„Nesthäkchen“ : Amrum-Werbung im Kinderbuch

Die Bücher der in Auschwitz ermordeten Autorin werden auch heute noch gelesen.
Die Bücher der in Auschwitz ermordeten Autorin werden auch heute noch gelesen.

Else Ury ließ einen Band ihrer beliebten Romanreihe in einem Wittdüner Kinderheim spielen. 1943 wurde die Autorin in Auschwitz ermordet.

shz.de von
19. Juli 2015, 08:30 Uhr

Im „Seebad-Jubiläumsjahr” werden mit Sicherheit die Vornehmen und sogar die Hochadeligen, die das Wittdüner Bad mit ihrem Besuch beehrten, ihren Stellenwert finden. Nicht unerwähnt bleiben sollte aber auch der Inselaufenthalt einer damals hoch geschätzten Autorin, die dem jungen Seebad mit einem ihrer Kinderromane unerhört viel Reklame verschafft hat. Die heute etwas in Vergessenheit geratene Kinderbuchautorin Else Ury (1877-1943), hat in ihrer Romanreihe um das verwöhnte „Nesthäkchen” den dritten Band „Nesthäkchen im Kinderheim”, auf Amrum spielen lassen.

39 Bücher hat die Autorin veröffentlicht, ihre „Nesthäkchen-Bände” erreichten Millionenauflagen.

Das heutige Haus Eckhard in der Mittelstraße war die Herberge, in der Ury vor dem 1. Weltkrieg Pension bezog und zu ihrem Buch inspiriert wurde. Der Schreibstil ist für heutige junge Leser etwas gewöhnungsbedürftig, es wird oft in der verniedlichenden Kindersprache gesprochen. Dabei steht stets der erhobene Zeigefinger ständig zwischen den Zeilen. Von und über Amrum, dem Seebad ihrer Träume, erfährt man viel, manches davon ist bereits Historie, manches klingt noch sehr vertraut. Für Amrum war und ist der Kinderroman ein Pfund, mit dem man wuchern sollte.

„Überall kribbelte und krabbelte es im warmen Sand herum, denn Wittdün war ein echtes Kinderparadies”, heißt es im Roman. Das tückische Watt, die Muschel- und Blumenvielfalt, die Seefahrt und ihre Gefahren, das harte Los der Witwen, die ursprüngliche Natur mit ihren liebenswerten Menschen, alles wird den jungen Lesern verständlich nahegebracht. Die Onerbänke-Wichtel werden beschrieben, die hochgestellten Persönlichkeiten, die Amrum einst beehrten, ebenfalls. Aus dem Heimleben erfährt man, dass Tugenden wie Ordnung, Rücksicht und Verantwortung tragen zum Tagesverlauf gehören. Dass Kinderheimgruppen die Gräber auf dem Heimatlosenfriedhof mit Kranzblumen schmücken ist nur eine in Vergessenheit geratene Besonderheit Wittdüner Besucher.

Heroisch- kühn liest sich der Lobgesang auf Amrumer Seehelden, wo es heißt: „Das sind die Lotsen dieses Strandes, die Helfer in des Sturmes Wut, das sind die Kühnsten ihres Standes, das ist amringisch Heldenblut”. Diese Zeilen aus dem „Nesthäkchen-Inselband” waren für die damalige Rassenideologie nicht ausreichend, die Jüdin Else Ury zählte trotz ihres literarischen Rufes zu den Verbannten, die bereits 1935 Publikationsverbot erhielt und in Auschwitz enden sollte.

Nicht unerwähnt bleiben darf, dass es von Marianne Brentzel einen Nesthäkchen- Folgeband gibt mit dem Titel „Nesthäkchen kommt ins KZ”, in dem der berühmten und nun geächteten Berliner Autorin ein literarischer Abschied gegeben wurde.

Für die Wittdüner und auch gesamtamrumer Geschichte ist der Nesthäkchenbesuch weiterhin ein lohnenswerter Lesestoff.

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