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Auf Föhr : Alleinerziehend, Schaffnerin, Lazarettschwester

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Die Männer kämpften an der Front – für kurze Zeit und ausnahmsweise durften Frauen während des ersten Weltkriegs zeigen, dass sie schon immer mehr konnten als Kinder, Küche, Kirche.

Klagen über Hunger, Kälte und Sorgen mit den Kindern sollen im 1. Weltkrieg tunlichst in den Briefen an die Männer vermieden werden. Keine „Jammerbriefe“ an die Front, lautet ein Aufruf vom 2. März 1917. Die könnten sich schließlich negativ auf die Kampfeskraft auswirken. Und so schreibt die Wykerin Jenny Osning ihrem Bruder Sievert ins Feld: „Ich freue mich immer unmenschlich, wenn die erste Karte von Dir kommt, daß Du glücklich aus dem Graben bist. Es geht mir ganz gut, kann nicht klagen.“

Die Nieblumerin Friederike Goos dagegen kann in ihrem Tagebuch ehrlich sein: „Früher meinte man, keinen Talg brauchen zu können und nun bettelt man beim Schlachter um ein halbes Pfund rohen Talg. ... Seife gibt es nicht mehr“. Die Hauswirtschaft nimmt in vieler Hinsicht wieder vorindustrielle Formen an, denn zu kaufen gibt es immer weniger. Und Sophie Friedrichsen, die damals noch ein Kind war, weiß aus den Jahren des Ersten Weltkriegs: „..unsere Mütter haben sich plagen müssen.“ In ständiger Angst um den Mann und Familienernährer müssen die Frauen über Jahre den Alltag mit seinen vielen Problemen und
sich stets steigernden Erschwernissen allein meistern.

Ganz neue Wörter gehören nun zum täglichen Leben: Heimatfront, Kriegskochbuch, Ersatzstoffe, Schwarzmarkt, Straßenbahnschaffnerin, Munitionsarbeiterin, Papiergarn, Kastanienkaffee, Frauenhaarsammlung, Frauenfriedenskongress (Den Haag, 1915), Strickabende, Kriegerwitwe und „stilles Heldentum“, wenn Großmutter und Enkel statt der requirierten Pferde den Pflug übers Feld ziehen.

Und dann kommen sie wieder, die gefürchteten Nachrichten vom „Heldentod auf dem Feld der Ehre“. Meta Rickmers steht nach dem Tod ihres Mannes, dem Nieblumer Bäcker Boy Cornelius Rickmers, genannt „Boy Bäcker“, allein da mit einem kleinen Sohn und einem Bäckerladen, den sie selbst nicht führen kann. Sie vermietet ihn. Sohn Karl Bernhard stirbt in jungen Jahren. Aus Kummer darüber nimmt sich Meta Rickmers 1939 das Leben.

Hinter jedem Namen der Männer auf den Ehrenmahlen des 1. Weltkriegs der Insel Föhr stehen Geschichten von Leid und Tränen, von jahrzehntelanger liebender Erinnerung und dem überwältigenden Gefühl von Sinnlosigkeit.

Frauen versuchen zu lindern, was die Kriegslust der Männer angerichtet hat. Sie werden als Etappenhelferinnen zwischen der Front und der Heimat eingesetzt und sorgen für Kranke und Verwundete, arbeiten in der Verwaltung, in Munitions- und Gerätedepots, in den Lazaretten, beim Straßenbau, heben Unterstände aus und legen Feldflugplätze an.

Der auf Föhr bekannte Maler Ludwig Dettmann schreibt: „Wir gehen zu unserer Tochter in ihrem Lazarettsaal. Ich bin besorgt um sie; ohne mein Wissen hat sie ihre Prüfung als Rote-Kreuz-Schwester bestanden.“ Zu Tausenden melden sich junge Frauen (oft heimlich) für diesen Dienst. Dettmanns Tochter Ilse ist in Königsberg eingesetzt und glücklich, „daß ich jetzt unseren verwundeten Soldaten helfen kann.“ Darüberhinaus ist diese Tätigkeit für die jungen Frauen die einmalige Gelegenheit, ihrem Überbehütetsein, der Aufsicht und Reglementierung im Elternhaus zu entkommen. Manche atmen, auch wenn es in dieser bedrohlichen Situation ist, zum ersten Mal in ihrem Leben so etwas wie Freiheit, spüren Selbstbestimmung und Mut zum eigenen Leben.

Solche „Allüren“ werden nach 1918 allerdings gestoppt. Die Frauen müssen zurück in ihre domestizierte weibliche Bestimmung als Ehefrau, Hausfrau und Mutter. Das sehen manche Frauen schon vorher auf sich
zukommen. Und so fordert der „Bund deutscher Frauenvereine“ für die Nachkriegszeit das Wahlrecht für Frauen, das sie 1919 in der Weimarer Republik auch endlich erhalten.

Auf Föhr sind über alle Kriegsjahre Frauenvereine tätig, die im letzten Kriegsjahr eine engere Zusammenarbeit planen. Die Wyker Frauen schicken Weihnachtspäckchen an die Soldaten, unterstützen Familien mit Konfirmanden, legen Sparbücher für Kinder gefallener Soldaten an, betreuen die auf Föhr sich erholenden „Feldgrauen“ und übernehmen viele andere Aufgaben. So bietet die Pastorenenkelin Betty Frerks Lehrkurse zur Herstellung von Fußbekleidung aus Holz, Pappe oder Stroh. Leder gibt es schon lange nicht mehr, auch die Gummireifen der Fahrräder werden beschlagnahmt, weil die Armee Gummi braucht. Einweckgummis sind deshalb auch nicht mehr zu bekommen.

Im Januar 1916 schreibt Friederika Goos von Nieblumer Gästen und deren Tochter Frieda, die „in Indien als Missionarin und zuletzt ein ganzes Jahr in Gefangenschaft“ war. Wie der Dienst beim Roten Kreuz bietet die Mission unverheirateten Frauen, die möglichst einen Missionar vor Ort heiraten sollen, berufliche und private Entfaltungsmöglichkeiten, die ihnen in der Heimat nicht offen stehen.

Unter ganz anderen Vorzeichen ist die 1843 geborene Föhrer Kapitänstochter Namine Witt in der Welt unterwegs gewesen. Mit ihrem Vater reiste sie nach London, St.  Petersburg, nach Ostindien und China. Das bildet, weitete den Blick und macht sie letztendlich zur Inseldichterin. 1917 schreibt sie:

„Schon naht der Winter wieder,

der unsere Not erhöht

und man schreit Hoch! und Nieder!,

bis es im Kampf der Brüder zum Rettungswerk zu spät.

Wer uns den Weg will weisen, der zeige, was er kann!

Wir wollen jeden preisen, der uns auf sicheren Gleisen

nach oben führen kann!

Mit Hetzen und mit Prahlen ist es noch nicht getan.

Jetzt heißt’s die Zeche zahlen!

Hört Gottes Mühlen mahlen

fangt an, ihr Herren, fangt an!“

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