Amrumer Kapitän Nickelsen: Vom Sklaven zum Sklavenhändler

<strong>Professor</strong> Martin Rheinheimer hielt einen spannenden Vortrag. Foto: psz
Professor Martin Rheinheimer hielt einen spannenden Vortrag. Foto: psz

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12. Juni 2010, 09:14 Uhr

Föhr/Amrum | Ohne Vater aufgewachsen (der im Jahr seiner Geburt auf See blieb), mit zwölf Jahren zur See gefahren, mit 15 Jahren versklavt und in der Folge - als Sklavenhändler - zum reichsten Mann seiner Heimatinsel aufgestiegen. An diesem abenteuerlichen Leben des Amrumer Kapitäns Hark Nickelsen (1706-1770) konnten Interessierte in der Ferring-Stiftung teilhaben, wo Professor Martin Rheinheimer von der Süddänischen Universität in Esbjerg einen spannenden Vortrag über eine schillernde Persönlichkeit hielt.

Die einzige Möglichkeit, erfuhren die Zuhörer, auf dem kargen Amrum des 18. Jahrhunderts seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, bot die Seefahrt. 1787 fuhren 81 Prozent der männlichen Bevölkerung zur See. Seefahrt habe zu jener Zeit bedeutet, auch für Hark Nickelsen, dass man mit zwölf Jahren als Schiffsjunge begann. 1724 sei die Besatzung des Schiffes, auf dem der mittlerweile 17-Jährige fuhr, auf der Fahrt von Hamburg nach Nantes von einem algerischen Kaperschiff aufgebracht, in das seit dem 16. Jahrhundert von den Osmanen beherrschte Algier gebracht und dort auf dem Sklavenmarkt verkauft worden. Die kommenden drei Jahre, so der Historiker weiter, habe Nickelsen als Lakai des Beys (Herrschertitel während der osmanischen Herrschaft) von Algier in dessen Palast verbracht, in der Funktion des Kaffeeschenkers als Haussklave, ehe er 1727 von den Portugiesen freigekauft wurde.

Bereits 1728 fuhr der mittlerweile 22-Jährige als Steuermann wieder zur See, ab 1740 von Kopenhagen aus als Kapitän der Dänisch-Westindisch-Guinesischen Kompanie. Die betrieb seit Ende des 17. Jahrhunderts den globalisierten Sklavenhandel zwischen Kopenhagen, Guineischer Küste in Afrika und Dänisch-Westindien (den heutigen Amerikanischen Jungferninseln). Ein perfides System des Menschenhandels - der so genannte transatlantische Dreieckshandel - das wesentlich zum Reichtum des dänischen Staates beigetragen habe. Die Kapitäne erhielten seinerzeit Prämien für jeden Sklaven und durften auf der Rückfahrt Zucker auf eigene Rechnung mit in die Heimat nehmen.

Ein Beleg aus den Archiven der 1661 von den Dänen gebauten Festung Christians borg (an der Küste des heutigen Ghanas) belegt Nickelsens Tätigkeit als Sklavenhändler, wie der Historiker weiter berichtet. Akribisch sei darauf der Einkauf von Sklaven - Männer, Frauen und Kinder jeweils einzeln und mit den jeweiligen Preisen aufgeführt - quittiert.

Drei Mal sollte Nickelsen die Tour von Kopenhagen über Christiansborg nach Dänisch-Westindien für die Kompanie fahren; die letzte Fahrt in den Jahren 1748/49, auf der er etwa die Hälfte seines Vermögens verdiente, machte ihn endgültig zum reichen Mann. Am 1. Mai 1748 verließ das Schiff Kopenhagen und erreichte im März 1749, mit etwa 250 Sklaven an Bord, Dänisch-Westindien. Mit einem großen Eigenanteil an Zucker (etwa zehn Prozent der Gesamtladung) wieder in Kopenhagen angekommen, meldete sich der Kapitän bei der Kompanie krank, bat um seine Entlassung, verkaufte seinen Zucker (steuerfrei, denn er war seit 1734 Bürger der Stadt Kopenhagen und durfte zollfrei Handel betreiben) und reiste umgehend nach Amrum ab.

Dort angekommen investierte der Kapitän im Ruhestand ungeheure Summen (zirka 14 000 Mark) in der näheren Umgebung seiner Heimat, den Großteil im Kleiseerkoog und in Husum. Sichere Investitionen, deren Zinsen ihm für den Rest seines Lebens ein sicheres Auskommen bescherten. Als seine Witwe Marret Harken, die Nickelsen 1737 geheiratet hatte, im Jahre 1786 starb, hinterließ sie den für damalige Verhältnisse gigantischen Betrag von 25 580 Mark - laut Rheinheimer das mit Abstand größte Vermögen, das je auf Amrum hinterlassen wurde.

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