Vortrag in der Ferring-Stiftung : Alte Sagen auf dem Seziertisch

Albert Panten fesselte die Zuhörer in der Ferring-Stiftung.
Albert Panten fesselte die Zuhörer in der Ferring-Stiftung.

Viele Motive gibt es auch in anderen Regionen. Manche „überlieferte“ Geschichte wurde in neuerer Zeit gedichtet.

shz.de von
11. Juni 2018, 17:00 Uhr

„Wenn eine Sage länger ist als eine halbe Seite, dann stimmt etwas nicht.“ Der Historiker Albert Panten war in der Ferring-Stiftung zu Gast und brachte seine Zuhörer mit solchen Sätzen öfter zum Schmunzeln. Das Thema: „Motive und Hintergründe nordfriesischer Sagen“.

Panten war Lehrer für Mathe und Physik, aber schon zu Studienzeiten in Kiel dort oft in der Handschriftenabteilung der Uni zu finden. Seine Beschäftigung mit Geschichte hat bis heute angehalten: Der 72-Jährige ist Autor zahlreicher Chroniken und historischer Untersuchungen. Irgendwann las er bei Christian Peter (C. P.) Hansen, dem Keitumer Schulmeister, Sylter Chronisten und emsigen Sagenproduzenten, einen Text, da entglitt ihm nur noch ein Hallihallo. „Da konnte ganz eindeutig was nicht stimmen“, sagt Panten. Hansen hatte einem alten Mütterchen aus der Hörnumer Heide ein derartiges Wissen in den Mund gelegt, wie es einfache Menschen damals gar nicht hätten haben können. „Sie hätte die nordfriesische Chronik von 1668 gekannt haben müssen. Das geht gar nicht.“ Pantens Interesse war geweckt. Fortan trug er zusammen, wie Gesagtes durch das Aufschreiben gefährdet wird.

Schon in der römischen Welt habe es für jedes Gefühl einen Gott oder Geist gegeben. „Dass man Dinge, die man nicht erklären kann, gern mit Geistern, Göttern und Dämonen in Verbindung bringt, ist kein Wunder.“ Ob Hexen oder oterbaankin, alles Protagonisten, um für etwas Nachteiliges Ursachen zu finden, sagt Panten.

Nehmen wir das Beispiel der onerbäänkin, jener kleinen Menschen in roten Jacken und grünen Hosen, die immer ein Messer in der Tasche trugen. „Deren Dichte war früher so groß, wie die der Grabhügel auf den Inseln. Und zu jedem gehörte ein Name“, erzählte Panten. Man glaubte damals, dass Tote wiederkehren. „Die sieht man nicht. Menschen wollen aber gern was sehen. Also wurden solche kleine Menschen daraus.“ Die wuselten dann im Leben der Lebenden herum, wiegten Kinder, saßen bei Tisch oder ließen sich von Insel zu Insel fahren. Wobei selbst diese alte, gut bekannte Geschichte der nächtlichen Überfahrt von Föhr nach Amrum ihren Ursprung eben längst nicht zwischen den Inseln hatte. „So eine Überfahrt ist im weltlichen Sagenschatz weit verbreitet und findet sich als Seelenwanderung ins Totenreich bereits im alten Ägypten sowie zur Zeit der Gotenkriege um 500 nach Christus.“

Auch der Herkunft der Hexengeschichten war Panten nachgegangen. „Wilde Geschichten. Eine Sammlung von Unverschämtheiten. Sein persönliches Unglück Frauen zuzuschieben, die damit gar nichts zu tun hatten.“ Ihren Ursprung hatte die Hexen-Verdammnis, als der katholische Glaube vor dem Hintergrund der Reformation ins Wanken geriet. Trotzdem musste weiterhin irgendjemand für all die Gebrechen und Unglücke verantwortlich sein. Da kamen Frauen mit ungewöhnlichem Aussehen gerade recht. „Der Hexenglaube lag wie ein Albdrücken auf den Föhrern“, sagte Panten. Deren liebster Treffpunkt soll eine Sandgrube zwischen Alkersum und Oevenum gewesen sein. 1670 erst wurde der letzte Hexenprozess auf Föhr geführt. Noch um 1850 berichtet C. P. Hansen von einem Hexenmeister auf der Insel. Erst die Ankunft der Sommerfrischler dezimierte den Hexenglauben.

Jeder Autor entwickelte beim Sagenschreiben sein eigenes Modell, abhängig von Vorwissen und gelesener Literatur. C. P. Hansen hat Sujets aus der europäischen Sagenwelt mit lokalem Kolorit verbrämt und schon war die Sylter Sage fertig. Damit verdiente er sich ein Zubrot zu seinem schmalen Schulsalär. „Das reisende Publikum hat er damals damit sicher erfreut“, erzählt Panten. Auch der Amrumer Sprachwissenschaftler Knut Jungbohn Clement soll laut Panten eine Mischung aus Phantast und Historiker gewesen sein.

Auf den Seziertisch kam auch die Katastrophe von Rungholt – für die es in ihren riesigen Ausmaßen keinen nachweisbaren Ursprung gibt. Und die berühmte Geschichte von der trunken gemachten Sau, einzuordnen etwa 1530, die unbedingt ihre letzte Ölung haben sollte, was den herbeigerufenen Pfarrer wüst erzürnte, kannte man auch in Ostpreußen. „Denn reiche Bauern, die sich gegen die Religion versündigten, gab es überall“, sagte Panten.

Wenn nun Erzähltes mit Aufgeschriebenem vermischt wurde, dann fragt man sich, wer diese Informationen zusammentrug in einer Zeit, in der es nur wenige Lese- und Schreibkundige gab. „Wir dürfen den Bildungshunger unserer Vorfahren nicht unterschätzen“, warf Panten ein. Im Keller des Sylter Heimatmuseum fand er zig Kartons mit Geschichten, die hiesige Schriftsteller im 18. und 19 Jahrhundert zusammengetragen hatte. Auch die Bibliothek der Ferring-Stiftung hält viele in ihren Regalen.

Albert Panten interessiert sich sehr für die Fußnoten. „Ich lese den Text und gucke dann in die Endnoten. Dann lese ich dort nach und gucke wieder in die Fußnoten. Und irgendwann bin ich beim Urverfasser.“ Wie groß der Unterschied zwischen dem Eingangs- und dem Ausgangstext ist, kann man sich denken. „Das ist wie bei ‚Stille Post‘. Was vorne steht, ist nie das, was hinten raus kommt.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen