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Der Erste Weltkrieg : An Heiligabend im Lazarett verstorben

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Aus der Redaktion des Insel-Boten

Der Gärtner Sophus Martin Jensen aus Wrixum wurde nur 20 Jahre alt. Sein Name findet sich auf dem Boldixumer Ehrenmal

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erstellt am 23.Dez.2015 | 19:52 Uhr

Auf Anfrage im Nieblumer Pastorat nach der vielleicht noch erhaltenen Grabstätte des Witsumer Landmanns Nanning Jensen (1859-1907) kam der Hinweis, dass diese inzwischen anderen Nutzungsberechtigten gegeben wurde. Die Spurensuche nach Nanning Jensens Sohn Sophus Martin (1895-1915), der neben seinem Vater und seinem jüngeren Bruder Christian Julius (1897-1912) begraben worden war, bleibt auch beim Ehrenmahl von St. Johannis ergebnislos. Die Platten für die gefallen Soldaten des Ersten Weltkriegs sind teilweise kaum noch zu entziffern, und eine schriftliche Aufstellung der Steine scheint es nicht zu geben. So ist unbekannt, ob er dort verzeichnet wurde. Auf dem Boldixumer Ehrenmal aber findet sich sein Name.

24 Jahre nachdem ihr lediger Sohn, der Gärtner Sophus Martin Jensen, an Heiligabend 1915 im Alter von nur 20 Jahren im Husumer Lazarett unter unbekannten Umständen gestorben war, trug man seine Mutter Inge geborene Lausten (1860-1939) in Nieblum zu Grabe. Sie war die Tochter des Toftumer Müllergesellen Christian Lausten, der wohl nur zirka 50 Jahre alt wurde. Seine Witwe Lena (1828-1907) heiratete nämlich 1868 in zweiter Ehe Jens Nielsen (1845-1936) aus Midlum. Das einzige überlebende Kind ihrer ersten Ehe, Inge, lebte später im Wrixumer Ohl-Dörp 19. Es gehörte ihrem Stiefvater Jens Nielsen und seiner dritten Frau Ida geborene Lorenzen.

Nachdem Inge Lausten verheiratete Jensen schon Jahrzehnte vorher ihren Mann Nanning und ihre zwei Söhne verloren hatte, vererbte sie das Haus Ohl-Dörp 19 an den Müller Jens Broder Knudtsen (1879-1961) aus Borgsum. Er war ein Bruder des Kaufhausgründers Boy Arend Knudtsen (1885-1974).

Das in die Weltkriegsgeschichte eingegangene Fußballspiel zwischen Deutschen und Engländern an Heiligabend 1914 fand im Jahr darauf nicht statt. Die Alliierten fürchteten um die Kampfmoral ihrer Truppen.

Auf Föhr starb am 22. November 1915 Friedrich Wilhelm Cortzen (geb. 1839), der in seinem Haus „vis-á-vis der Landungsbrücke“ (heute „bu-Bu“ und Confisserie) „Familien-Wohnungen sowie große einzelne Zimmer mit guten Betten“ vermietete und selbstverständlich elektrisches Licht und Wasserclosetts bieten konnte. Im Sommer vermietete er Strandzelte: „De ganze Sandwall langs harr cortzen sein gude Telten opstellt. Dat witte innen löchtet in de blanke Sonnenschien wiet öwer’t blaue Water.“

Friedrich Wilhelm Cortzens Schwiegersohn Franz Köhn (1888-1921) verlebt wie viele andere Föhrer Männer auch die zweite Kriegsweihnacht auf Amrum. Zu ihnen gehören unter anderem der Boldixumer Arwis Bohn (1888-1918), der in Frankreich fällt; der Boldixumer Lehrer Matthias Boyens (1873-1960), der alle Kriegsjahre zur Amrumer Küstenwacht gehört; der später im Westen fallende Wyker Schornsteinfegermeister August Geerk (1889-1918).

