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Reformation auf Föhr : Anziehungspunkt für Lernende

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Aus der Redaktion des Insel-Boten

Universität: Luther zog auch Studenten von den „Inseln des Nordmeeres“ nach Wittenberg.

Innerhalb von nur zwei Jahrzehnten wurde die 1502 gegründete Universität Wittenberg zu einem Anziehungspunkt für Studenten aus Nah und Fern. Sie „kamen aus jedem Land, Staat und Volk des lernwilligen Europa“ und darunter auch „die Bewohner von den Inseln des Nordmeeres“ – wie 1592 der spätere Föhrer Pastor Otto Ricardi.

Schon 1538 studiert Hieronymus Willemann aus Hamburg, später Pastor in Nieblum, an der berühmten Universität. Für ihn ist es nicht schwierig, sich in der Stadt an der Elbe auf das Studium vorzubereiten, aber welche Möglichkeiten hat ein Inseljunge wie Otto Ricardi? Vielleicht besuchte er wie Christian Petersen, der Sohn des Pastors Carsten Petersen an St. Nicolai, eine Schule auf dem Festland, zum Beispiel in Lübeck. Überliefert ist, dass auch die Inselpastoren Schüler auf die höhere Schule und Universität vorbereiteten. Deshalb kommt Paul, der Sohn des Amrumer Pastors Martin Flor, 1650 für vier Jahre zu Pastor Ricardus Petri nach Süderende, besucht danach das Flensburger Gymnasium und studiert in Rostock Theologie.

Für viele junge Männer von den Inseln ist Wittenberg das Ziel. Über den populären Universitätsort dichten Studenten: „Komm zu Wittenberg ins Thor, so begegnet dir ein Schwein, Student oder Hur.“ Endlich auf den unterschiedlichen Wegen zu Wasser und zu Land durchs Stadttor gegangen, tragen sich die angehenden Studenten gegen Gebühr in die Matrikel der Universität ein. Und so wissen wir noch heute, wer von Föhr dort einst studierte. Persönliche Erinnerungen von Föhrer Studenten oder Pastoren an ihre Zeit in Wittenberg existieren nach jetzigem Kenntnisstand jedoch nicht mehr. Eine „Bude“ finden die Studenten einerseits in Bursen, wo sie gemeinschaftlich mit anderen untergebracht sind. Andererseits ist es auch möglich, sich bei einer der Professorenwitwen, bei Universitätsangehörigen oder auch Wittenberger Bürgern einzumieten. So hat die Witwe des Malers Lucas Cranach der Jüngere ab 1591 zeitweise Zimmer für bis zu neun Studenten. Zu dieser Zeit ist auch der Föhrer Student Otto Ricardi in Wittenberg.

Auch Käthe und Martin Luther nehmen Studenten in Pension auf. Am gemeinsamem Mittagstisch sitzen bis zu 70 Personen, für die „Herr Käthe“ jeden Tag kocht. Luthers Tischgespräche und treffende Bemerkungen, in denen bisweilen deftige Worte fallen, zeichnen Studenten auf. Sie werden bis heute zitiert: „Die den Zölibat befürworten, sollten auch das Scheißen verboten haben.“ Es sind auserwählte Studenten, die bei Luthers sitzen. Die meisten anderen verpflegen sich in einer Art Mensa, in der Kommunität, wo die Preise, die Menge und Qualität allerdings immer wieder beklagt werden.

Der dänische König Christian II., der den Beinamen „der Böse“ trug, fand 1523 in Wittenberg Aufnahme, nachdem ihn sein Volk gestürzt und gefangengenommen hatte, er aber fliehen konnte. Seine Nachfahrin Königin Margrethe II. besuchte Wittenberg 2016 anlässlich des Abschlusses der mehrjährigen Sanierungsarbeiten an der Schlosskirche. Vielfältig sind die Beziehungen zwischen Dänemark und Wittenberg, dessen Partnerstadt Hadersleben ist. Christian III., ein begeisterter Lutheraner, unterstützt Wittenberger Studenten mit Stipendien und schickt bis 1545 Butter und Salzheringe für jährlich 59 Gulden ins Lutherhaus.

Auch Gemeinden wie Boldixum auf Föhr bezahlen die Ausbildung zukünftiger Pastoren wie Christian Petersen, der dann aber doch an eine andere Stelle versetzt wird. Andere junge Männer finanzieren ihr Studium, indem sie als Lehrer oder Küster arbeiten.

Gefährlich werden kann den Studenten die Pest, die im 16. Jahrhundert mehr als zehn Mal in Wittenberg grassiert. Die von 1598/ 99 ist gerade vorbei, als Christian Petersen nach Wittenberg kommt. 1635 stirbt er als Pastor von Emmelsbüll. Seine gewünschte Stelle in Boldixum bekommt Jacobus Hennings. In ihrer beider Amtszeit fällt der zehnte Jahrestag der Reformation.

  • Der 500. Jahrestag der Reformation ist allgegenwärtig. Welche Rolle die Reformation auf Föhr gespielt hat, beschreibt die Historikerin Dr. Karin de la Roi-Frey in einer kleinen Serie, die mit diesem Beitrag endet.


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erstellt am 21.Jul.2017 | 18:00 Uhr

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