben“, erinnert sich Ahland. So kam sie zu Schlüsseln, mit denen sie selbstständig und unbeobachtet in Ruhe Räume auf sich wirken lassen konnte: die kleinen Hüttchen der Vogelkojen, die Süderender Heu-Herberge, zum Verkauf stehende Häuser in allen denkbaren Zuständen, das „„Erdbeerparadies“ im Umbruch.

„Räume sind ein Spiegel unserer Gesellschaft“, sagt Ahland und verweist auf das Beispiel des alten Gymnasiums und ehemaligen Schullandheims am Wyker Südstrand. Das hernach einen Jugendreiseveranstalter beherbergte und nun die Arbeiter einer großen Hotelbaustelle.

Nicole Ahland fotografiert analog. Mit Stativ und einer Mittelformatkamera, deren Negative sechs mal sechs Zentimeter groß sind. Viel Equipment, viel Zeit. „Das Langsame dieses Mediums kommt meiner Arbeitsweise entgegen“, sagt sie. „Und die Einmaligkeit. Du musst genau überlegen, was du willst. Einmal abgedrückt, war’s das.“ In Serie fotografieren und hinterher bebasteln, ist ihres nicht. Sie wartet selbst mit der Entwicklung und den Probeabzügen lange. Sie braucht Zeit, um die Quintessenz ihrer Bilder zu finden, das Konzentrat der Arbeit.

Das gilt auch für Föhr. Sie hat hier Räume gesucht, die ausdrücken, was um sie herum ist. Meer zum Beispiel. Es war schwer. „Selbst die Häuser mit erster Reihe Meerblick, gaben nicht das wieder, was ich gesucht habe. Ausgerechnet der einzige Regentag im September, den sie zufällig auf Amrum verbrachte, eröffnete ihr so einen Raum, in dem sich Außen mit Innen verband. Als nämlich Strandkorbvermieter Kalle Wruck sie nach einem wüsten Ritt auf dem Trecker über den Nebeler Strand zum heißen Tässchen in sein „Café Knülle“ einlud. „Die Stimmung da drinnen, beziehungsweise da draußen so nah am Flutsaum hat mich sehr überrascht, da habe ich dann auch gleich Fotos gemacht.“

Damit weiter arbeiten wird sie so schnell nicht. Sie braucht die zeitliche Distanz. Das schöne am musealen Artist-in-Residence-Dasein ist: es ist nicht mit Druck verbunden. Es gibt zwar keine zusätzliche finanzielle Unterstützung bei diesem Stipendium, aber eben auch keinen Zwang, sofort verwertbares zum Aufhängen vorzulegen. „So eine Auszeit bereichert das Bewusstsein“, sagt Ahland. Ein paar der September-Motive hat sie bereits angeschaut. Was ist ihr aufgefallen? „Interessanterweise sind die Räume trotz des grellen Sonnenlichts relativ dunkel, selbst die mit großen Fenstern“, sagt Ahland. „Obwohl in meiner Erinnerung nur hochsommerliches, gleißendes Licht ist. Aber nein: die Fotos zeigen viel Dunkel und sehr viele Naturtöne.“

Ahland war froh, so lange an einem Ort weilen zu können. „Hier anzukommen und zu wissen, man muss erst mal vier Wochen lang nicht weg, das entspannt. Raus aus dem Atelieralltag, rein in einen anderen Denkraum, neue Wege gehen.“ Und da an einem Inselhimmel ja eigentlich immer „Sehschule“ ist, war klar: jeden Tag mindestens einmal ans Meer zu gehen. Schnell war auch klar, dass sich – Raum hin, Raum her – auf den Inseln das Draußen einfach nicht ignorieren lässt. „Das ständige Erleben von Meer, Strand und Wind, auch gerade beim Radeln, das hat so viel Raum eingenommen, daher hatte ich auch das Bedürfnis, es mit abzubilden. Außerdem hat das alles einen unglaublich starken Einfluss auf die Menschen, die hier leben. Also habe ich mich immer wieder gefragt, wie ich das sichtbar machen kann.“

Zwölf Aufnahmen sind auf so einem Rollfilm. 20 bis 30 davon hat sie verbraucht. Jetzt zurück in Wiesbaden wird sie irgendwann eine Vorauswahl treffen, sie als kleine Skizzen an die Wand hängen, bis entschieden ist, wofür in ihrer Wahrnehmung dieser oder jener Ort steht. Auch das kann dauern. „Aber diese Freiheit nehme ich mir.“ Die Annäherung an die Insel und ihre Menschen lief bei Nicole Ahland über die Räume. Sie hat Föhr lieb gewonnen. „Da war ich bestimmt nicht zum letzten Mal.“ Ihre nächste Einzelausstellung hat Nicole Ahland im September auch an der Nordsee: im Cuxhavener Kunstverein.






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