Die Nieblumerin Friederika Goos (1857-1946) schreibt im Oktober 1915 über ihren Neffen Richard Boyen (1880-1954) in ihr Tagebuch: „Richard ist immer noch in Norddorf [Amrum] und soweit in Sicherheit.“ Am 4. Januar 1916: „Schon wieder mal hat ein neues Jahr angefangen, und noch immer ist die Welt in Krieg und Aufruhr. Seit Wochen ist nun unser Richard in Rußland.“ Im September des gleichen Jahres kam er für Wochen auf Urlaub nach Hause zu seiner Frau Katharina geborene Ketels (1883-1963). Friederika Goos: „Wie ist das den lieben Menschen zu gönnen, sich mal wieder ordentlich auszuruhen und satt essen zu können. Er war trotz allem sehr vergnügt, sogar beim Abschiednehmen.“ Wieder an der russischen Front, kam Richard Boyen mit einer Nierenentzündung ins Lazarett. Juli 1917: „Unser Richard ist Gott sei Dank wohlbehalten. Er sitzt im großen Rußland in einer ganz kleinen Hütte als Trinkwasserbereiter.“ September 1918: „Er ist noch immer bei seinem Trinkwasserwagen, jetzt in Frankreich.“ Richard Boyen wird schließlich nach Kriegsende auf seine Heimatinsel Föhr zurückkehren und 1918 wohl wieder ein Weihnachten im Kreis seiner Familie verleben können. Er wurde später Alkersumer Amtsvorsteher.

Aus der Alkersumer Schulchronik: Nachdem einige Gemeindemitglieder der Schule einen Lichtbildapparat mit Zuschuß der Regierung geschenkt haben, findet am zweiten Weihnachtstag 1915 ein Lichtbilderabend mit dem Thema „Wie das große Völkerringen entstand“ statt. Schon lange vor Weihnachten gingen von Alkersum 46 Pakete „für unsere Feldgrauen“ an die Front.

Soldaten baten immer wieder um Ohr-, Knie-, und Pulswärmer, um Socken und Lebensmittel. Und so ging im Oktober 1915 vom Amrumer Frauenverein eine 45 Kilogramm schwere Kiste mit Wollsachen an das Rote Kreuz in Breslau, von wo sie weiterbefördert werden sollte zur Armee Hindenburg an die Ostfront. Einige Zeit danach erhielten die Amrumer Frauen ein Dankesschreiben, das die Vorsitzende Hüttmann angeblich noch lange unter Glas über ihrem Sofa hängen hatte: „An die Frauen und Jungfrauen von Norddorf, Insel Amrum, Nordsee. Die von ihnen gespendeten Weihnachtsgaben sind hier angekommen und konnten rechtzeitig am Weihnachtsabend an viele brave Soldaten zu deren größter Freude verteilt werden. Seine Exzellenz, Herr General von Kluck hat mich beauftragt, allen Spenderinnen von der Wasserkante seinen herzlichen Dank und Gruß zu übermitteln. Lademann, Major und Adjutant.“

Zu den wehrpflichtigen Dänen in Nordschleswig, die als preußische Staatsangehörige in der Armee dienen mussten, gehörte auch Kresten Andresen (1891-1916). Vier Wochen vor Weihnachten 1915 konnte er noch einmal mit ein paar Landsleuten, die nicht weit von ihm an der Westfront stationiert waren, Kaffee und selbstgebackenen Kuchen genießen und vor allem wieder einmal dänisch sprechen. Wenn keine Namensverwechslung vorliegt, wurde er am 10. August 1916 als vermisst gemeldet. Man hörte nie wieder etwas von ihm, sein Schicksal ist unbekannt. Ob er identisch ist mit einem Christian Kresten, der auf dem Friedhof Wervicq-Sud an der belgischen Grenze in der Nähe von Ypern beigesetzt wurde, konnte nicht eindeutig geklärt werden. 6000 dänische Soldaten fielen im Ersten Weltkrieg.

Im April 1915 starb in Wyk der von Pellworm kommende Johannes Wilhelm Carstens (1858-1915). Im zu Ende gehenden Jahr erfuhren seine Witwe Sophie geborene Mayer und ihre Töchter vom Tod des Sohnes und Bruders Karl Carstens auf dem Schlachtfeld. Wenige Wochen vor Weihnachten 1915 erschien in der „Föhrer Zeitung“ ein Gedicht von Karls Schwester Emmy:

„Du zogst hinaus zu streiten
für Heimat, Weib und Kind,
mannhaft standest Du im Osten
beseelt von deutschem Mut!

Du gabst dem Vaterlande
Dein junges Leben hin,
Dich deckt nun fremde Erde –
Oh, Bruder schlaf in Ruh!

Zu früh, und fern der Heimat,
wo Du gestritten hast
grub man, im Russenlande,
Dein schlichtes Heldengrab.

Dir war es nicht beschieden
Heimkehr und Wiedersehn!
Doch, Du kannst ruhig schlummern
Du bist in Gottes Hand!

‚Fürs Vaterland gefallen‘
Drei Worte inhaltsschwer –
Die Kunde kam aus Feindesland
Mein Bruder und mein Held!“


 

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